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Unauflöslich miteinander verwachsen

Matthias Hambrocks Studie zum Verband nationaldeutscher Juden 1921 - 1935

Von Thomas Meyer

Keine Phase der deutsch-jüdischen Geschichte ist so ambivalent wie die der Weimarer Republik. Sie stellt die Vorgeschichte des Holocaust dar, was den Blick genauer auf die vermeintliche deutsch-jüdische Symbiose lenkt. Seit Gershom Scholems scharfer Zurückweisung, es habe je ein gleichberechtigtes Gespräch zwischen Deutschen und Juden gegeben, hält die Diskussion über die Bewertung der Weimarer Republik an. In den fünfzehn Jahren entwickelte sich jedoch unleugbar jene "jüdische Renaissance", die sich in der Gemeinde- und Wohlfahrtsarbeit oder in zahlreichen Werken zur jüdischen Theologie und Musik ausdrückt. Vor allem in den Großstädten blüht das kulturelle Leben nicht zuletzt dank vieler jüdischer Intellektueller und Künstler. Die Teilhabe an der deutschen Kultur wächst rasant. Immer mehr Juden sind in jenen Bereichen tätig, wo sie das "ungebrochene Gefühl ihres eigenen Deutschtums" (Paul Mendes-Flohr) demonstrieren können.

Vor einigen Jahren hat Hartwig Wiedebach in einer wichtigen Arbeit das strittige Verhältnis von "Deutschtum und Judentum" bei dem Philosophen Hermann Cohen exemplarisch herausgearbeitet. Nunmehr legt Matthias Hambrock seine seit langem erwartete Studie über den Verband nationaldeutscher Juden (VnJ) vor und hat damit nicht nur das Standardwerk zu dieser organisierten Minderheit innerhalb der jüdischen Minderheit geschrieben, sondern darüber hinaus einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der deutsch-jüdischen Geschichte geleistet.

"Der Verband nationaldeutscher Juden bezweckt den Zusammenschluss aller derjenigen Deutschen jüdischen Stammes, die bei offenem Bekennen ihrer Abstammung sich mit deutschem Wesen und deutscher Kultur so unauflöslich verwachsen fühlen, dass sie nicht anders als deutsch empfinden und denken können." Mit diesen Worten eröffnet der VnJ am 26. April 1921 seine Satzung. Hambrock zitiert sie zu Recht am Beginn seiner Arbeit, denn hier werden die Grundthemen und damit die künftigen Dilemmata des VnJ angeschlagen. Denn natürlicherweise brachte diese Haltung den Verband in die Nähe ihrer Gegner, was seinen Mitgliedern bis heute vorgeworfen wird. Gerade bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1933 zeigt sich die Zerrissenheit der vertretenen Positionen in ihrem ganzen Ausmaß. Hambrock nennt das Verhältnis vom VnJ zu den Nationalsozialisten "ambivalent": "sie waren einerseits die Hauptträger der ?nationalen Erneuerung', die im Prinzip begrüßt wurde, andererseits gingen von ihnen - wegen ihrer hochemotionalen antisemitischen Abwehrdisposition - genau die Gefahren aus, vor der die Organisation stets gewarnt hatte".

Die "Ambivalenz" hatte spätestens mit den "Nürnberger Gesetzen" vom 15. September 1935 ein Ende, doch dauerte es noch bis zum 18. November 1935, bis der VnJ von Heydrich aufgelöst wurde. Hambrock verfolgt das Schicksal von Funktionären und Mitgliedern weiter. Viele starben in den Konzentrations- und Vernichtungslagern. Erich Simon und Hermann Baden überlebten Theresienstadt, und wurde wichtige Figuren im Wiederaufbau der jüdischen Gemeinden in Berlin und der DDR. Andere emigrierten und kehrten teilweise nach Deutschland zurück.

Die detaillierte, auf hohem sprachlichen Niveau genau argumentierende Arbeit soll aber nicht nur wegen ihrer fairen und präzisen Nachzeichnung der Geschichte des VnJ gelobt werden, sondern auch wegen ihrer methodischen Innovationsfreude. Hambrock hat sich das Konzept von Norbert Elias zu Eigen gemacht, und mit ihm lassen sich Generalisierungs- und Ideologiemuster genauer in den Blick nehmen, denn sie entstammen häufig den Erfahrungen in der alltäglichen Lebenswelt. Die Mitglieder des VnJ waren ja Außenseiter, die den Etablierungswunsch "nationaldeutsch" hatten. So angeordnet, wird die Figuration Etablierter-Außenseiter zu einem Vergrößerungsglas für die zahllosen Brüche, aber auch oft nur feinen Haarrisse, die sich zwischen Juden und Nichtjuden in Weimar ergaben.

Schließlich liefern die Reflexionen von Elias die Möglichkeit, multiperspektivisch an das Thema heranzugehen. So führt Hambrock kulturwissenschaftliche, psychologische und geistesgeschichtliche Herangehensweisen zusammen, ohne in einem Meer von Ansätzen zu ertrinken. Hambrocks Buch wird gerade darum Diskussionen auslösen, und dies nicht nur bei den Historikern der deutsch-jüdischen Geschichte. Es bietet nämlich einen gut begründeten Ausweg an, der jenseits der Verengungen von Sozialgeschichte und intellectual history konstruktiv weiterdenkt.

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