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„Emotional teilnehmend“? Der Autor auf Werbetour.

„Imperial Bedrooms“

Unerlöst und zugedröhnt

Nach 25 Jahren erzählt Bret Easton Ellis die Geschichte seiner Wohlstandszombies weiter.

Von Christoph Schröder

1985 – 2010“, so steht es unter dem letzten Satz von „Imperial Bedrooms“, als hätte Bret Easton Ellis 25 Jahre an einem nun endlich vollendeten Opus Magnum gearbeitet. Das mag, wenn auch nur indirekt, so gewesen sein. Und doch ist der schmale Roman „Imperial Bedrooms“, dessen Veröffentlichung bereits plangemäß mit Diskussionen um die Website einherging, auf der dafür geworben wurde (ein interaktives Video, mit dessen Hilfe man am Ende feststellen können soll, wie viel Teufel in einem selbst steckt), weniger eine Vollendung als ein Brückenschlag. Er führt zurück zu den Anfängen des Schriftstellers Bret Easton Ellis, zurück zu den Figuren seines ersten, 1985 erschienenen Debüts „Unter Null“.

Aufgewärmtes schmeckt nicht

Eine Sensation war das, etwas ganz Neues: Langeweile und Hedonismus der 80er Jahre, die rein ökonomisch und an Statussymbolen orientierte, sozial völlig abgeschnittene Welt der Nachwuchs-Schickeria von Hollywood. Kalt ging es da zu, zynisch, brutal und direkt. Gerade einmal 21 Jahre alt war der Autor seinerzeit; sein Schreiben war, ob bewusst oder nicht, auch ein Kontrapunkt zu den postmodernen Experimenten eines Don DeLillo oder den ewigen Mittelstandsnöten eines John Updike. In der Zwischenzeit ist mit Easton Ellis eine Menge passiert, meistens öffentlich: Drogen, Alkohol, Zusammenbrüche. Sein Schreiben, so wird er nicht müde zu betonen, sei stets autobiografisch gewesen. Pech gehabt.

Nun also lässt er sie wieder antreten, die Protagonisten aus „Unter Null“: Trent, Blair, Rip und Clay. Letzterer kehrt als Drehbuchautor von New York nach Hollywood zurück. Willkommen ist er dort nicht, wie er schnell bemerkt, aber vielleicht ist er sich selbst auch nicht willkommen.

Aufgewärmtes schmeckt nicht, so lautet ein altes Sprichwort. Völliger Unsinn, wenn man an ein Gulasch denkt. In diesem Fall allerdings trifft es voll und ganz zu – „Imperial Bedrooms“ ist ein ziemlich läppisches, mit kurzen Gewaltsequenzen aufgepepptes Literaturhäppchen. Zu erklären ist das sich schnell einstellende Gefühl der Schalheit paradoxerweise mit Easton Ellis’ künstlerischen Vermögen: So intensiv hat er uns über 25 Jahre attackiert mit seinen stumpfen, paranoiden, abgewichsten und zugleich glamourösen Nihilisten, bis wir, salopp gesagt, zu ebensolchen geworden sind (oder uns zumindest soweit an sie gewöhnt haben, dass sie uns nichts mehr anhaben können).

Es ist nichts Schockierendes mehr an der Beschreibung einer Frau, der die Haut vom Gesicht gezogen wird; kaum etwas Anstößiges in der detaillierten Schilderung einer Folterung. Hatten wir alles schon einmal – bei Bret Easton Ellis (und seinen Epigonen). Wenn es doch eine Entwicklung gäbe, etwas Neues, etwas außer dem Einsatz von Mobilfunktelefonen, das demonstrieren würde, dass so viel Zeit vergangen sind.

Wahnhaft, so Easton Ellis, sei Clay in „Unter Null“ gewesen, nun sei er böse. Wenn diese jämmerliche Figur tatsächlich ein Teufel sein soll, braucht man vor der Hölle keine Angst zu haben. Wie schon in seinem vorangegangenen (ziemlich guten) Roman „Lunar Park“ spielt Easton Ellis auch zu Beginn von „Imperial Bedrooms“ mit den Ebenen von Fiktion und Wirklichkeit, Romanidentitäten und eigenem Werk.

Clay kauft sich ein Apartment, in dem kurz zuvor ein Party-Boy im Rausch gestorben ist. Da ist schon das erste Gespenst, das durch Clays von Alkoholdauermissbrauch und Neurosen strukturiertes Leben geistert. Die anderen tauchen nach und nach auf. Trent ist mit Blair verheiratet; Clay begegnet bei einem Casting der höchstens mittelmäßig begabten Schauspielerin Rain, der er eine Rolle verspricht, um sie so schnell wie möglich ins Bett zu bekommen. Rain ist der Dreh- und Angelpunkt des Romans, Protagonistin einer Intrige möglicherweise, die in eine Mordserie ausartet.

Saufen und Angst haben

Clay ist gefangen zwischen Verfolgungswahn und Angstzuständen, Besäufnis und Katerstimmung. Und rasender Eifersucht. Da ist dann vielleicht doch eine Spur von etwas Neuem, einem Gefühl von uneingestandener Zuneigung. Aber Liebe ist letztlich auch nur ein Wort und kommt hier zu Recht überhaupt nicht vor; wenn überhaupt, könnte man von einer Art von Besessenheit sprechen, in der der ehemalige Callboy Julian Rain verbunden ist.

Die Spielarten, in denen sich die Obsessionen Bahn brechen, reichen von Weinerlichkeit bis hin zu Brutalität in Fantasie und Realität. Was aber soll man schließen aus „Imperial Bedrooms“, diesem Klassentreffen der Easton-Ellis-Zombies? Sie leben noch, immerhin; eine Lebensaufgabe hingegen haben sie noch immer nicht. Unerlöst sind sie, überwach und völlig zugedröhnt. Noch einmal der Autor: „Ich könnte nie etwas schreiben, an dem ich nicht emotional sehr teilnehmen würde.“ Möglicherweise ist das angesichts von „Imperial Bedrooms“ die erschreckendste Vorstellung.

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