Unbewohnbare Zonen

Ulrike Hänsch überprüft die Kraft der Individualisierung in einer heterosexuellen Gesellschaft

Von GOTTFRIED OY

Vom wissenschaftlichen zum alltagsweltlichen Common sense: Kaum jemand wird heute noch anzweifeln, dass die Befreiung aus traditionellen Zwängen als eine der zentralen Errungenschaften der Moderne massiven Einfluss auf die Lebensgestaltung der Individuen hat. Der Niedergang bindender Normen gilt als ausgemacht, ein jeder werde zum "Baumeister" seiner eigenen Biographie, wie Ulrich Beck betont. Der Wunschtraum von Spontis und Neoliberalen vereinigt sich im Stichwort von der "Demokratisierung des Persönlichen", das der britische Soziologe Anthony Giddens geprägt hat.

Allerdings, so werden Feministinnen nicht müde zu betonen, bleibe eine kulturelle Konstante weiterhin bindend: Normative Heterosexualität als machtvolle Institution ist noch immer Grundkonstante der Lebensgestaltung und missachteter Forschungsgegenstand der Individualisierungstheoretiker. Diesen blinden Fleck nimmt Ulrike Hänsch zum Ausgangspunkt, um sich theoretisch und empirisch mit den Individualisierungstheorien von Zygmunt Bauman, Anthony Giddens und Ulrich Beck/Elisabeth Beck-Gernsheim auseinander zusetzen und deren Aussagekraft anhand der Analyse von Lebensläufen lesbischer Frauen zu überprüfen.

Folgt man den Individualisierungstheorien, ist die Macht von Familie, Staat und Kirche endgültig gebrochen, was allerdings statt einem Gefühl der Freiheit Angst und Unsicherheit angesichts der unzähligen Möglichkeiten und hohen Erwartungen an die eigene Biographie erzeugt. Um die entstandenen Verunsicherungen nutzen zu können, muss die Fähigkeit entwickelt werden, Widersprüche aushalten zu können und mittels selbstständiger Sinnkonstruktionen ein "Gefühl der Kohärenz" im eigenen Leben herzustellen. Unverständlich, so Hänsch, wieso vor diesem Hintergrund Heterosexualität unhinterfragt bleibt, unterlagen doch homosexuelle Lebensentwürfe und solche jenseits eindeutiger Geschlechtsidentitäten schon immer dem Zwang, mit Traditionen bewusst zu brechen, Widersprüche auszuhalten und neuen Sinn in das eigene Leben zu legen. Insofern sind es gerade diejenigen in den, wie die amerikanische Feministin Judith Butler es nennt, "dicht bevölkerten unbewohnbaren Zonen", die vorgemacht haben, was Individualisierung wirklich ausmacht: Nicht freischwebende Existenz der Qual der Wahl, sondern bewusste Auseinandersetzung und Bruch mit Normen und Ansprüchen.

Nabelschau der Mehrheit

Somit entpuppt sich die Individualisierungstheorie als Nabelschau der Mehrheitsgesellschaft, der mit Hänsch nicht weniger als ein Perspektivenwechsel zugunsten der "Randexistenzen" entgegen zusetzen ist. Lesbische Frauen erfahren die Wirkmächtigkeit der Norm der Heterosexualität darin, dass sie neben alltäglichen Gewalterfahrungen auch heute noch mit Pathologisierungen konfrontiert werden: Die lesbische Lebensform sei krankhaft und pervers, beruhe auf Erziehungsfehlern, sei Ergebnis hormoneller Abweichungen oder schlechter Erfahrungen mit Männern. Hänsch rekonstruiert den gerade mal zwanzig Jahre alten feministischen Diskurs der nicht-pathologisierenden, parteilichen Forschung über lesbische Frauen, um die Notwendigkeit der "aufwertenden Deutung lesbischer Lebensformen" zu verdeutlichen. Ausgangspunkte dieser politischen Intervention sind die Unsichtbarkeit lesbischer Frauen, die sich auch im schwul-lesbisch Kontext wiederholt und die aktive Diskriminierung und Stigmatisierung, das "Ineinandergreifen von struktureller und direkter, manifester und latenter, psychischer und physischer Gewalt".

Der Versuchung einer jeden Emanzipationsbewegung nachgebend, wurde einerseits der scheinbar "nicht-patriarchale, authentische Kern" zu einer widerspruchsfreien lesbischen Identität verklärt; darin sieht Hänsch eine "Stillstellung des Politischen" gekommen. Auf der anderen Seite beobachtet sie einen erneuten Ausschluss homosexueller und "queerer" Lebensentwürfe durch die "Vereinheitlichung des Forschungsgegenstandes ?Frau'". Gerade in der empirischen Biographieforschung gebe es heute hauptsächlich Arbeiten zur Doppelbelastung von Frauen durch Beruf und Familie. Der Konflikt zwischen heteronormativen Anforderungen und als unlebbar vermittelten homosexuellen Wünschen werde hingegen missachtet. Durch ihre empirische Arbeit versucht Hänsch dem entgegenzusteuern. Fünf exemplarische Lebensläufe dienen ihr als Grundlage einer detaillierten und sehr intensiven Analyse zentraler biographischer Eckpunkte: Übergänge zwischen verschiedenen Lebensabschnitten, Wandel der sozialen Einbindungen und die sich entwickelnden Orientierungs- und Sinnkonstruktionen. Immer wieder zeigt sich dabei, dass es keine widerspruchsfreie lesbische Identität gibt, sondern individuell und eigensinnig mit dem Stigma umgegangen wird.

Wie alle untersuchten Lebensläufe auf mikrosoziologischer Ebene unter Beweis stellen, ist Heterosexualität als Heteronormativität auch in moderne Gesellschaften eingeschrieben, einer Auseinandersetzung damit ist nicht zu entkommen. Gerade nicht-traditionelle Lebensentwürfe sind es, die immer das existierende Ensemble von Ungleichheiten reflektieren, auch wenn das oft in einer privaten, kreativen und eigenwilligen Art geschieht. Individualisierung findet demnach statt, allerdings nicht aus Mangel an Normen, sondern trotz deren fortdauernden Existenz.

Hänsch gelingt der Übergang von der Auseinandersetzung mit Gesellschaftstheorie zur Empirie spielend. In der Auswertung der von ihr geführten Interviews lässt sie keineswegs die Komplexität ihrer intelligenten Kritik an den Individualisierungstheorien vermissen. Allerdings geriert ihr der Vorteil einer gut strukturierten Arbeit letztlich doch zum Nachteil: In der Gegenüberstellung von Problemaufriss und abschließender Auswertung der Ergebnisse fällt auf, dass einige der zu Beginn eingeführten Diskussionspunkte im Schlussteil auf der Strecke bleiben.

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