Litaraturhaus Frankfurt

Ungeschriebene Regeln des Landlebens

Der Autor Rainhard Kaiser-Mühlecker im Gespräch mit Jan Wiele im Litaraturhaus Frankfurt.

Neuer Roman, wieder Landleben. Gibt es was Neues? Am Dienstagabend gastierte der österreichische Autor Reinhard Kaiser-Mühlecker im Literaturhaus Frankfurt. Er sprach dort mit dem FAZ-Kritiker Jan Wiele über sein neues Buch „Enteignung“. Der Erzähler dieses Romans ist Journalist und kehrt nach Jahren des Reisens in New York und Los Angeles in sein Heimatdorf zurück, ein für Kaiser-Mühlecker typisches Motiv. Er versucht sich bei der örtlichen Lokalzeitung, wenn auch eher lustlos, verwickelt sich in Affären und arbeitet schwer auf dem Masthof eines alten Bekannten. Kaiser-Mühleckers herausragendes stilistisches Merkmal bestehe vor allem in einer gewissen Langsamkeit des Erzählens „unter einer Lupe“, wie Wiele es nennt.

Wiele hält fest, dass sich Mühleckers Erzählungen häufig um ländliche Höfe drehen, die vor der Kulisse eines Untergangsszenarios bestehen. „Mein Heimatdorf in Österreich hat irgendwann einen Autobahnanschluss bekommen. Seitdem stelle ich fest, dass nach und nach alles zubetoniert wird. Alles ist im Wandel begriffen. Die Dinge können sich sehr rasant und sehr grundlegend ändern. Das interessiert mich. Vielleicht kann der Schriftsteller davon etwas festzuhalten.“ Allerdings sei ihm erst hinterher bewusst geworden, dass das Untergangsszenario als bleibender Lektüreeindruck hängen bleiben könnte.

Kaiser-Mühlecker sprach frei und völlig ungekünstelt über sein Schaffen. Kein Manierismus, kein Verrätseln. Er betonte eine unbefangene Herangehensweise an die Literatur. Ihm ist immer wieder wichtig zu betonen, dass für ihn das Wesentliche in der Literatur darin bestehe, was nach der Lektüre erinnert wird. Er verweigert es auf charmante Weise, sich allzu fest auf Wieles Interpretationen festnageln zu lassen. „Das liest du so“ oder „jeder liest sein eigenes Buch“ sind Sätze, die man ihn an diesen Abend noch häufiger sagen hört. Doch er unterlässt es nicht, seine eigene Interpretation zu dem Buch abzugeben: „Ich habe längere Zeit in Schweden gelebt und habe mich gefragt, wie die gigantischen Wälder im Norden Schwedens verwaltet werden. Wem gehören die? Tatsächlich habe ich herausgefunden, dass die Wälder Privatpersonen gehören. Es wäre für die Bauern sehr rentabel, ihr Waldstück an Firmen abzutreten. Aber sie tun es nicht. Auf dem Land gibt es Regeln, nach denen gelebt wird, die aber nirgendwo stehen und über die fast niemand spricht. Die werden einfach weitergegeben. Darum ging es mir in dem Buch.“ Später fragt Wiele, ob es in dem Buch darum gehe, einen Wertverlust darzustellen. und führt dafür eine kuriose Situation an, in der ehemalige Klassenkameraden sich in ihrer neuen Funktion als Reporter nach Jahren wieder sehen und eine Treppe fotografieren müssen, auf der kurz zuvor noch jemand gestorben ist. „Ich bin mir da nicht sicher, ob das so zentral ist. Mir geht es eher darum, dass es um ein Zusammentreffen von Welten geht, das immer wieder zum Ausdruck kommt.“

Autor: Joshua Schössler

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