Der Umsiedler

Ein Roman, der passt: Christoph Heins "Landnahme" erzählt die Geschichte des Dickschädels, Hasardeurs und Bürgers Bernhard Haber aus Schlesien

Von INA HARTWIG

Der neue Roman von Christoph Hein, Landnahme, könnte ein Klassiker werden. Er liegt thematisch im Trend, ist formal so perfekt wie ein goldener Schnitt, und vor allem streift er die Dimension einer griechischen Tragödie. Hein erzählt nichts weniger als die Geschichte eines Racheverzichts, und deshalb - nur deshalb - zugleich die einer schmerzlichen, doch gelungenen Integration. Es ist die Erfolgsgeschichte eines Dickschädels, Bernhard Haber, Umsiedlerkind aus Breslau. 1950 kommt er im Alter von zehn Jahren in eine sächsische Kleinstadt namens Guldenberg, wo die überall einquartierten Vertriebenen auf eine breite Front der Feindseligkeit stoßen und wo Bernhard und seine Eltern viele harte Proben zu bestehen haben: Die Scheune und bescheidene Tischlerei des Vaters wird durch Brandstiftung vernichtet; Bernhards geliebten Hund Tinz findet man tot, mit einer Drahtschlinge erwürgt; und sogar sein Vater wird eines Tages erhängt aufgefunden. Dabei schien es, als ginge es endlich ein bisschen aufwärts.

Die Gewissheit, dass es kein Selbstmord war, sondern das Ergebnis einer im Alkoholrausch geschlossenen Wette, erfährt Bernhard Haber viele Jahre später, an seinem vierzigsten Geburtstag - von einem Priester, der ihn trösten will: Sein Vater sei "nicht als Sünder" gestorben, was Bernhard im Zweifelsfall egal wäre. Ganz und gar nicht gleichgültig ist ihm jedoch zu erfahren, wer seinen Vater tötete beziehungsweise wer hinter jener dubiosen Wette stand. Er wird es nicht erfahren, nicht ganz. Und will es auch nicht mehr. Denn Bernhard Haber ist inzwischen ein wohlhabender, angesehener Mann der Stadt, mit einer florierenden Tischlerei, einer braven Ehefrau, zwei Kindern und einer Prachtvilla. Seinem Freund Sigurd vertraut er an: "Vielleicht brauchte es erst das Blut meines Vaters, dass ich hier heimisch werde, dass man mich akzeptiert."

Geheimnisvolles Innenleben

Eine Opfertheorie und wahrlich archaische Einsicht durchschlägt also den Kreislauf der Blutrache, durchschlägt das Gesetz von "Auge um Auge, Drahtschlinge für Drahtschlinge", wie Bernhard den biblischen Text aus gegebenem Anlass einmal variiert. Zur Rache meint Bernhard nicht nur einen Anlass zu haben, aber nur einmal wird er dem dunklen Trieb nachgeben.

Wie sein Held ist Christoph Hein in Schlesien geboren, am 8. April 1944 - er feiert demnächst seinen sechzigsten Geburtstag. Wie sein (wenig älterer) Held ist er bei Leipzig aufgewachsen - wo grob das fiktive Guldenberg liegen muss (das wir schon aus dem Roman Horns Ende kennen). Weitere Gemeinsamkeiten mit dem Helden seines jüngsten Buchs sucht man vergeblich. Hein, den man als Sohn eines Pfarrers wegen "politischer Unzuverlässigkeit" das Gymnasium nicht besuchen ließ (er tat es dann in Westberlin), hat mit der Figur des Bernhard Haber das Gegenteil des Bildungsbürgers oder gar Künstlers geschaffen.

B.H. ist der renitente, stolze, begriffsstutzige Schüler, der selten spricht, aber Kraft in den Fäusten hat. Die Mitschüler tuscheln hinter seinem Rücken über den "Polacken", hüten sich aber, es ihm ins Gesicht zu sagen. Wer seinen Hund umgebracht habe, droht er ihnen, den werde er umbringen. Und als der Direktor den eher kleinwüchsigen Jungen vor versammelter Klasse zwingt, die Drohung zurückzunehmen, weigert er sich stoisch. Bernhards Banknachbar bewundert ihn für diesen Sieg ohne Triumphalismus. "Ein richtiger Mann", wird seine Schwägerin später konstatieren. Auch wenn sie zu erkennen meint, dass er in seinem Herzen ein Kleinbürger sei.

Auf fünf Ich-Erzähler hat Christoph Hein die Geschichte des Bernhard Haber verteilt. Dieser selbst spricht nicht, mit der Konsequenz, dass Bernhards Innenleben bis zuletzt geheimnisvoll bleibt. Jeder der fünf Erzähler hat ihn irgendwann in seinem Leben getroffen, und während sie sich erinnern, schälen sich wiederum ganz eigene, interessante Charaktere heraus. Da ist Tomas Nicolaus, der feinfühlige Apothekerssohn, der mit Bernhard, Spitzname "Holzwürmchen", zusammen zur Schule ging. Da ist Marion Demutz, seine erste Freundin, die ihn verlässt, als ruchbar wird, dass Bernhard sich an den Zwangskollektivierungen der privaten Bauern an vorderster Front beteiligt. Da ist Peter Koller, die große, scheiternde Gegenfigur zu Bernhard. Er wandert für ein paar Jahre wegen Fluchthilfe ins Gefängnis, und obwohl Bernhard ihn in das Schleusergeschäft eingeführt hat, verpfeift er ihn nicht ("Ich allein bin der Idiot"), ein feiner Kerl. Da ist die lüsterne Katharina Hollenbach aus Spora, Bernhards Schwägerin, die ihn ziemlich rasant verführt; und schließlich Sigurd Kitzerow, der Sägereibesitzer und Freund der prosperierenden Jahre bis über die Wendezeit hinaus. Ihm hat Bernhard viel zu verdanken, zum Beispiel "als erster Umsiedler" in den Kegelclub aufgenommen worden zu sein, die Vereinigung der Selbständigen, von den Funktionären als "Industrie- und Handelskammer" verspottet.

Am Ende des Buchs, das in der Gegenwart endet, haben wir fünf unterschiedliche Perspektiven auf Bernhard Haber kennengelernt, verteilt auf fünf Jahrzehnte in Guldenberg seit 1950. So entfaltet sich einerseits das Psychogramm einer zunächst noch diffusen, dann sich verhärtenden, schließlich überwundenen DDR; andererseits ein Spektrum von Charakteren im La Bruyère'schen Sinne: Sittenbilder, die dem Historisch-Konkreten enthoben sind.

Und genau diese Vermischung der Sphären - hier die menschliche Typenlehre, dort die politische Geschichte der DDR - garantiert, dass einfache Kausalbeziehungen (zwischen Herkunft und Werdegang) ausgeschlossen bleiben. Dies ist um so wichtiger, als Christoph Hein durchaus dem realistischen Erzählen zuneigt. Glücklicherweise schließt sein Realismus aber das Poetische, Zufällige ein. Zauberhafte Szenen hält die sogenannte Wirklichkeit bereit, wenn etwa Bernhard seine Freundin Marion darum bittet, ein Wannenbad nehmen zu dürfen - und dann Ewigkeiten im lauwarmen Wasser durchweicht. Die wenigsten hatten damals ein Bad, und die Umsiedler schon gar nicht.

Der 17. Juni als Jungsgeschichte

Wenn gelegentlich etwas irritiert an dieser Rollenprosa - die Hein seit Drachenblut (Der fremde Freund) bewundernswert beherrscht, ganz besonders, wenn er Frauen sprechen lässt -, so liegt es wohl in der Gattung selbst begründet. Sie stößt schon allein deshalb an Grenzen, weil der zeitgeschichtliche Kontext an Komplexität unvermeidlicherweise auch einmal den Horizont der erzählenden Figur übersteigt. Beispielsweise wirkt es merkwürdig, wenn Marion Demutz, die mit Bernhard den Stupor des schlechten Schülers teilt, plötzlich den Leser höchst eloquent über die Enteignungen der Bauern und Zwangskollektivierung in der LPG gegen Ende der fünfziger Jahre informiert.

No politicsscheint die Devise der fünf Erzähler(innen) zu sein. Keiner hat sich mit der DDR gemein gemacht, und natürlich prägt das die Darstellung zum Beispiel des 17. Juni 1953, der als Jungsgeschichte erzählt wird - von Peter Koller. Während die Arbeiter auf dem Marktplatz protestieren und die Eltern an den Radios hängen, weil in Berlin "der Teufel los" ist, klauen Peter und Bernhard deren Werkzeug von der Baustelle. Übrigens keine harmlose Sache, denn einer der Protestierer muss wegen "Verunglimpfung der Polizei" für drei Jahre ins Gefängnis; er hatte behauptet, ein Polizist habe den Diebstahl begangen. Bernhard neigt nicht zu Mitleid, er grinst sich eher einen, wie besonders in dem langen, wichtigen Koller-Kapitel zu erfahren ist.

Dieser fragt ihn auch, später, als die beiden als Fluchthelfer ins Geschäft kommen, wieso er bei der "Geschichte mit den Bauern" dabei gewesen sei? "Rache ist süß, Koller", antwortet Bernhard. Dass er auch Bauer Griesel auf die Pelle gerückt war, hat man ihm im Ort besonders übel genommen, denn bei Griesel war Bernhards Familie zuerst untergekommen. "Weißt du, Koller, ich hatte mir geschworen, mich zu rächen. Für die waren wir die ganzen Jahre die Hungerleider, und so haben sie uns behandelt. Und plötzlich waren sie es. Die sollten es mal erleben, alles zu verlieren. Da brauchte man mich nicht lange zu bitten, ich war sofort dabei. Wie Dreck hatten sie uns behandelt." Griesel sei keine Ausnahme.

Christoph Heins RomanLandnahme kommt zur rechten Zeit, und es gehört zum Ingenium des Schriftstellers, das zu erspüren. Wahrscheinlich müssen wir neu sehen lernen: die DDR der fünfziger und sechziger Jahre und die Geschichte der Vertriebenen auch. Christoph Heins Buch trägt ganz gewiss zur Differenzierung bei in einem Klima, das sich zum Teil doch recht erinnerungsselig den zivilen Opfern des Zweiten Weltkriegs zuwendet. Aber der Roman zeigt auch Schwierigkeiten auf, in die sich begibt, wer Anthropologie und Politik vermischt. Habers Sohn Paul verprügelt nach der Wende "Fidschis", und es nützt nichts, dass sein Vater ihn daran erinnert, sein eigener Großvater sei ein Vertriebener gewesen. "Das ist etwas anderes, Paps. Großvater war ein Deutscher. Er hatte einen Anspruch darauf, hier zu leben." Eine schwache Stelle in einem starken Roman. Bernhard Haber, der der Rache abschwört, sollte so einen Sohn nicht haben.

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