+
Typex: Andy ? A Factual Fairytale. A. d. Engl. v. Cornelia Holfelder-von der Tann. Carlsen, Hamburg 2018. 568 S., 48 Euro.

„Andy - A Factual Fairytale“

Es umfasst die Welt, und die Welt ist Pop

  • schließen

Der niederländische Zeichner Typex überwältigt mit der fabelhaften Comic-Biografie „Andy – A Factual Fairytale“

Gleich das erste, seitenfüllende Panel ist eine Wucht: Ein mit Popkulturikonen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollgepfropftes Städtepanorama: Marlene Dietrich und Little Nemo, Dick Tracy und Mae West, Popeye und Prinz Eisenherz, Dick und Doof und Frankensteins Braut, Coca-Cola und – natürlich – ist eine Dose Campbell-Suppe dabei. „Amerika“ verkündet ein gemischt lateinisch-kyrillischer Schriftzug auf dem Regenbogen, und so sprechen auch all die bunten Gestalten.

Es ist ein Bild vom Paradies, wie es sich der kleine Andrew Warhola in Pittsburgh ausmalt, viertes Kind osteuropäischer Einwanderer. Seine Mutter Julia liest ihm aus der Comic-Beilage der Zeitung vor – später, im Traum, entsteigen die Gestalten ihren Seiten und entführen den Jungen durch den Spiegel in ein wunderbares Land.

Einen besseren Auftakt hätte sich der niederländische Zeichner und Szenarist Typex, bürgerlich Raymond Koot, unmöglich für seine gewaltige Comic-Biografie „Andy – A Factual Fairytale“ ausdenken können. Selbstverständlich ist die sequenzielle Kunst, mit ihrem grafischen Reichtum, ihren Wurzeln im frühen Massenmedium Zeitung und ihrer Verknappung von allem Gesagtem auf Sprechblasen-Größe die einzig korrekte Form, um das banale, aufregende, öffentliche und doch höchst private Leben Andy Warhols zu erfassen.

Typex unterteilt die 570 Seiten seines Bandes in zehn Kapitel, die sich stilistisch ihrem jeweiligen Sujet anpassen: Die frühen New Yorker Jahre als gefragter Grafiker zeichnet er etwa in den geschwungenen Formen der 50er Jahre, mit dem Durchbruch der Pop Art wechselt Typex zu knalligen Grundfarben und dem groben Punkteraster, mit dem Roy Lichtenstein damals die kostensparende Drucktechnik seiner Comicvorlagen hervorhob – eine späte, aber befriedigende Replik auf dessen durchaus herablassende Zitierweise.

Die traurige Geschichte von Edie Sedgwick, Warhols erstem „Superstar“, erzählt Typex als Romance-Heftchen, die Velvet-Underground-Saga erinnert an Heinz Edelmanns knallbunte Entwürfe zum „Yellow Submarine“, durch die sich nur die vier Rock-Nihilisten in schroffem Schwarz-Weiß bewegen.

Bei aller Anverwandlung findet Typex aber eine eigene Handschrift, die neben Warhols übermächtigem Bild-Erbe bestehen kann. Er erzählt – mit vielen optischen Sidegags – die Geschichten hinter den Bildern, von denen der Künstler stets behauptet hatte, dass sie nicht existierten, dass die Oberfläche nichts verberge. Hier begegnet uns auch der verletzte, verletzende Mensch Warhol.

Allerdings verrennt sich Typex nie in die Schlüssellochperspektive. Im Gegenteil, dieser voluminöse, Aufmerksamkeit und Geduld fordernde Band malt ein Sittengemälde des 20. Jahrhunderts, seiner Kunst, seiner Szenen, seiner Populär- und Schwulenkultur, mit Hunderten prominenter Gastauftritte, von Truman Capote bis Donald Trump, von Marcel Marceau bis Mick Jagger. Kurz: „Andy“ umfasst die ganze Welt, und die ganze Welt ist Pop.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion