Das Unbewusste, der dunkle Brunnen

Andrzej Stasiuk ist "Unterwegs nach Babadag" und findet zwischen wartenden, saufenden Gestalten seinen Mythos von Ostmitteleuropa

Von INA HARTWIG

Da wäre diese Fotografie von André Kertész, die er irgendwann gefunden hat, falsch herum reproduziert, so dass der blinde Geiger, der darauf zu sehen ist, als Linkshänder erscheint. Ein schattenloser Tag in der ungarischen Kleinstadt Abony, eine staubige Straße, im Hintergrund ein Kleinkind, dem Geiger zur Seite ein vielleicht elfjähriger Junge, wahrscheinlich sein Sohn, barfuß. Eines Tages stellte Andrzej Stasiuk beim Durchblättern eines Bildbandes von André Kertész fest, dass der Geiger gar kein Linkshänder war - was allerdings nichts an der magischen Wirkung änderte, die das schwarzweiße Foto von 1921 auf den polnischen Schriftsteller ausübt. "Wohin ich auch fahre, überall bin ich auf der Suche nach seinen dreidimensionalen, farbigen Versionen, und oft meine ich sie gefunden zu haben. (...) Der Raum dieses Fotos hypnotisiert mich, und alle meine Reisen dienen nur dem Zweck, irgendwann den versteckten Zugang zu seinem Innern zu finden."

Damit sind gleich zweierlei für Stasiuks Reise-Poetik wichtige Bewegungen angesprochen: eine in die Gegenwart (in die farbige Dreidimensionalität), eine in die Vergangenheit, ins "Innere" der Fotografie (in die schwarzweiße Zweidimensionalität). Was dazwischen liegt, immerhin der Zweite Weltkrieg, die ganze Hitlerei, die Russenzeit, die kommunistischen Diktaturen, was ist damit? Man könnte sagen: Es brummt. Es spült seinen Abfall nach oben und liegt auf den Straßen herum. Es überlebt, etwa in Rumänien, in atavistischer Diktatorverehrung aus reiner Ordnungssucht. Eine unabgeschlossene Suche also treibt Andrzej Stasiuk an, eine, die den Graben denkbar raffiniert überbrückt zwischen der symbolisch überhöhten Kertész-Vergangenheit, in der die ganze Armut und Traurigkeit der Zeit um den Ersten Weltkrieg kondensiert ist, und dem postkommunistischen Jetzt.

Abgeklärtheit und Pathos

Dass der 1960 geborene Stasiuk - in Polen ein Star und auch hierzulande seit Jahren in den Feuilletons präsent - ausgerechnet eine Fotografie so stark hervorhebt, mag ein Kunstgriff sein, doch steckt darin wohl auch ein Bekenntnis zu den Bildern überhaupt. Tatsächlich malt Stasiuk mit seiner zwischen Abgeklärtheit und Pathos schlingernden Sprache Tableaux, wunderbare, unerhörte, auch provozierende Tableaux. Sie handeln von der ostmitteleuropäischen Vergessenheit, von Verfall und Improvisation; von der Willkür der Grenzsoldaten; von Zigeunern, die geniehaft-gleichgültig sind gegenüber unserem stolzen Europa. Sie handeln von Tierschlachtungen "wie vor tausend Jahren"; von Männern, die herumstehen, warten, trinken, warten, mit Devisen, Waffen und Drogen handeln, wieder warten, rauchen und die letztlich einfach da sind in ihrer "reglosen Gegenwart". Oft erkennt Stasiuk auf den Gesichtern eine Müdigkeit, nicht "von gestern oder von vor einem Monat", sondern eine, die "wesentlich älter" ist.

Seit 1986 schon lebt Stasiuk, der in Warschau aufwuchs, mit seiner Frau, der Verlegerin Monika Sznajderman, in einem Dorf in den Beskiden im südöstlichen Polen, an der Grenze zur Slowakei. Von dort bricht er regelmäßig auf nach Ungarn, Rumänien, Moldawien, Albanien, in die Slowakei oder nach Slowenien, und von diesen oft planlosen, vom Zufall gelenkten Reisen erzählt der unter dem Titel Unterwegs nach Babadag bei Suhrkamp erschienene Band mit insgesamt vierzehn großartigen Texten, von Renate Schmidgall in ein geschmeidiges Deutsch übertragen.

Wie die meisten Orte, die Stasiuk bereist und beschwört, ist Babadag vollkommen abgelegen, einem Phlegma der endlosen Warterei hingegeben. Babadag liegt in Rumänien, im Donau-Delta unweit des Schwarzen Meeres, wo Europa in eine Art Naturzustand überzugehen scheint, wo jedenfalls die Zeitläufte höflich vorbeifließen, ohne dass irgendetwas von Belang passierte. Die Gegenwart besteht aus Plastikmüll, Alkohol, dem Erwarten einer Zukunft, die - so hofft Stasiuk - nicht eintreffen wird. Denn diesem Nichts gilt Stasiuks Liebe; er nennt es gelegentlich das "Chaos der Welt". Das wenige, das er vorfindet, bejaht er. Es ist, als habe mit dem Ende des Kommunismus die Ewigkeit noch einmal von vorn begonnen.

Eine Kritikerin warf Stasiuk vor, mit "ostalgischem Existentialismus" zu kokettieren; ein halbes Missverständnis, denn nostalgisch ist der Autor gegenüber dem Osten keineswegs eingestellt. Andrzej Stasiuk, der die Schule hinschmiss, vom Militärdienst türmte und dafür eineinhalb Jahre im Gefängnis der Jaruzelski-Ära saß, ist ebensowenig ein Gegner des Kapitalismus. Dazu müsste er schließlich erst einmal ein Marxist sein, und das ist bei einem so rebellischen, störrischen, mit allen Wassern des k.u.k.-Witzes gewaschenen Charakter schier unmöglich. Dazu auch nimmt er den Handel zu gelassen, ja geradezu lüstern hin, das Dealen im Zwielicht der Illegalität, etwa wenn Jungs ihm in irgendeinem Nest Nummernschilder anbieten und schwören, sie stammten von deutschen BMWs. Wahr ist allerdings, dass Stasiuk die großen, reichen Städte ein bisschen zu pompös verachtet - indem er sie zu Fiktionen erklärt. London, Paris, Budapest, Krakau oder Bukarest meidet er so instinktsicher wie er von den abgelegensten, teilweise recht gefährlichen Winkeln Mittelosteuropas magisch angezogen ist. Einen Touch Existentialismus spürt man dabei schon.

Schlaflose Nächte

"Welcome in bloody country", begrüßt ihn ein Freund in Tirana, Albaniens Hauptstadt, bevor er sich auf eine abenteuerliche Busfahrt in die Berge begibt, auf der alle Frauen und Kinder sich die Seele aus dem Leib kotzen, während Stasiuk misstrauisch den allgegenwärtigen Betonbunkern in die exzentrischen Schießscharten sieht. "In dieser leeren Landschaft, in einer Gegend, wo einmal pro Stunde ein Fahrzeug auftauchte, wurde ich den Eindruck nicht los, ich würde beobachtet."

Der Reisebericht über Albanien ist in dem Band gewiss ein Extrempunkt insofern, als Stasiuk selbst, der sonst betont männlich-selbstironisch-furchtlos wirkt, einen eisigen Hauch verspürt: "Albanien ist das Unbewusste unseres Kontinents. Albanien, dieses europäische Es, das ist die Angst, die nachts das schlafende Paris, London und Frankfurt am Main heimsucht. Das ist der dunkle Brunnen, in dessen Tiefe diejenigen schauen sollten, die meinen, der Lauf der Dinge stehe ein für allemal fest." Voilà, da hätten wir den Horizont, gegen den Stasiuk anschreibt: eine selbstdeklarierte Souveränität, die er vor allem in den Geldmetropolen des Westens ansiedelt. "Wer versteht schon die Menschen des Westens, wer begreift ihre Gefühle", heißt es am Ende des Bandes unmissverständlich.

Stasiuks Geheimnis und seine Kunst speisen sich jedoch weniger aus der Ablehnung vermeintlicher Bescheidwisser, sondern aus der Kraft, eine eigene Mythologie zu schaffen: das Stasiuk-Land. Hierzu gehört, dass die Ländernamen selten genannt werden, meist nur die Ortsnamen, so dass die Staatsgrenzen zugunsten einer persönlichen Geographie verwischen.

Alle bedeutenden Reiseschriftsteller, heißen sie Bruce Chatwin, Annemarie Schwarzenbach oder Hubert Fichte, suchen in der Fremde immer auch nach sich selbst, während sie zugleich vom Genuss des Ich-Verlusts handeln. In diese Traditionslinie muss das grandiose, rätselhafte Reisebuch Unterwegs nach Babadag eingetragen werden.

Andrzej Stasiuk: "Unterwegs nachBabadag." Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, 300 Seiten, 22,80 Euro.

Mehr zum Thema

Kommentare