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Johann Scheerer, Sohn des Hamburger Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma.
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Johann Scheerer, Sohn des Hamburger Multimillionärs Jan Philipp Reemtsma.

Johann Scheerer

Ein Leben unter Beobachtung

  • Harry Nutt
    vonHarry Nutt
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In seinem Roman „Unheimlich nah“ erzählt Johann Scheerer die Geschichte seines Aufwachsens als Sohn von Jan Philipp Reemtsma.

Im März 1996 wurde der Hamburger Literaturwissenschaftler und Mäzen Jan Philipp Reemtsma entführt und erst nach 33 Tagen wieder freigelassen. Zwei Geldübergaben waren gescheitert, ehe die Entführer 15 Millionen DM und circa 12,5 Millionen Schweizer Franken entgegennahmen und verschwanden. Es galt als eines der spektakulärsten Verbrechen der deutschen Nachkriegsgeschichte, über das Jan Philipp Reemtsma gut ein Jahr später ein intimes Protokoll seiner Gefangenschaft veröffentlichte. „Im Keller“ wurde nicht zuletzt auch als literarisches Ereignis rezipiert, Reemtsma war es auf bemerkenswerte Weise gelungen, für seine Beobachtungen, Gedanken und Ängste eine Sprache zu finden.

Johann Scheerer, Reemtsmas Sohn, war zum Zeitpunkt der Entführung 13 Jahre alt. Das jähe Ende seiner Kindheit hat er in dem 2018 erschienenen Roman „Wir sind dann wohl die Angehörigen“ (Piper-Verlag) beschrieben, das als Gegenstück zu „Im Keller“ gelesen werden kann. Angst und Beklemmung hatten sich nicht nur in Reemtsmas Verlies breitgemacht, sondern auch das Familienleben erfasst. Und sie klangen nach der Rückkehr des Vaters nicht ab.

In seinem zweiten Roman schildert Johann Scheerer nun die Geschichte eines Aufwachsens im Ausnahmezustand, „Unheimlich nah“ ist ein Bildungsroman über den langen Schatten einer Freiheitsberaubung.

Das Buch:

Johann Scheerer: Unheimlich nah. Roman. Piper Verlag, München 2021. 329 S., 22 Euro.

Im Frühsommer 1996 war die Familie für einige Wochen nach New York übergesiedelt, um in der Anonymität der US-amerikanischen Metropole zur Ruhe zu kommen. Schon bald nach der Rückkehr nach Hamburg aber wird deutlich, dass das alte Leben zerstört ist und ein neues unter Beobachtung beginnt. Das Anwesen der Reemtsmas wird zu einem Hochsicherheitstrakt umgerüstet, und der Teenager Johann mit Verhaltensregeln konfrontiert, die jeden seiner Schritte zum Gegenstand einer Gefahrenanalyse machen. Objekt- und Personenschützer gehören fortan zu Johanns engsten Bezugspersonen. Sie folgen ihm auf dem Weg zur Schule und sind auf Distanz dabei, als sich erste Liebschaften anbahnen.

Die zähe Normalisierung eines Traumas gebiert nicht nur schlechte Laune, sondern auch skurrile Begebenheiten. Bei den Versuchen, sein Leben als beschattete Existenz zu meistern, gerät Johann immer wieder in absurde Verwicklungen. Als wäre die Pubertät nicht schon kompliziert genug, stürzt sie den Ich-Erzähler in forcierte Identitätskonflikte. Halt findet er am ehesten in der Schülerband Am Kahlen Aste, in der er Gitarre spielt und für die er Songs schreibt. „Unheimlich nah“ ist auch ein Porträt des Künstlers als junger Mann.

Wie schon bei seinem ersten Buch hat Johann Scheerer die Gattungsbezeichnung Roman gewählt, scheint bei der Gestaltung seiner Geschichte jedoch streng um Authentizität bemüht. Gewidmet ist das Buch jenen, „die wissen, wie es war“. Das deutet auf eine belastende Differenz zur Medienerzählung hin, aber auch auf das ausgeprägte Bedürfnis, die Deutungshoheit zu behalten. Scheerers Buch handelt von der emotionalen Überforderung eines Jugendlichen, der sich trotz aller Ausbruchsversuche als gut erzogener Junge erweist.

Der Autor löst sich zu wenig vom Erlebten, um aus seiner Geschichte eine exemplarische Generationserzählung hervorgehen zu lassen, aus der Coming-of-Age-Geschichten ihren Reiz beziehen. Das schwierige Verhältnis zum Vater schleppt sich durch den Roman und mündet am Ende in eine Szene, in der wechselseitiges Verständnis aufscheint. Die Dämonen sind nicht vertrieben, aber jeder hat auf seine Weise gelernt, mit ihnen zu leben.

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