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Der Schriftsteller James Baldwin im November 1979 in seinem Haus in Saint-Paul-de-Vence.

James Baldwin

... und zwar mit Liebe

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Ein halbes Jahrhundert alt sind James Baldwins Essays zum Thema Integration. Sie sind immer noch aktuell. Leider.

Sie kennen James Baldwin nicht? Das ist wunderbar! Sie haben einen der besten Autoren des 20. Jahrhunderts noch vor sich. Miriam Mandelkow legt – dtv sei Dank! – derzeit Neuübersetzungen seiner Romane, Erzählungen und Essays vor.

Ein Kollege, der Baldwin zum ersten Mal las, schwärmte mir von „Beale Street Blues“ vor (s. auch FR v. 9.10.2018), einem Roman, den ich immer noch nicht gelesen habe. Auch ich habe offenbar noch Großartiges vor mir (die Verfilmung des Romans soll dieses Jahr in die deutschen Kinos kommen). 1963 erschien einer der wichtigsten, einer der ergreifendsten Essays des 20. Jahrhunderts: James Baldwins „The Fire Next Time“. Die gerade erschienene neue deutsche Übersetzung trägt den Titel „Nach der Flut das Feuer“. Das Buch besteht aus einem Brief an seinen Neffen, der als Einleitung dient und zwei Essays mit den Titeln „Mein Kerker bebte“ und „Vor dem Kreuz“.

Vom englischen Original gibt es bei Taschen eine prächtige Edition mit mehr als einhundert Fotografien von Steve Schapiro, der mit Baldwin durch die Südstaaten der USA reiste. Im März wird es davon auch eine erschwingliche Ausgabe für 40 Euro geben.

Der Brief an den Neffen ist etwa so lang wie dieser Artikel. Wenn Sie mit Ihrer Zeit haushalten müssen, blättern sie weiter, kaufen Sie sich James Baldwins „Nach der Flut das Feuer“ und lesen sie diesen Brief statt meiner Zeilen. Sie werden danach das ganze Buch lesen müssen. Lesen Sie auch die Nachbemerkung der Übersetzerin Miriam Mandelkow über die Frage, wie übersetzt man „Negro“ ins Deutsche? Differenzierter, klüger und plastischer kann man die sich hier auftuenden Probleme auf dem knappen Raum von drei Buchseiten nicht darstellen.

Wer zum Teufel ist dieser James Baldwin? Fragen spätestens jetzt die Leserinnen und Leser, die noch nicht verärgert ihr Smartphone konsultiert haben. James Baldwin wurde 1924 im New Yorker Stadtteil Harlem geboren. 1948 floh er vor Rassismus und Homophobie nach Paris. In Frankreich blieb er bis zu seinem Tod am 1. Dezember 1987 in Saint-Paul-de-Vence. Zwei Jahre zuvor war an dem kleinen mittelalterlichen Ort an der Côte d’Azur, unweit von Cannes, in dem viele Künstler lebten, Marc Chagall gestorben.

Ich weiß noch genau, wo ich „The Fire Next Time“ das erste Mal las. Es war 1969 am Strand des süditalienischen Metaponto. Ich las und identifizierte mich. Aber womit? James Baldwin schrieb über Harlem, über Sklaverei und Rassismus, über den Hass auf Schwule. Ich war weder schwarz noch schwul, war umhegt und gepflegt aufgewachsen, geliebt und gepäppelt.

Aber ich war allein. Mit Büchern und Filmen. Ich lebte fortwährend andere Leben. Ich liebte es, mich zu identifizieren. Gerade mit dem, das ich nicht war. Mich wieder zu erkennen in diesem kleinen, zierlichen, schwarzen Harlemer Schwulen, damit machte ich mich reicher, verinnerlichte ich Erfahrungen, eine Weisheit, die ich im Kokon meiner eigenen Sozialisation niemals erlangt hätte.

Nicht, dass ich sie durchs Lesen mir hätte einverleiben können, aber ich begann zu ahnen, wie groß die Welt war, wie weit man sich von Zuhause entfernen konnte und doch noch immer den Boden der eigenen Menschlichkeit nicht verlassen hatte. James Baldwin zeigte mir mich. Indem er zeigte, wie er sich selbst fand, zeigte er mir einen Weg, den ich gehen konnte. Ich identifizierte mich mit ihm: mit seiner Neugierde, mit seiner Kunst, Nähe und Abstand gleichermaßen zu wahren und herzustellen, mit seiner Fähigkeit, noch das Persönlichste politisch zu dechiffrieren und im Politischen immer auch das Persönliche zu sehen. Sein Scharfsinn und seine Freiheit von Häme beeindruckten mich.

Man identifiziert sich und man desinfiziert sich. Ich habe Baldwins Text nie wieder vergessen. Nein, das stimmt nicht: Ich habe den überwältigenden Eindruck, den er auf mich machte, nie wieder vergessen. Aber ich habe nichts gelernt von ihm. Doch: Ich habe gelernt zu lieben, wie er schreibt. Aber ich habe nicht gelernt zu schreiben wie er. Denn ich habe nicht gelernt zu denken, zu empfinden wie er. Er schreibt seinem Neffen: „Wenn Du jemanden so lange schon liebst, erst als Kleinkind, dann als Jungen, dann als Mann, blickst Du ganz anders auf die Zeit, auf menschliche Qual und Mühsal. Andere sehen nicht, was ich sehe, wenn ich Deinem Vater ins Gesicht blicke, denn hinter dem Gesicht Deines Vaters, wie es heute ist, liegen all seine anderen Gesichter. Lacht er, sehe ich einen Keller, an den Dein Vater sich nicht erinnert und ein Haus, an das er sich nicht erinnert, und in seinem Lachen höre ich sein Lachen als Kind.“ Als er das schrieb, war James Baldwin nicht einmal vierzig Jahre alt.

Der Autor James Baldwin war immer Junge und Greis zugleich. Seine Texte sind kurz, aber sie nehmen sich Zeit. Er ist sofort bei der Sache, aber jede Hast ist ihm fremd. Niemals ist Baldwin atemlos. Aber seinen Lesern raubt er den Atem. Präzise und zielgenau trifft er uns mitten ins Herz und im selben Moment den Verstand.

Jetzt habe ich den Brief an seinen Neffen wiedergelesen. Der Text schlägt mit der gleichen Wucht zu wie vor einem halben Jahrhundert. Ich identifiziere mich diesmal nicht mit James Baldwin. Aber ich erkenne in dem, was erschreibt, unsere Lage wieder. Genauer erfasst als in irgendeinem der heutigen Texte.

„Alles, was Dein Leben ausmacht und verkörpert, ist bewusst so angelegt, dass Du glauben sollst, was Weiße über Dich sagen. Bitte vergiss nie, dass das, was sie tun und Dir zumuten, nicht von Deiner Minderwertigkeit zeugt, sondern von ihrer Unmenschlichkeit und Angst. Bitte, lieber James, verliere in dem Sturm, der in Deinem jugendlichen Kopf wütet, nicht die Wirklichkeit aus den Augen, die hinter den Wörtern Akzeptanz und Integration steht. Du hast keine Veranlassung, so zu werden wie die Weißen und es gibt nicht die geringste Grundlage für ihre unverfrorene Annahme, sie müssten Dich akzeptieren. Die schreckliche Wahrheit ist, mein Junge: Du musst sie akzeptieren. Das ist mein voller Ernst. Du musst sie akzeptieren, und zwar mit Liebe. Eine andere Hoffnung gibt es nicht für diese unschuldigen Menschen.“

Wir sind die Unschuldigen. Wir wissen nichts vom Rassismus der uns prägt. Wir wissen nichts von der Frauenverachtung, in der wir aufwachsen. Wir ahnen nicht, wie verbrecherisch das Leben, das wir zu führen gewohnt sind, umgeht mit allen anderen Leben. Wir sehen nicht mehr die Sklaven, die unsere Kleider schneidern, wir sehen nicht die, die die seltenen Erden für unsere Plasmabildschirme, Akkus und Brennstoffzellen aus den Böden Chinas schlagen. Die wirklichen Kosten unseres Lebens werden uns verborgen, halten wir vor uns verborgen. „In der Unschuld“, schreibt James Baldwin, „liegt das Verbrechen“.

Das ist so wahr wie die Einsicht, dass die Mehrheitsgesellschaft Angst hat vor der Abweichung. Sie spürt, wie prekär das Gleichgewicht ist, in der die widerstrebenden Kräfte sich befinden und fürchtet, jede Veränderung könnte den Konsens zerreißen. Sie hat recht. Aber sie vergisst darüber, dass es kein Gleichgewicht gibt, das nicht durch Ausbalancieren, durch immer neues Ausbalancieren zustande kommt.

Ich weiß jetzt wieder, warum ich mich vor fünfzig Jahren so identifizierte mit dem, was Baldwin schrieb. Der Druck, sich anzupassen, lastet auf jedem Einwanderer. Und wir alle sind Einwanderer in eine Welt, die es vor uns gab, die uns täglich vor Augen führt, dass sie bestens auskommt ohne uns, dass wir, wenn wir nicht das tun, was man uns sagt, keine Chance haben werden.

Ich hatte völlig recht, Baldwins Zeilen persönlich zu nehmen. Ob ich schwarz, weiß, schwul, hetero oder musikalisch oder unmusikalisch war, spielte keine Rolle. Ich hatte dreizehn Jahre in der Schule gesessen und gelernt, dass die Erwachsenen, die gerade die halbe Welt zerstört hatten, genau wussten, was richtig und falsch war. Meine einzige Chance war, so erklärten sie mir, so zu werden wie sie. Genau das wollte, konnte ich nicht. Da kam James Baldwin mir gerade recht.

Diesen Unschuldigen, so schrieb Baldwin, entgleitet das Gefühl ihrer Macht. Denn die Schwarzen verlassen die Ghettos, lassen sich nicht mehr verdrängen, erobern sich Positionen und Ansehen. Den Weißen, die sich auf ihre „natürliche Überlegenheit“ verließen, wird deutlich, dass sie die Welt nicht mehr begreifen. Integration, so schreibt Baldwin, besteht darin, dass wir unsere weißen Brüder dazu bringen, dass sie sich selbst so sehen, wie sie sind. Man liest das heute, als wäre es hineingesprochen in die Welt Donald Trumps, in der das Gefühl der eigenen Größe, das eins geworden ist mit der Weigerung, die Welt so zu sehen wie sie ist. Nur mit Liebe, erklärte Baldwin, seien der Mehrheitsgesellschaft die Augen über sich selbst zu öffnen.

Als ich 1969 ergriffen seinen Text las, brannten die Innenstädte der USA, formierte sich der bewaffnete Kampf der Schwarzen. Die Waffe der Kritik, die es ohne die vielen Formen der Liebe nicht gibt, war abgelöst worden von der mörderischen Kritik der Waffen.

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