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Szene am Deutschen Theater in Berlin.

"Joseph und seine Brüder"

Ein ungewöhnlich heißer Brei

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Thomas Manns große Roman-Tetralogie "Joseph und seine Brüder" liegt in kommentierter Ausgabe vor. Zeit, sie wieder zu lesen.

Es sagt sich so leicht, dass dieses Romanhochgebirge zu den wichtigsten literarischen Werken der Moderne gehört, allenfalls vergleichbar mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ oder dem „Ulysses“ von James Joyce. Und es wurde dies über Thomas Manns „Joseph und seine Brüder“ ja oft gesagt, selbst von seinen Gegnern. Aber was verleiht diesen vier Romanen, erschienen zwischen 1933 und 1943, ihre Größe? Warum sollte man sich die knapp 2000 Seiten jetzt wieder auf den Tisch legen?

Thomas Mann wollte seine Roman-Tetralogie als ein „Bilder- und Geschichtenbuch vom Menschen“ verstanden wissen. Das sind sie. Aber es sind ausgesprochen voraussetzungsreiche, auch ungewöhnliche Bilder und Geschichten, die er hier unter von ihm oft beklagten Anstrengungen und mit großem Kenntnisreichtum entworfen hat.

Den Kern der Handlung bildet jene Geschichte von Jakob und seinen Söhnen, dem „ausgesonderten“ Joseph vor allem, der ins ägyptische Exil vertrieben wird, dort in Haft und eine fremde Welt gerät, die Träume des Pharao deutet und zum Spitzenpolitiker aufsteigt, ehe er seine Brüder wiedersieht und die Familie nach Ägypten holt, diese im biblischen Buch Genesis so anspielungs- und gedankenreiche Geschichte. „Hundertmal ist sie erzählt worden und durch hundert Mittel der Erzählung gegangen“, lässt Thomas Mann seinen Erzähler im dritten Band, „Joseph in Ägypten“, sagen. Grund genug, in den „Brunnen der Vergangenheit“ abermals hinabzusteigen.

Aber Mann ging es nicht einfach darum, die in der Bibel erstaunlich kurze Geschichte mit einem „Fest der Erzählung und Wiedererweckung“ zu „zelebrieren“, auch nicht bloß um das „Realisieren und Genaumachen des mythisch Entfernten“, wie er behauptet. Er deutet sie. Er unterwirft sie einer tiefgreifenden „Umfunktionierung“, so die von Ernst Bloch gefundene und Thomas Mann gern aufgegriffene Formulierung.

Jetzt ist „Joseph und seine Brüder“ im Rahmen der Großen Kommentierten Frankfurter Ausgabe erschienen, in zwei Schubern mit je einem Band Romantext und einem Band Kommentar. Einer der vielen Vorteile dieser lange schon angekündigten Ausgabe ist, dass sie wunderbar ausführlich und kenntnisreich verdeutlicht, worin diese Umfunktionierungen bestehen. Es ist dabei ein Glücksfall, dass zu den Kommentatoren neben den Mann-Spezialisten Dieter Borchmeyer und Stephan Stachorski auch der Ägyptologe und Kulturwissenschaftler Jan Assmann gehört.

Assmann hat bereits 2006 in seinem unbedingt lesenswerten und jetzt in durchgesehener, zweiter Auflage erschienenen Band „Thomas Mann und Ägypten“ einerseits sehr genau gezeigt, warum die Joseph-Geschichte „zu den ganz großen fundierenden Erzählungen nicht nur der abendländischen Geschichte“ gehört, andererseits aber auch, inwiefern sie von der Entstehung einer „völlig neuen Religion“ und also einer „Revolution der menschlichen Verhältnisse“ handelt. Die völlig neue Religion ist der von Jaakob „hervorgedachte“ Gott „außer der Welt“, der mit seiner „Arbeit am Göttlichen“ gleichermaßen gefundene wie erfundene jüdische Monotheismus.

Das ist in der Tat, wie Thomas Mann bereits 1930 formulierte, ein „außergewöhnlich heißer Brei“, nämlich eines der umstrittensten und folgenreichsten Wendungen der Menschheitsgeschichte.

Als er 1926 mit der Niederschrift begann, glaubte er noch, sein Thema in einer Novelle behandeln zu können. Er hatte ein Triptychon im Kopf – dem ägyptischen Teil sollte ein spanischer (aus der Welt Philipps II.) und ein deutscher (über Luther und Erasmus) folgen. Aber schon 1928, fünf Jahre, bevor der erste Band, „Die Geschichten Jaakobs“, erschien, sprach er vom Höhepunkt des gesamten Roman-Unternehmens, der dann erst im vierten Band, „Joseph der Ernährer“ erreicht wurde, erschienen 1943.

Dieser Höhepunkt ist jenes, wie es im Roman heißt, „berühmte und dabei fast unbekannte Gespräch“ zwischen Pharao (den Mann entgegen der Realgeschichte mit Echnaton identifiziert) und Joseph, in dem fast alle ideengeschichtlichen und literarischen Linien der Romane zusammenfließen. Denn in diesem Disput wird kenntlich, was Thomas Mann die „Einheitlichkeit des Menschengeistes“ genannt hat, seine These einer ungebrochenen Linie geistiger Entwicklung von Abraham bis in die Gegenwart.

Das widerspricht der (heute) gängigen Vorstellung von (Religions-)Geschichte, gerade jener, wie sie Assmann entfaltet hat, der dies in seinem Mann-Buch deutlich zum Ausdruck bringt („Ich sehe das recht anders“). Und auch die erfrischenden Kommentarbände der neuen Ausgabe erlauben sich immer wieder ungewöhnlich deutliche Einwände.

Die Joseph-Romane treten einem damit gerade nicht als stumpfe Hochkultur-Denkmäler entgegen, sondern als so streitbar wie überraschend gegenwärtig, geradezu tagesaktuell aufgeladen. Denn der universalistische Humanismus, für den Thomas Mann mit dem „Joseph“ plädiert, wurde zu seiner Zeit zunehmend vom faschistischen Zeitgeist bekämpft wie er heute erneut von vielen Seiten unterhöhlt wird.

Die Kommentarbände weisen deshalb oftmals auf Manns eigene Schreibumstände – vom kalifornischen Exil, wo der vierte Band entstand, bis zu den bösartigen Verrissen durch die nationalsozialistische Literaturkritik; die über 200 Seiten zur Rezeptionsgeschichte gehören ohnehin zu den aufschlussreichsten dieser so geist- wie übrigens auch witzreichen Kommentare.

Aber sollte man auch die vielen Romanseiten heute noch lesen? Unbedingt! Sie sind dank der vielen erörternden Einschübe ungemein lehrreich, was Thomas Mann übrigens hat fürchten lassen, das „Mehlige im Kuchen“, das Wissenschaftliche, Trockene dränge sich zu sehr in den Vordergrund – „Was soll der Unsinn?“ zitiert er Fontane im Tagebuch.

Sie sind aber eben auch sehr oft regelrecht herzergreifend – über Rahels Liebesgeschichte musste Mann selbst beim Wiederlesen weinen, verständlicherweise. Und in dieser schroffen Gleichzeitigkeit von essayistischem und sinnlichkeitssattem Erzählen, von archaisierender und wissenschaftlicher Sprache, von Humor und brunnentiefem Ernst liegt die Modernität dieses Roman-Werks. Dieser sein „Joseph“ sei eine „an und für sich verrückte Aufgabe“, notierte Thomas Mann während der Arbeit am ersten Band. Sie wurde immer verrückter, aufgeladener mit Geschichte und Gegenwart gleichermaßen.

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