Unheimliche Anekdoten

Eric Gujer liefert mit "Kampf an neuen Fronten" so etwas wie eine Unterhaltungsversion des BND-Geschäftsberichts

Von MATTHIAS PENZEL

Wie schön waren doch die Zeiten des Kalten Krieges, als alles so einfach war. Es gab Gute und Böse, oder vermeintlich Gute und vermeintlich Böse: Ost-West, Rechts-Links, alles schien überschaubar. Heute wechseln ständig die Fronten, die Positionen von Alliierten verschieben sich. Gegner werden zu Verbündeten. Alten Freunden ist wiederum nur bedingt zu trauen, Konflikte sind asymmetrisch, nicht Supermächte sorgen für Bedrohungen, sondern Terroristen aus abgelegenen staubigen Regionen mit Internetanschluss und WLAN.

Kurz: Geheimdienste müssen wieder einmal umdenken. Schon nach dem Fall der Mauer wurden ihre Etats zusammengestrichen, mussten sich die Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) nicht mehr mit DDR-Spionen befassen, sondern sich plötzlich behaupten gegenüber Geldwäschern, Drogenhändlern oder internen Machtspielen. Es kam zu kleineren und größeren Skandalen - dann folgten die Terroranschläge des 11. September und die Geheimdienste in aller Welt mussten sich und ihre Arbeit nicht länger verteidigen.

Anders ausgedrückt: Der internationale Terrorismus ist auch in Deutschland zur großen Bedrohung geworden. Der BND steht dadurch vor vollkommen neuen Herausforderungen. So sieht es beispielsweise Eric Gujer in seinem Buch Kampf an neuen Fronten. Schon der Untertitel, Wie sich der BND dem Terrorismus stellt, deutet an, dass es sich dabei durchaus um so etwas handeln könnte wie die inoffizielle - publikumswirksamere - Version eines BND-Geschäftsberichts für Sympathisanten und Investoren, gewürzt mit "unheimlichen" Anekdoten aus dem Nähkästchen klandestiner Arbeit.

Der Korrespondent der Neuen Zürcher Zeitung gesteht zunächst einmal zu, dass in der BND-Zentrale in Pullach Fehler passiert seien. Und er erkennt überraschende Gemeinsamkeiten zwischen Spionen und Journalisten: Beide suchten, tauschten und machten Nachrichten, schreibt er. Hhm.

In seinen Darstellungen versucht Gujer allzu offensichtliche Wertungen zu vermeiden, doch Kennern fällt auf, wem die Sympathien des Autoren im Zweifel gelten. Beispiel: Foertsch-Affäre. In den neunziger Jahren geriet BND-Sicherheitschef Volker Foertsch selbst unter Spionageverdacht, der frühere BND-Mann Norbert Juretzko schrieb darüber ein Buch (Bedingt dienstbereit). Gujer sieht darin eine Desinformationskampagne, "rangniedere Offziere wie Juretzko" hätten dafür gesorgt, dass ihr der Sicherheitschef, der "lange im Bonner Kanzleramt ein und ausging", zum Opfer fiel.

Foertsch und Gujer sind beide Mitglieder im "Gesprächskreis Nachrichtendienste in Deutschland" (GKND), einem Zirkel altgedienter Geheimdienstler und Journalisten, die gemeinsame Podiumsdiskussionen und Gedankenaustausche organisieren. Das muss man nicht wissen, es hilft aber bei der Bewertung der Darstellung.

Für die meisten Leser ist so etwas naturgemäß schwer zu erkennen, wie jedwede professionell betriebene Desinformation. Wer nicht die Zeit oder Mittel hat, Informationen sorgfältigst abzuklopfen, muss sich auf seine Instinkte verlassen - und kann dabei auch irren. Ohnehin darf bezweifelt werden, dass solche Passagen einen gesteigerten Unterhaltungs- oder Informationswert für den unbedarften Leser haben.

Lässt man einmal die subtil eingeflochtenen Bewertungen des Autors beiseite -etwa dass der BND zwar Fehler gemacht, aber auch viele Erfolge verbucht habe, dass er vor allem mehr Geld brauche, um auch frei agierende Journalisten zu bezahlen, - gewährt das Buch Einblicke in eine Menge Affären und Skandale, die einem die Sprache verschlagen.

Beispielsweise die "Plutonium-Affäre", bei der Verbindungsleute des BND im spanischen Drogenmilieu ein Scheingeschäft eingefädelt hatten, um zu demonstrieren, dass spaltbares Material zum Bau von Atomwaffen auf dem Schwarzmarkt erhältlich sei. Im Zuge dieses Versuchs wurde sogar Plutonium nach Deutschland geschmuggelt. Darin zeigt sich, dass "undercover" so viele doppelte Böden und Wahrheiten beinhaltet und ein dermaßen komplexes Spiel mit Spiegeln und Tricks ist, dass sich beinahe jeder darin verlieren kann.

Gujers Darstellung ist nachvollziehbar und wird nicht reißerisch. Seine Kapitelüberschriften sind programmatisch und wie auf offizieller Linie, beim Einstieg in so manches Kapitel glaubt man sich dann allerdings in einem Thriller von Altmeistern des Genres wie John Le Carre oder Frederick Forsyth: "Im Sommer 1996 lag das Dorf Nowyje Atagi im Niemandsland"… "Nichtsahnend betrat Muhammad Naeem Noor Khan den Flughafen der pakistanischen Stadt Lahore" … "Für David Mitterhuber, der seinem Vornamen eine arabische Form gegeben hat und sich Dawud nennt, war es ein böses Erwachen."

Ist das noch seriös? Gute Frage. Andere Frage: Wenn Verdächtige gefoltert oder getötet werden, wenn in Bagdad Informanten auf der Gehaltsliste des BND den Kriegstreibern in den USA zuarbeiten - kann man eine Nachricht und ihren Hintergrund nicht schreiben wie einen Unterhaltungsthriller?

Man erinnere sich, von Gujer ermuntert, nur etwa an die Geschichte jenes "rollenden Biowaffenlabors" in Irak, die sich von einer vorsichtig gesichteten Quelle des BND hin zum unumstößlichen Beweis wandelte, als Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat den bevorstehenden US-Angriff zu rechtfertigen suchte. (Später schoben einflussreiche US-Medien den Schwarzen Peter zurück nach Pullach/Berlin.)

Vielleicht sollte man ohnehin mehr Thriller lesen, oft stammen die von früheren Geheimdienstleuten und bieten neben Know-how auch das viel zu seltene Know-why. Saddam Husseins Mentalität des Protzens mit mächtigen Waffen erläuterte Frederick Forsyth schon 1994 in Die Faust Gottes. Die Lastwagen mit den Labors zur Herstellung von B-Waffen, von einem exil-irakischen Ingenieur dem BND erzählt, kreuzten schon 1997 in Cobra auf, einem Wissenschaftsthriller Richard Prestons.

Die Arbeit von Geheimdiensten ist nach wie vor nötig. Ebenso ihre Natur der Geheimniskrämerei, selbst gegenüber ihren Geldgebern, also Politikern und Volk. Doch genauso nötig bleiben die Aufklärer unter den Journalisten, die Affären der Dienste ans Tageslicht befördern. In dieser Hinsicht sind die minutiös recherchierten Bücher Erich Schmidt-Eenbooms dabei sicher wertvoller als der brave Bericht Eric Gujers.

Eric Gujer: Kampf an neuen Fronten. Wie sich der BND dem Terrorismus stellt. Campus Verlag, Frankfurt am Main 2006, 316 Seiten, 24,90 Euro.

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