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Das unausweichliche Ende des Lebens

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Henning Mankell im Juni 2015.
Henning Mankell im Juni 2015. © REUTERS

„Die schwedischen Gummistiefel“: Der anrührende letzte Roman von Henning Mankell erscheint am heutigen Montag auf Deutsch. Und erzählt einfach vom Alltag eines Mannes, kaum älter als Autor Mankell bei seinem Tod.

Von Petra Pluwatsch

Am Anfang des Buches steht ein Zitat aus dem „Rolandslied“: „Viel hat der gelernt, der die Trauer kennt.“ Die Grundstimmung in diesem letzten Roman von Henning Mankell ist damit bereits beschrieben – das Abschiedswerk des schwedischen Autors durchzieht ein Hauch von Schwermut.

In seiner Heimat erschien „Die schwedischen Gummistiefel“ bereits im vergangenen Jahr, nur wenige Wochen, bevor Mankell am 5. Oktober an seinem Krebsleiden starb.In deutscher Übersetzung kommt der Roman im heutigen Montag auf den Markt.

Mankell wusste seit Anfang 2014, dass er todkrank war. „Einige Tage nach Neujahr reiste ich zu einem Orthopäden in Stockholm, der mich schon einmal behandelt hatte“, schreibt er am 29. Januar auf seiner Website. „Hin fuhr ich mit einem schmerzhaften Bandscheibenvorfall im Nacken. Als ich zurück nach Göteborg fuhr, am Tag darauf, war es eine ernste Krebsdiagnose.“

In Interviews und einem Krebstagebuch, der unter anderem im „Stern“ erscheint, verarbeitet er in den kommenden Monaten seine Erfahrungen mit der Krankheit. Und noch im gleichen Jahr veröffentlicht er ein Buch über sein Leben nach der Diagnose. In Deutschland erscheint „Treibsand. Was es heißt, ein Mensch zu sein“ einen Monat vor seinem Tod.

Wie macht man sich mit dem eigenen Tod vertraut?

Und nun also ein letzter Roman, ein stilles, ein nachdenkliches und stellenweise zutiefst anrührendes Werk über die Maläste des Altwerdens und die Angst des Menschen vor dem unausweichlichen Ende des Lebens. Mankell, so steht zu vermuten, wird sie gebraucht haben, diese ruhig dahinfließende Prosa, um sich vertraut zu machen mit dem eigenen Tod.

Fredrik Welin, so heißt sein Alter Ego. Der Arzt im Ruhestand lebt allein auf einer abgeschiedenen Schäreninsel vor der schwedischen Küste, ein wortkarger Mensch, der die Bürde eines schlimmen Kunstfehlers mit sich herumschleppt. Er ist fast 70, nur wenig älter also als der Autor selbst bei seinem Tod.

Mankell hat ihm schon einmal einen Roman gewidmet: „Die italienischen Schuhe“ (2007). Seitdem sind acht Jahre vergangen. Welin hat seinen Hund und seine Katze verloren und – er hat ins Leben zurückgefunden. Eine erwachsene Tochter, von deren Existenz er viele Jahre nichts wusste, hält telefonisch Kontakt zu ihm. Ab und zu schaut Ture Jansson, ein alter Postbote, vorbei.

Bislang hat Welin sich mit dem Älterwerden arrangiert. „Ich war immer davon ausgegangen, dass der Lauf der Jahre keine Bedeutung hätte. Ich alterte zwar, aber langsam, fast unmerklich. Ich konnte nicht mehr in ein Boot springen wie vor zehn Jahren. Jetzt musste ich mich mit einer Hand abstützen, wenn ich einstieg. Das Altern war ein Nebel, der still übers Meer herangezogen kam.“ Sätze, die man so oder so ähnlich aus Interviews mit Mankell kennt.

Doch eines Nachts brennt Welins altes Haus lichterloh. „Ich wachte davon auf, dass plötzlich starke Lampen aufflammten. Als ich die Augen aufschlug, war das Licht, das mich umgab, gleißend. Unter der Schlafzimmerdecke hing ein Teppich aus grauem Rauch.“

Nur mit Mühe kann sich Welin ins Freie retten. Alles, was ihm geblieben ist, sind ein schwarzer Regenmantel und zwei nicht zueinander passende schwedische Gummistiefel. „Die Zeit schmolz in der Hitze dahin. Nach und nach trafen Boote mit verschlafenen Schärenbewohnern ein. Aber hinterher konnte ich nicht sagen, wie lange es gedauert hat oder auch nur, wer gekommen war. Meine Augen starrten wild auf das Feuer und die Funken, die zum Nachthimmel emporwirbelten. “

Schnell gerät der Arzt in Verdacht, das Feuer selber gelegt zu haben, um die stattliche Versicherungssumme zu kassieren. Die Polizei ermittelt, zwei Versicherungsvertreter stochern in der verkohlten Ruine nach Beweisen für seine Schuld. Die Reporterin der örtlichen Tageszeitung will wissen, wie man sich fühlt, wenn man alles verloren hat. Schließlich taucht sogar Welins Tochter Louise auf der Insel auf, eine verkrachte Existenz, schwanger zudem und stets auf Krawall gebürstet. Doch schon bald brennt das nächste Haus. In den Schären geht ein Brandstifter um.

„Jetzt war ich ein alter Mann, der Angst vorm Sterben hatte“

Das Feuer hat nicht nur Welins Haus zerstört, der Mann selber ist in seinen Grundfesten erschüttert. Panikattacken setzen ihm zu. Von Angst geschüttelt verkriecht er sich in einem Camper, der ihm vorübergehend als Bleibe dient. „Jetzt war ich ein alter Mann, der Angst vorm Sterben hatte. Den Schritt über die unsichtbare Grenze zu tun, war das Äußerste, was mir noch im Leben blieb. Es war ein Schritt, den ich fürchtete, mehr als ich es geahnt hatte.“

Unbändige Wut packt den Endsechziger beim Anblick seiner noch jungen Tochter: „Ich fürchte, ich empfinde einen hoffnungslosen und im Grunde irrsinnigen Neid allen Menschen gegenüber, die weiterleben werden, wenn ich tot bin. Dieser Gedanke“, gesteht er, „beschämt mich genauso, wie er mich erschreckt. Ich verdränge ihn. Aber trotzdem kehrt er immer öfter zurück, je älter ich werde.“ Solche Sätze wagt vielleicht nur ein Autor zu formulieren, der selber an der Schwelle zum Tode steht.

Doch Welin erweist sich, als der erste Schreck überwunden ist, als durchaus lebenszugewandt. Er verliebt sich in die Reporterin, die ihn nach dem Brand interviewt hat. Auch Lisa Modin ist vom Leben gezeichnet.

Eine uralte Liebesgeschichte steckt ihr noch in den Knochen. Die Sache ist schiefgegangen, seitdem lebt sie allein. „Halt mich nicht fest“, warnt sie Welin vor zu viel Nähe. „Bleib einfach da stehen, wo du stehst. Alles, was zu schnell geht, wird immer falsch.“ So bleibt man auf Abstand und ist dennoch nicht allein.

Dafür kommen sich Vater und Tochter näher. Die Schwangerschaft Louises mag dazu beigetragen haben. „Ich existierte in ihr, und sie existierte in mir. Es war eine Geschichte, die kaum begonnen hatte. Ich fragte mich, ob ich mich durch Louise würde selbst besser verstehen können.“ Endlich, so scheint es, hat Welin auch die Angst vor dem Sterben überwunden. „Der Tod muss die Freiheit von Angst sein“, philosophiert er nach einem Treffen mit seiner Tochter. „Die äußerste Freiheit.“

Mankell war nie ein großer Stilist, und auch sein letzter Roman ist kein literarischer Festschmaus, sondern schlichtes Erzählwerk. Unprätentiös lässt er den Ich-Erzähler von seinem Alltag erzählen: von den Bootsfahrten über das steingraue Meer. Den einsamen Abenden im Campingwagen. Welin schildert seine Begegnungen mit den Nachbarn, seine Besuche im Café und die Schwierigkeiten, an neue Gummistiefel zu kommen.

Sicher, man kann das langweilig finden. Doch gerade sein behäbiger Erzählfluss macht den Reiz dieses letzten Romans von Hennig Mankell aus. Der Autor entführt seine Leser in eine Welt, in der die Uhren langsamer gehen als im Rest des Landes und in der nicht nur einer wie Welin zur Ruhe kommen und dem letzten Abschnitt seines Lebens mit Gelassenheit entgegensehen kann.

„Aber die Dunkelheit schreckte mich nicht mehr.“ So lautet der letzte Satz des Buches.

Henning Mankell: Die schwedischen Gummistiefel. Roman. Aus dem Schwedischen von Verena Reichel. Zsolnay, Wien 2016. 480 S., 26 Euro.

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