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Unernster Vorschlag für ernsthaft Eingeweihte

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Das plötzliche Erscheinen frischer Talente ist am Kunstmarkt nicht selten und doch immer gern gesehen. Dass allerdings eine Künstlerin, von der man noch nie

Von ULF ERDMANN ZIEGLER

Das plötzliche Erscheinen frischer Talente ist am Kunstmarkt nicht selten und doch immer gern gesehen. Dass allerdings eine Künstlerin, von der man noch nie gehört hat, mit einem gebundenen Buch - einem Buch, keinem Katalog - an die Öffentlichkeit geht, das Erster Teil heißt, grenzt dann doch an Frechheit. Zudem hat sie eine ganze Reihe etablierter Münchner Fotografen antreten lassen, um ihre Arbeit, Skulptur und Relief, angemessen geschmackvoll ins Bild rücken zu lassen.

Geboren 1976, hat Aylin Langreuter an der Akademie der Bildenden Künste im Jahr 2001 ihr Diplom gemacht. Die Arbeit findet sich im Buch: Möbel aus einem Zugabteil Erster Klasse sind in einer "generischen Wohnung" wiederaufgebaut. So beschreibt eine Lea Schmidbauer die Arbeit.

Die Texte zu den anderen Arbeiten sind geliehene Interpretationen, von Konstantin Grcic, Adolf Loos und Thomas Meinecke. Eine Arbeit heißt "Stilübung", aber in der Tat sind die anderen Arbeiten ebenfalls welche: Eine sanfte Adaption spröder Kunstformen, die einem irgendwie bekannt vorkommen. Wenn man die Details betrachtet, die der Fotograf Florian Böhm einer "Furniereinlegearbeit" (Schrank, Bett und Hocker) abgewinnt, denkt man mit Wehmut an den Schrecken, den man beim Betrachten eines Artschwagers das erste Mal bekommen hat. Wem das merkwürdig vorkommt, der wird bestimmt nicht schlauer durch die biographische Notiz, in der es heißt: "Sie steht gern rauchend auf dem Balkon, hat zwei Hunde und zunehmend Schwierigkeiten, sich zu konzentrieren."

Also gut, die Sache ist ein Fake, eine Münchner Bosheit, eine Karikatur der Möchtegerns. Das hat man sich auch schon denken können, weil die Agentur, die das Buch "gestaltet" hat, Herburg Weiland, ein merkwürdiges Konglomerat von Fotografen und Gestaltern ist, das alle zwei Wochen die Welt, sofern Adressen vorhanden sind, mit abstrusen neuen Ideen überzieht. Sie sind übrigens wirklich neu. Auch dieses Buch hat in seiner fotografischen und typographischen Akkuratesse unter den Witzschriften keinen Vorläufer. So gesehen, ist es wohl doch ein unernster Vorschlag für eine ernste Kunst; eine weitere Wendung auf dem schlüpfrigen Feld von Kunst und Design, das von jungen Künstler(inne)n mit Verve und Hybris täglich bestellt wird. Lesen wir also Aylin Langreuter als Pseudonym einer fotografischen Sezession, die dem Kunstbetrieb lässig mit dem objet trouvé zuwinkt. Bei all dem Aufwand: Einen Grund wird es schon haben.

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