Thomas Melle ist der neue Stadtschreiber von Bergen-Enkheim.
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Thomas Melle ist der neue Stadtschreiber von Bergen-Enkheim.

Thomas Melle

Unbeirrt bohrend

  • vonAndrea Pollmeier
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Radikaler Stimmungswechsel beim traditionsreichen Stadtschreiberfest von Bergen-Enkheim: Thomas Melle spricht unverblümt im Festzelt.

In Bierzelten herrscht eine eigene Dynamik. Redner, die Ernsthaftes zu sagen haben, werden leicht zu Spielverderbern. Die belebte Stimmung ist plötzlich gedrückt, man hüstelt, es gibt verlegenen Zwischenapplaus, wie um zu sagen: Jetzt ist es aber genug.

Etwa in dieser Art startete beim traditionsreichen Stadtschreiberfest von Bergen-Enkheim das Jahr des neuen Preisträgers. Die Stimmung war heiter, geradezu ausgelassen als Thomas Melle ans Mikrofon trat. Zuvor hatte Festredner Ahmad Mansour bereits routiniert über Gefahren der Radikalisierung gesprochen und damit ein Thema berührt, das jedem am Herzen lag. Danach hatte auch der bisherige Stadtschreiber Sherko Fatah kurz und enthusiastisch Abschied aus seiner „kleinen Heimat auf Zeit“ genommen.

Thomas Melle, dessen Wahl vom kürzlich verstorbenen Peter Härtling noch begrüßt wurde, sagt mitten in diese leutselige Stimmung: „Manchmal fällt mir ein, dass ich eigentlich schon tot war, der Gedanke lässt mich aber paradoxerweise länger leben.“ Unverblümt direkt spricht Melle im prall gefüllten Bierzelt seine eigene bipolare Erkrankung an. Kein Zuhörer kann dieser bewusst gewählten, „imperativen Offenheit“ ausweichen. Missverstehen wäre mutwillig.

Bereits in seinem letzen Buch „Die Welt im Rücken“, das 2016 für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominierte war, hat Thomas Melle die eigene Lage öffentlich gemacht und den Zustand manisch-depressiven Krankseins ausgeleuchtet. Gefahren stetigen Zweifels sind darin eindrucksvoll präsent. Wie gelingt es ihm, solche Zweifel an sich selbst und am Sinn des Schreibens zu überwinden? Ausführlich nimmt Thomas Melle zu dieser Frage jetzt Stellung.

Ähnlich wie John Foster Wallace gehe es ihm um Wahrhaftigkeit. In den 90er Jahren, als er in Austin (Texas) studierte, nahm eine künstlerische Idee ihren Anfang, die unter dem Begriff „New Sincerity“ populär geworden ist. Im Zeitalter der Postmoderne wirkt die Vorstellung, irgendein geschriebener Satz könne der komplexen Wirklichkeit entsprechen, altmodisch. Wie kann man vor diesem Hintergrund dem eigenen Schreiben noch vertrauen? Melle macht deutlich, dass gerade klare Sätze wie „Ich gehe jetzt über die Straße“ demjenigen Orientierung geben, dessen eigenes Fundament zerstört ist. „Es sind Sätze, die von der Postmoderne zerschossen waren, die ich aber jetzt – selbst zerschossen – unbedingt brauchte.“ Diese klaren Sätze sind in seinem literarischen Werk jedoch nicht, wie oft vermutet, authentisch. Mit Nachdruck wehrt sich der Autor gegen diese Zuschreibung. Im alltäglichen Sprachgebrauch sei authentisch eher eine literaturferne Kategorie, das Wort meint, etwas ist unverfälscht. Kurz gefasst müsste es eigentlich heißen: je kunstloser desto authentischer.

Unbeirrt bohrt sich Thomas Melle nun in die Tiefe. Im Tagebuch könne ein Ereignis beispielsweise so subjektiv beschrieben werden, dass es erfundener wirke als ein fiktiver Text. Fiktion gibt in des Autors Vorstellung die Essenz des Erlebten wieder. Je besser das gelingt, desto kunstfertiger und wahrhaftiger ist das Ergebnis.

Mit diesen Überlegungen spricht Thomas Melle Sehnsüchte an, die immer auffälliger werden. Inmitten echter und konstruierter Nachrichten (Fake News) fehlen sichere Ort der Orientierung. Autoren der „New Sincerity“-Bewegung wollen Literatur nicht zu einem Ort der Lüge sondern der Wahrhaftigkeit machen. Dieses ernsthafte Bemühen, der Wirklichkeit habhaft zu werden, findet – wie auch der Erfolg von Karl Ove Knausgard zeigt – weltweit Leser. Auf dem Berger Markt erhält Thomas Melles Rede ebenfalls stürmischen Applaus.

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