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Unbedingt in die Seele hinein

Der Stadtnarr will Großes: Paul Nizons Journale 1961 - 1972 zeigen einen Schriftsteller zwischen hohem Anspruch und Angst vorm Scheitern

Von Stephan Reinhardt

Seit Anfang der sechziger Jahre führt Paul Nizon Tagebuch. Die Innenseite des Mantels, eine von Maria Gazzetti mitbesorgte Auswahl aus den umfangreichen Journalen der Jahre 1980 bis 1989, erschien 1995. Die Erstausgaben der Gefühle, das Tagebuch der Jahre 1961 bis 1972 - "gefiltert" aus rund tausend Seiten, wie Wend Kässens in seinem informativen, einlässlichen Nachwort mitteilt - zeigt die Genese des Schriftstellers Paul Nizon. Seine Aufzeichnungen bilden den Hintergrund für das Rombuch Canto (1963), den Roman Im Hause enden die Geschichten (1971) und die Erzählung Untertauchen. Protokoll einer Reise (1972).

Diese Tagebücher, aus denen allzu Familieninternes ausgesondert wurde, sind Werkstattbericht und Gedankenlaboratorium. Reflexion über ästhetisches und existenzielles Selbstverständnis begleitet in ihnen die Suche nach Selbstfindung, nach der künstlerischen Form. Getrieben von höchstem Anspruch, "nämlich unbedingt etwas Großes leisten zu müssen": "Ich möchte das Große, Einmalige, Tiefe, Unvergleichliche, Reine - des Dichters", plagt ihn die Angst des Scheiterns, nicht hinauszugelangen "ins Freie eines großen Werks". Die Unbedingtheit, mit der Nizon, 1929 als Sohn eines russischen Emigranten und einer Schweizerin in Bern geboren, ins Freie drängt, lässt ihn kollidieren mit dem Bequemen und den bürgerlichen Lebensmustern. Wie der Titelheld in Stolz, sein fiktives Alter ego Iwan Stolz, trennt er sich von Frau und Kind. Eine glänzende Karriere als Kunstkritiker gibt Nizon auf.

Kunst bedeutet ihm "die immer neue Selbsterklärung des Menschen, unternommen in den jeweils neuen zeitbedingten Umständen, den neuen Wirklichkeiten". Also verändert Nizon immer wieder seine Lebensumstände durch Ortswechsel: Entweder in Zürich, wo er etliche Arbeitswohnungen bezieht, oder durch Reisen. Das Fortgehen, Unterwegssein und "Untertauchen" wird regelrecht zum "Initiierungsritus" für das Schreiben, zur existenziellen Selbstprovokation. "Um etwas in Gang zu bringen", schwärmt er aus nach Paris - wo er seit 1972 vor allem lebt -, nach Barcelona, Rom, London. Ein "Stadtnarr", den es drängt, immer wieder das "Existenzabenteuer Stadt" zu bestehen und den es dann doch wieder an einen neuen Ort führt, zu neuem Erlebnis- und Schreibabenteuer. Die Protagonisten seiner Prosa sind Reisende, Flaneure, Außenseiter, die vor Festlegungen - den "Zellen der Unterdrückung" Ehe und Familie, dem "Schrebergartenprinzip", der "Diktatur der Kleinbürger", dem allgemeinen "Papperlapapp" - davonlaufen.

Nizons Journal ist getragen vom Geist des Widerspruchs und Widerstands. Er rebelliert gegen ein Leben, das er in seinem experimentellen Romroman Canto als totale Entfremdung und Sinnlosigkeit beschreibt: Keiner lebt mehr "seine Geschichte", sondern er wird nur noch "gelebt", ist Spielball irgendwelcher Strukturen oder Mächte. "Wirklichwerden" als Person dagegen heißt, nicht Objekt, sondern Subjekt der Geschichte zu sein. Der "herrschenden Ordnung" sich nicht zu unterwerfen und so ihr "Untertan" und "Untermieter" zu werden, sondern ihr mit einer "schöpferisch-kritischen Haltung" zu begegnen, dieses Grunderlebnis wird zu Nizons Lebens- und Schreibprogramm. Dieser Weg ist sein Ziel.

Dazu gehört auch, dass Nizon formal in einer Art work in progress unentwegt experimentiert und über seine Erzählmethode nachdenkt. Er distanziert sich dabei sowohl vom herkömmlichen Realismus als auch vom Nouveau roman, der in der Beschreibung der Außenansichten und Dingwelten auf Figuren und ihr Psyche verzichtet: "In der prägnanten Beschränkung aufs Oberflächliche äußert und demonstriert sich die Ohnmacht des Menschen der heutigen Welt gegenüber". Auf existenzielles Widerstehen aber kommt es Nizon gerade an, auf das Ich als "Speicher der Erinnerung" und als "sichtbar konstitutives konstruierendes Bewusstsein". Und dazu bedarf es der Psyche und des Ernstnehmens psychischer Vorgänge: "Das... einzig Tröstliche... : Die Psyche ist... immer noch ein Ausschlagplatz ohnegleichen geblieben und eine Realität ersten Grades."

Nizon, inspiriert von der Lust am Wortefinden, bricht seine Prosatexte, seine "Selbsterklärungen des Menschen", ihre Zustandsbeschreibungen, essayistisch. In Im Hause enden die Geschichten (1971) variiert er auf mutige Weise das Haus als Metapher dumpfen Eingeschlossenseins, auch für die "Engnis der Enge" in der Schweiz, an der sich Nizon zum Ärger mancher Schweizer Autoren gerieben hat.

Das Programm "Literatur als Leben, Leben als Literatur" - diese wie bei Nizon so enge Existenzform verläuft nicht ohne ästhetische Gefahren. Das "Fesselsprengen", wie der ihn in Gesprächen immer wieder ermunternde Elias Canetti seine schriftstellerischen Experimente charakterisiert, erfordert einen hohen Preis. Bei allem Selbstbewusstsein, zuweilen auch "Selbstüberheblichkeit", der gelegentliche Absturz: "Nach dem Tod und der Beerdigung Friedrich Kuhns eine ganze Woche mit Sauferei, Schlägerei verloren."

Nizon kränken die Defizite seiner Arbeit im Leben - unterbezahlt, die Aufnahme beim Publikum "unsicher", "in den Augen des Zeitungsredakteurs, des Beamten, des Funktionärs nichts weiter als ein armes Würstchen - demoralisierend". Statt sich in Ruhe einem neuen Projekt widmen zu können, "wirtschaftliche Misslichkeit". Die Klage eines schwierigen Autors, der später mit Das Jahr der Liebe (1981) und Im Bauch des Wals (1989) seine erfolgreichsten Bücher schreiben wird: "Nicht immer wieder herumrennen müssen, um mir etwas einfallen zu lassen - zum Schnellverdienst". Auch seine Wohnverhältnisse sind im Zürich des Jahres 1971 desolat. Nizon lebt in einer Art Studentenbude mit einem geliebten Hund: "Zu einer richtigen Wohnung reicht es nicht... Überhaupt nichts auf der hohen Kante. Von der Hand in den Mund von Monat zu Monat".

Paul Nizon: Die Erstausgaben der Gefühle. Journal 1961 - 1972. Hrsg. von Wend Kässens. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2002, 248 Seiten, 19,90 €.

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