Judith Schalansky

Unfassbar aber auch, wie viel noch da ist

Judith Schalansky
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Judith Schalansky im Rahmen der Erfurter Herbstlese.
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Judith Schalanskys fabelhaftes „Verzeichnis einiger Verluste“ kann aus dem Vollen schöpfen.

Ein „Verzeichnis einiger Verluste“ betrifft offensichtlich Dinge, die so verloren nicht sein können. Es gehört zum Wesen der Erinnerung an Verlorenes, dass es noch Spuren gibt, Spuren, Wörter, Bilder, hilfreiche Überreste, Überreste von Erinnerungen anderer. Viel braucht es nicht, um der Erinnerung oder der Fantasie aufzuhelfen. Judith Schalansky, der praktisch nichts entgeht, lässt das Glück nicht unerwähnt, dass die Menschen hingegen nicht wissen, was tatsächlich verloren gegangen ist. Was tatsächlich verloren gegangen ist, ist unermesslich. Es betrifft nicht nur Kunst und Kultur – sie aber auch –, es betrifft ausgerechnet die Milliarden Menschen, die vor uns gelebt haben, so wie es auch uns betreffen wird (Boni in der „Csardasfürstin“ singt darum abgeklärt: „Heute über fünfzig Jahren leben andere Leut’“).

Das ist dem Menschen nicht bewusst – da er sich immer nur an jenes Verlorene erinnert, an das er sich noch erinnern kann. Wobei es, so Judith Schalansky, widerstreitende Ansichten darüber gebe, was „grauenerregender“ sei: dass alles ein Ende haben werde oder „dass es keines geben könnte“. Zumal der Verfall gewiss ist (der Verfall, der lediglich an das Ende denken lässt, aber, das kann zum Problem werden, nicht das Ende ist): „Im Grunde ist jedes Ding immer schon Müll, jedes Gebäude immer schon Ruine und alles Schaffen nichts als Zerstörung, so auch das Werk all jener Disziplinen und Institutionen, die sich rühmen, das Erbe der Menschheit zu bewahren.“

Das „Verzeichnis einiger Verluste“ ist ein schmales dunkles, durchaus taschengrabsteinartiges Buch und gibt sich einen strengen Rahmen – jedes Kapitel umfasst ein jeweils genau gleich langes Seitenpäckchen, so dass mit den schwarzen Zwischenseiten ein schön gemustertes Buch entsteht. Die schwarzen Zwischenseiten zeigen jeweils ein Bild schwarz auf schwarz. Die Buchkünstlerin Judith Schalansky weiß, wie das geht, der Verlag hat es prächtig umgesetzt, beim Anschauen muss man sich halt ein bisschen Mühe geben. Dass alles, was ist, sein könnte oder gedacht wird, in Worte zu fassen sein muss, davon geht das „Verzeichnis einiger Verluste“ unbedingt aus.

Die Kapitel beginnen mit dem genauen oder geschätzten Geburts- und Todesdatum des ausgewählten Gegenstandes nebst einigen Erläuterungen, alles soweit möglich und zu ermitteln. Schon hier und erst recht danach nähert sich Schalansky ihrer Auswahl dermaßen informiert (kaum ermesslich die Arbeit, die das erfordert haben muss), dass ihre Leser staunen werden. Nach diesem Lexikon-Teil, dem einigermaßen enzyklopädischen Eintrag, folgt eine Erzählung, ein Essay oder beides.

Mit einem eingefangenen Kaspischen Tiger bewegen wir uns dabei in Richtung der Ex-Weltstadt Rom und in Richtung einer Arena, wo das geschundene, erschöpfte, verwirrte Tier lediglich als unterhaltsames Vorab für die Gladiatorenkämpfe sein beklagenswertes, aber vergessenes, aber hier vor Augen geführtes Ende finden wird.

Der Palast der Republik ist beiläufiger Schauplatz einer traurigen, aber nicht besonderen Seitensprung-Geschichte in der späten DDR. Auch ein unspektakuläres Eheglück, alltäglich wie die Welt um uns her, kann unbehütet und bloßgestellt auf immer verloren gehen.

Guerickes Einhorn-Skelett ist der Anlass für eine Erzählung über spektakuläre Alpträume. Natürlich handelte es sich bei Guerickes Einhorn-Skelett um eine Fälschung – aber eine Fälschung mit Original-Narwalhorn –, und auch sie ist im Original nicht erhalten, sondern wurde nachher in ihren Einzelteilen verkauft und ging verschollen. Selbst in den Alpträumen der Erzählerin taucht es nicht mehr auf, oder nur schattenhaft oder pulverisiert. Schalansky erlaubt sich und uns lose und assoziative Zusammenhänge, beliebig sind sie aber nicht. Zur Vielschichtigkeit gehört in diesem Fall dazu, sich an das Einhorn nicht nur als rosafarbene Modepüppchen-Begleitung, sondern auch als veritables Monster zu erinnern.

In einem anderen Fall ist es ein weiter Weg von Friedrich Murnaus verschollenem Frühfilm „Der Knabe in Blau“ bis zur durch Manhattan irrenden, andauernd schimpfenden Greta Garbo. Allerdings war Greta Garbo eine der wenigen (der elf, wie man liest), die Murnau nach seinem Unfalltod das letzte Geleit gaben.

Caspar David Friedrichs 1931 in München verbranntes Gemälde „Hafen von Greifswald bei Sonnenuntergang“ lässt die Erzählerin – Schalansky wurde 1980 in Greifswald geboren – nach der Mündung des Flusses suchen, die den (immer wieder von Versandung bedrohten) Hafen speist. Die Suche gestaltet sich als schwierig, aber Schalansky, auch Herausgeberin der „Naturkunden“ bei Matthes & Seitz, hat die Worte (Tier-, Pflanzen-, Farbennamen) dafür, die Natur um sie her zu beschreiben. Das ist ein stiller rasanter Text über das, was jetzt in diesem Augenblick und zu dieser Jahreszeit da ist.

Unter vielen sagenhaften Begegnungen mit einer untergegangenen Insel, mit Ruinen, mit der Dichterin Sappho, aber auch dem höchst seltsamen Armand Schulthess im Valle Onsernone im Tessin, ist die mit C. A. Kinau die sonderbarste. Der frühe Selenograf, nämlich Mondkartierer, verschwand gewissermaßen aus der Geschichte. Später ging man davon aus, ein Kinau mit anderem Vorname müsse derselbige sein, und, Hand aufs Herz, so wichtig war das dann niemandem. Von Judith Schalansky ist nun jedoch zu erfahren, dass C. A. Kinau in der Tat auf den Mond umsiedelte. Von einem Satz zum nächsten. Das kann die Literatur, von außen betrachtet aber ist das eine Überraschung. Auf dem Mond, vermeldet C. A. Kinau, ist es unter dem Strich nicht anregend, sogar öde. Das Leben auf dem Mond ist die Geschichte einer Desillusionierung.

Das „Verzeichnis einiger Verluste“ gibt sich bei aller sprachlichen Virtuosität – das Rumgemaule der Göttlichen gegen die versierte Betrachtung von Sapphos Liedern – spröde. Das liegt an Schalanskys wörtersparender Präzision und umgekehrt an ihrer Weigerung, Wörter zum Auffüllen oder zum Überbrücken kleiner gedanklicher Engpässe zu verwenden.

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