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Der Weg führt auch ins ukrainische Kriegsgebiet, wo der Familie der „mechtig Depardiö“ begegnet.

„Ein empfindsamer Mensch“

Umlaufbahnen weit draußen

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„Ein empfindsamer Mensch“: Jáchym Topol erzählt von einer Familie, die sich nach der Explosion des kommunistischen Universums am Rande einrichten mussten.

Es läuft nicht gut für Mohrle und seine Familie. Eigentlich wollten sie in Bristol auftreten, beim Theaterfestival zum 400. Todestag William Shakespeares. Einst hatten sie hier mit einer eigenwilligen Performance zum EU-Beitritt der Tschechischen Republik Erfolge gefeiert, jetzt fliegen Brandsätze auf die Zelte der Schausteller. „Leave means leave, polish vermin“, schreit ihnen von den Transparenten der Ausländerfeinde und Brexit-Befürworter entgegen. „Wir sind kein polnisches Geschmeiß, wir sind tschechisches Geschmeiß“, brüllt Mohrle ihnen zu, bevor er mit seiner Familie im verbeulten Van Reißaus nimmt.

Die Familie, das ist Mohrle selbst, gealterter Ex-Dissident, Schauspieler und Möchtegern-Autor, der nur noch ums nackte Überleben kämpft, aber weiter so tut, als bräuchte er nur endlich mal Zeit und Raum, um in Ruhe zu schreiben. Das ist seine junge Frau Sonja, eine Ausreißerin mit bunten Dreadlocks, die die Enttäuschungen, die ihr Mann und das früher so romantisch-verheißungsvoll erscheinende Leben unterwegs ihr beschert haben, mit Drogen zu betäuben sucht.

Und das sind die beiden Zwillingsbrüder, keine kleinen Kinder mehr, obwohl der eine, der „Winzling“, nie dem Babystrampler entwachsen ist. Fast scheint es, als warte er auf eine andere Zeit, eine andere Umgebung, um erwachsen zu werden. Der andere, der „Junge“, spricht nicht, beobachtet dafür aber umso genauer. Er ist der „empfindsame Mensch“, aus dessen Perspektive Jáchym Topol einen Großteil des Romans erzählt.

Jáchym Topol: Ein empfindsamer Mensch. Roman. A. d. Tschech. v. Eva Profousová. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 494 S., 25 Euro.

Es ist eine wilde Fahrt durch ganz Europa, die mit dem Rauswurf in Bristol beginnt. Sie führt auf wenigen Seiten durch Spanien und Frankreich nach München, wo Mohrle die Theaterkasse mitgehen lässt, um sie später an ein paar Gangster zu verlieren. Nach Budapest, wo die üblichen Quartiere der Umherreisenden jetzt von Flüchtlingen bewohnt werden. Ins ukrainische Kriegsgebiet, wo sich der blonde Hüne mit dem Boxerzinken und den großen Pupillen als „der mechtig Depardiö“ entpuppt. Der große französische Schauspieler überlebt zwar mit Mohrles Sippe den Angriff „ukrainischer Faschisten“, geht aber irgendwo in den Karpaten nackt im Wald verloren. Geschildert wird mit der für Topol typischen, von Straßenjargon durchsetzten Sprachgewalt. Großartig, was Übersetzerin Eva Profousová leistet, um das erfahrbar zu machen.

Die vier sind Getriebene auf einem Kontinent, der völlig aus den Fugen geraten scheint. Sinnbildlich dafür steht eine Szene auf dem Jahrmarkt in Mohrles tschechischem Heimatdorf. Dort kippt der Maibaum – wurde er angesägt? – zertrümmert Grill- und Schießbuden, hält Karussells an, reißt Gondeln aus ihren Verankerungen. Die bunten Lichter blinken weiter, während die geschockten Kirmesbesucher orientierungslos durch die Verwüstung irren.

So taumeln auch Mohrle und seine Jungs von einer Katastrophe in die nächste, Verletzungen pflastern ihren Weg. Aus dem Wirbel der Ereignisse lässt Topol nacheinander seine wunderbar präzise gezeichneten Nebenfiguren auftauchen. Sie reißen die Familie ein Stück ihres Weges mit, um dann wieder vom Strudel verschlungen zu werden.

Hier schließt sich der Kreis zu Topols 20 Jahre zuvor erschienenem Wenderoman „Die Schwester“. Damals war es erst ein paar Jahre her, dass „die große Bestie“ starb. Romanheld Potok, auch er Schauspieler und Bohémien wie Mohrle, irrte durch die sich gerade erst entwickelnde Prager Halbwelt aus Banden und Start-ups, aus altem Untergrund und neu gewonnener Freiheit. Es war eine Szene, die Topol selbst gut kennt. 1962 in Prag als Sohn des bekannten Dramatikers und Charta 77-Unterzeichners Josef Topol geboren, gehörte er gewissermaßen von Haus aus zu den Dissidentenkreisen, aus denen auch Potok und Mohrle stammen.

Jáchym Topol: Ein empfindsamer Mensch. Roman. A. d. Tschech. v. Eva Profousová. Suhrkamp Verlag, Berlin 2019. 494 S., 25 Euro.

Doch während in „Die Schwester“ das Universum gerade erst explodiert ist und sämtliche Figuren noch nach ihrem Platz in der neuen Welt suchen, haben in „Ein empfindsamer Mensch“ viele ihre Umlaufbahn am Rande der – bürgerlichen – Existenz erreicht. So wie Sonjas Vater, der alte Hrozen, ein Scherge des Kommunistenregimes, der vereinsamt in einem halb verfallenen Haus auf den Tod wartet. Oder Baschta, der Herr des Autofriedhofs, der einen Clan von Hehlern und Zuhältern befehligt. Oder Mohrles alter Kumpel Slavoj, der, gefoltert und schikaniert zu CSSR-Zeiten, nie einen Beruf erlernt hat und nun in einer verdreckten Fischerhütte haust. Sie alle überleben nur durch massive Gewalt gegen sich und andere. Es ist diese Verrohtheit, vor der der „Winzling“ in die Agonie und der „Junge“ in die Sprachlosigkeit geflüchtet sind. Längst hat sie auch Mohrle erfasst. Aus dem Widerstandskämpfer und Poeten ist ein Mann geworden, der seinen einen Sohn tagelang in der Scheiße liegen lässt und dem anderen die letzte geklaute Birne wegisst.

Gegen diese Entmenschlichung weiß das moderne Europa bei Topol kein Mittel. „Man hat gesagt, dass die Ukros eine fast 2000 Kilometer lange Mauer bauen“, erzählt der alte, blinde Automechaniker des Hehlerclans an einer Stelle seinen jungen Gefährten. „Warum das?“, wundert sich einer von ihnen. „Gegen die Russen“, erklärt ihm einer. „Hilft das?“, will der junge Kraftprotz wissen. „Nein“, lautet die Antwort.

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