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„Und es war der erste Morgen der Welt“

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Die London Bridge, Hauptschauplatz in Leuteneggers "Panischer Frühling", dahinter die Tower Bridge. Und darunter fließt die Themse.
Die London Bridge, Hauptschauplatz in Leuteneggers "Panischer Frühling", dahinter die Tower Bridge. Und darunter fließt die Themse. © REUTERS

Die Schönheit und der Schrecken der Poesie: „Panischer Frühling“ von Gertrud Leutenegger ist ein Eyjafjallajökull-, London- und sogar Liebesroman. Die seltsame Erzählerin führt uns inmitten des Großstadtgetümmels zurück in eine Natur, die im Herzen der britischen Hauptstadt keiner erwarten wird.

Das Poetische im Prosaischen und das Unsanftmütige wiederum im Poetischen behandelt die 65 Jahre alte Schweizer Autorin Gertrud Leutenegger in ihrem jüngsten Roman. Er trägt auch insofern zu Recht den seltsamen Titel „Panischer Frühling“ und ist von der Seite aus unerwartet und vermutlich abgeschlagen, aber doch plausibel unter die sechs letzten Nominierten für den Deutschen Buchpreis gelangt.

Die Stadt London, allen britischen Marotten zum Trotz im Zentrum unserer Vorstellung von Topmodernität, wird dabei aus der vertrauten (unserer) Zeit und ihren Verhältnissen gehoben. Sie verwandelt sich in einen ursprünglichen, wildnishaften Ort, an dem uns Märchenhaftes, Schauriges, Nüchternes entgegenkommt. Und die Natur, die man hier unter normalen Umständen nicht erwarten kann.

Die Erzählerin aber sieht die Eichen in der Themse treiben, wie sie einst die römischen Legionäre erschreckten, die sogleich den Kampf gegen sie aufnahmen: „Dabei waren die Eichen doch wohl eher auf der Flucht, dem offenen Meer zu, als ahnten sie das kommende Zerstörungswerk, ihr Niederbrennen und Niederschlagen, für Siedlungen und Schiffbau, und das Einzäunen ganzer Hügel und Ebenen für die Jagd, Überwachung Exekutionen, während der Wald doch den Verrückten gehört und der Kindheit.“

Die Natur, sie muckt auf, an den Rand gedrängt, aber vorhanden. Die Gezeiten des Flusses, dem die Erzählerin nie ansehen kann, wohin das Wasser gerade quirlen möchte, quirlen soll, teilen die Kapitel ein. Mit den präzisen, vielleicht sogar recherchierten Pegel-Angaben, denn das Messbare und das Maßlose, das Erklärbare und das Unerklärliche treffen in diesem Buch aufeinander. Wettervorhersagen, wie sie das Publikum aus gewissen Gründen im April 2010 besonders interessierten, gehen einher mit unheimlichen Sturmwinden. Die Ausnahmesituation spiegelt sich im Wetter, als hätte Shakespeare gerade eine „Macbeth“- Szene entworfen.

Vordergründig jedoch geht es bloß um die Folgen des Eyjafjallajökull-Ausbruchs in Island vor viereinhalb Jahren. Ja, panisch muten die Erzählerin die Reaktionen an, während vielleicht nicht viel Wesentliches passieren kann. Es könnte aber.

Die Erzählerin, über deren (Schweizer) Kindheitswelt wir einiges, über die selbst wir hingegen praktisch nichts erfahren, befindet sich in diesen Tagen in Großbritannien, namentlich also nach dem 15. April, an dem der Flugverkehr über Europa weitgehend eingestellt wurde. Der fehlende Lärm, der von Kondensstreifen unberührte Himmel versetzen die Erzählerin in einen verwirrenden Zustand. Sie hat es nicht eilig, wundert sich vielmehr über die Engländer, die ihre „Seemacht“ wiederentdecken und per Schiff auf dem Kontinent gestrandete Landsleute heimholen. Sie wird nach ihrer Arbeit gefragt, aber leider bekommen wir ihre Antwort nicht mit. So muss es offenbar sein: Ein Herausfallen aus der Zeit auf Zeit, eine Auszeit, die nicht vorüber ist, als die Flugzeuge acht, neun Tage später wieder fliegen, sondern erst, als ihr Gesprächspartner spurlos verschwindet.

Das ist Jonathan, der auf der London Bridge unengagiert Obdachlosenzeitungen verkauft, aber durch sein „verschwenderisches Erzählen“ für sich einnimmt. Sein Profil, „aus einer fernen Epoche herkommend“, kollidiert mit einem markanten Feuermal auf einer der Gesichtshälften, schaurig geschildert, denn die Erzählerin scheut keine Üppigkeit. Auch kann sie sich Jonathan überhaupt nicht entziehen, auch muss man „Panischer Frühling“ für eine Liebesgeschichte halten, in der das Wort Liebe nicht fällt und auch kein Kuss. Aber die Vögel zwitschern, der Frühling trubelt, „und es war der erste Morgen der Welt“. Und Jonathan und die Erzählerin berichten einander aus ihrer frühen Kindheit, den Dingen, die daran wirklich interessant sind. Im Falle der Schweizerin die glitschigen Stengel welker Dahlien, die Schreie der irrsinnigen Nachbarin, der Umgang mit Käse. Im Falle des Briten das Fischerdasein des Vaters, Kinderspiele auf dem Friedhof von Penzance, die Lockungen des Wassers. Beider Geschichten passen gut zueinander, seltsam auch dies.

Wenn die Erzählerin nicht bei Jonathan ist, wartet sie darauf, ihn wiederzusehen (was sie so nicht sagen würde), und streift durch London. Kommt sie am Tower vorbei, denkt sie an die Menschen, aber auch die exotischen Tiere, die hier einst eingesperrt waren. Spiegeln sich Azaleen im Teich, denkt sie an das Blut der hier einst getöteten königlichen Hirsche. Dabei muss man sich klarmachen, dass Leuteneggers Ton leicht und ungezwungen ist und bleibt. Auch wollen die Sätze nicht mehr, als den Augenblick einzufangen. Dass Augenblicke große Folgen haben können, versteht sich von selbst, wie Leutenegger darum auch nur zart durchblicken lässt.

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