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David Foster Wallace (1962-2008), hier 1997.
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David Foster Wallace (1962-2008), hier 1997.

David Foster Wallace „Unendlicher Spaß“

Unallein und ungestresst

Wachsende Gegenwärtigkeit: Vor 20 Jahren erschien David Foster Wallaces großer Roman „Unendlicher Spaß“.

Von Dirk Pilz

Im heißen Juli 1993 bezog der 31-jährige Schriftsteller David Foster Wallace in Bloomington-Normal sein erstes eigenes Haus. Von der Veranda aus konnte man in einen Park schauen, das Badezimmer tapezierte er mit Tabellen von Tennisturnieren, Verpackungen einer Erwachsenenwindel, später auch mit Briefen von seinen Kollegen Jonathan Franzen und Don DeLillo, vor allem aber mit Manuskriptseiten aus dem Buch, an dem er damals schrieb.

Wallace galt bereits als bekannter Schriftsteller, als er damals eine Dozentenstelle für Gegenwartsliteratur an der Illinois State Universität annahm, nur gut eine Stunde von seiner Heimatstadt Ithaca im Bundesstaat New York entfernt. 1987 war sein erstes Buch erschienen, der Roman „Der Besen im System“, zwei Jahre später ein Band Erzählungen. Aber Wallace würden heute nur eingefleischte Kenner der amerikanischen Gegenwartsliteratur kennen, wäre vor genau zwanzig Jahren nicht dieses unerforschliche Buch mit dem im Grunde unübertragbaren Titel „Inifinite Jest“ herausgekommen. Der deutsche Übersetzer Ulrich Blumenbach hat für seine vielfach gepriesene Arbeit (2009 bei Kiepenheuer & Witsch veröffentlicht) sechs Jahre gebraucht und es „Unendlicher Spaß“ genannt.

Bevor Wallace nach Illinois ging, ließ er einige Auszüge aus dem noch nicht abgeschlossenen Roman drucken. In der Literatur gehe es darum, so sagte Wallace 1993 in einem Interview dazu, „was es verdammt noch mal heißt, ein Mensch zu sein“. Davon handelt „Unendlicher Spaß“, ja. Und von der „eigentümlichen Möglichkeit, sich selbst zu ermutigen und die Wahrheit zu sagen, statt vor sich selbst wegzulaufen oder sich so darzustellen, wie man es für besonders liebenswert hält.“ Die Wahrheit ist ohnehin selten liebenswert.

Sein Lektor Michael Pietsch bekam in diesem Sommer 1993 die ersten 750 Seiten zu lesen; er war so fasziniert wie erschrocken: „Es ist ein Roman aus Scherben“,ließ er Wallace wissen, „gewissermaßen eine zerbrochene Erzählung, deren Stücke jemand aufzulesen versucht“. Das gilt auch für das abgeschlossene, gut tausendseitige Buch (in der Übersetzung sind es 500 Seiten mehr).

Wallace lässt es in einer Zukunft spielen, die inzwischen unsere Gegenwart ist – weite Teile des Romans sind 2009 und 2011 angesiedelt. Wenn man es heute (wieder) liest, erscheint tatsächlich vieles, als wäre es von der Wirklichkeit eingeholt, nicht nur, weil Wallace einen ehemaligen Schlagersänger mit Vorliebe für Kitsch und Geld amerikanischer Präsident sein lässt. Sondern weil „Unendlicher Spaß“ von den Krankheiten handelt, mit denen die Gesellschaft wie wir Einzelne geschlagen sind: Depressionen, allerlei Süchte vom Alkohol bis zu Schmerzmitteln, Leistungszwang und der feste Glaube an die Erlösungskräfte der Spaßindustrie. „Eine misslungene Belustigung“ wollte Wallace seinen Roman im Untertitel nennen; das hat ihm der Verlag ausgeredet – man fürchtete um die Verkaufszahlen.

Der fragmentierte Aufbau des Buches hat drei Fluchtpunkte: Die Familie Incandenza mit den Söhnen Hal, Orin und Mario, die Enfield Tennis Akademie und das Entzugszentrum Ennet House. Man lernt viel über eine Gesellschaft in den Fesseln von Selbstoptimierung und Selbstbespaßung. Aber die Größe des Romans besteht darin, dass alle Figuren im grellen Licht der Widersprüche auftreten, die zur Wahrheit des Menschseins gehören. Durchweg verzichtet Wallace auf Ironie, nie geht er die einfachen Wege des Zynismus, stets folgt er seinem Credo, „mit Achtung und Überzeugung von schlichten unmodernen menschlichen Problemen und Gefühlen zu erzählen“. Er versammelt dabei erschütternd komische wie tragische Geschichten, schildert die Abgründe der Depression als „Ekel aller Zellen“ und die Kämpfe des Entzugs, aber eben auch: die blendende Schönheit der Liebe, die zehrende Kraft der Hoffnung. Ein Buch über die „aufblitzende Menschlichkeit“ aus den unerwartetsten Richtungen. „Die Wahrheit macht dich frei. Aber vorher macht sie dich fertig“, sagt eine der Figuren stellvertretend für alle, auch für den Leser. „Unallein und ungestresst“ zu sein, das ist die gemeinsame, unerfüllte Sehnsucht in diesem Sprachwunderbuch. Es ist damit eine so scharfe wie ungeschönte Analyse einer Gesellschaft, die die Freiheit vergöttert und Süchte produziert, die diesseitige Erlösung predigt und von ihr gefangen genommen wird.

Es gibt, glaubte Wallace, nur ein Mittel, um uns von uns selbst zu heilen: das Geschichtenerzählen. Man weiß nur nie, welche Geschichte heilend ist. Es ist deshalb ein so dickes, großes Buch geworden. Man muss es lesen, jetzt, es wird zusehends gegenwärtiger.

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