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Ein Leben im Zeichen der Verantwortung: Ulrike Kolb.
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Ein Leben im Zeichen der Verantwortung: Ulrike Kolb.

Schriftstellerin Ulrike Kolb

Ulrike Kolb „Erinnerungen so nah“: In der Erinnerung sehen wir uns wieder

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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So schmal wie intensiv: Ulrike Kolbs Selbstbiografie über ihr bewegtes Leben nicht nur als Schriftstellerin.

Dramatische Szenen an der Schwelle zum Tod, am Altenheimbett der Mutter, so beginnt Ulrike Kolb ihre Erinnerungen. Zurückgeblieben das Drama mit der Mutter, im Rückblick die Szenen, die sie machte, die Vorwürfe, der Satz: „ich wolle sie verschicken“ – wie sie es selbst anstellte mit dem Kind, als sie die Vierjährige ins Kinderheim verwies, die Schülerin ins Internat, „damit sie sich freier amüsieren konnte“. Nicht zu vergessen die Beschuldigungen der Greisin: „du Verräterin, du niederträchtige, jetzt kommen die auch noch, diese Schwestern, die wollen mir eine Spritze geben“. Auch der Satz: „ich wusste es, du und deine Juden“.

Eine Mutter-Tochter-Beziehung, über der ein Fluch lag, ausgelöst durch schwere psychotische Schübe der Mutter, die, wenn sie sich ihres Lebens erfreuen konnte, sich jugendliche Liebhaber leistete an der Seite eines sehr erfolgreichen Fabrikanten im Saarland, in einer Welt des Wirtschaftswunders – die Vergangenheit noch so nah.

Geboren 1942, ist Ulrich Kolb ein Kind der Nachkriegszeit, in der die Scherben und Splitter auf den Trümmergrundstücken geheimnisvoll schillerten. Doch da war was, wie der Tochter allmählich aufging, durch diese oder jene Erzählung eines Überlebenden, durch ein auffälliges Wort in den vertuschenden Sätzen und Beschönigungen der Erwachsenen. Denn was bedeuteten die ausgerissenen Fingernägel, oder die Geschichte von den verbrühten Frauen?

Ulrike Kolb tastet sich heran an ihr Leben, später ein Schriftstellerinnenleben im Zeichen der Verantwortung und der Bemühung um Sühne. Kolb hat davon in ihren Romanen erzählt, ihren Rückblick, jetzt, nennt sie „Erinnerungen so nah“ – animiert durch das Andrängen einer nicht vergangenen Vergangenheit, durch eine Gleichzeitigkeit von Glück und Grauen, der Geburt in behüteten Verhältnissen und dem Betrieb der Gaskammern in Auschwitz.

Der Buchumschlag zeigt dreizehn quadratische Notizzettel, lose übereinandergelegt in vier Reihen, zu sehen ist eine große geschwungene Schrift, eine auch unbekümmerte? Menschen, ihr nahe, suchten den Suizid. Der Vater ertrank in einem Pool, nach dem Frühstück, umgebracht durch eine Überdosis Schlaftabletten. Vormals Mitglied der Reiter-SA, vermittelte er der Tochter die Liebe zu Pferden, die jäh irritiert wurde durch einen Biss des Tieres in die Brust des Mädchens.

So verschlungen die Handschrift, so kurz gehalten die Kapitel, sie bilden eine lose Zusammenführung von Episoden, im Rhythmus von Anziehung und Abstoßung. Nachkriegsdeutschland ist Nachnazideutschland, Adenauerdeutschland ist demokratisch immer noch Brache, abstoßend die Autoritätsfixierung der Gesellschaft, die dosierte Härte der Ohrfeigen, der Strafenkatalog im Internat. Umso anziehender die Verheißungen der in den 60er Jahren aufziehenden Verweigerung und Befreiung.

Existenzieller Erfahrungshunger und politischer Freiheitsdurst, ein Leben mit Büchern, mit Musik, mit Bildern, Rebellisches auf dem rotierenden Plattenteller. Aber auch eine frühe Abtreibung, später eine Ehe, die in die Brüche geht. Die Geburt der Tochter, die im Buch namenlos bleibt. Die Entscheidung für eine linke Existenz lässt eine Wohnung anmieten, über einem Bordell im Parterre – auch dies ein Motiv, das in die Romanwelt Kolbs einzog. Hier gilt die Erinnerung einer Freundin, die, nachts in eine Falle gelockt, von mehreren Männern vergewaltigt wird.

Das Buch:

Ulrike Kolb: Erinnerungen so nah. Wallstein Verlag, Göttingen 2021. 220 Seiten, 20 Euro.

Es bleibt ein Leben im Zeichen des Dramas, eine große Szene der Auszug der Mutter aus dem Elternhaus, dramatisch die Konflikte in den Kinderläden, ebenso der Auftritt eines jungen Proleten aus dem berühmt-berüchtigten Erziehungsheim Staffelberg, mitreißend das Studium der einschlägigen Schriften zum Klassenkampf, aufwühlend die Kämpfe um das Privateigentum an eigenen Gefühlen.

Dennoch, Aufbruchsfantasien revoltierten gegen den autoritären Staat, eine nicht zu befriedigende Experimentierfreude gegen den sozialen Status quo. Die Erinnernde ließ wenig aus, nicht Kinderladen oder Bürgerinitiative, nicht Bauernhof oder Kibbuz. Kolbs Rückblick kommt immer wieder auf ein Zentralbegehren zu sprechen, die Befreiung der Sexualität, die Begeisterung für die sexuelle Grenzüberschreitung. Verschwiegen wird nicht „die wunderbare Raserei aus Schmerz, Zorn, Liebe“ einer „fantastisch zürnenden Nemesis“ über den Ehebetrug, vertuscht wird nicht die kriminelle Übergriffigkeit, mit der Pädophile Kinder ausbeuteten.

Ein linkes Leben, ausgreifend, ausschweifend, zwischen Frankfurt und Berlin. Zu Ulrike Kolbs Kindheit und Jugend im Saarland gehörten zwei Sprachen, Deutsch und Französisch, wie selbstverständlich, deshalb eine bereits in der „Kindheit beginnende Frage des Dazugehörens und Ausgeschlossenseins“. Während der Betriebsarbeit bei Osram, im Auftrag einer linksextremen Splittergruppe, geht der Studentin die lächerliche Romantik eines verklärten Klassenkampfs auf – ohne dass Kolb die Perspektive einer Renegatin einnähme. Keine Anklage radikaler Art, trotz der Begegnung mit Zeitgenossen, denen der Coup einen Kick gab, ist die Erzählerin eine sich zurücknehmende Analytikerin.

Deutschland war um 68 ein Neuland, das von der Frauenbewegung, Selbsterfahrungsgruppen und Wohngemeinschaften kultiviert wurde. Umso krasser, dass an den Türen der WGs die Quartiersucher der RAF klingelten, auch an Ulrike Kolbs Tür in Frankfurt der Verleger „KD“. Den Unterschlupf im Keller verweigerte die Frau, horrend der Zynismus der Terroristen, abstoßend der der verklärten Ikone, Ulrike Meinhof, abgründig ihre Menschenverachtung, ihr Antisemitismus.

„KD“ ist nicht die einzige real erinnerte Größe der 68er, in einer Community, in der der Israelhass salonbolschewistisch war, Judenhass gehörte zur staatsfeindlichen Raison einer revolutionären Linken. In der Küche lässt sich die der Ehe Entflohene von einem ehemaligen Mitschüler, nun Kommunarde, trösten, Rainer Langhans. Es ist unter den erschütternden Szenen eine besonders scheußliche, die sich abspielt in der Kommune 1, in der ein Kind nach dem ägyptischen Präsidenten Nasser genannt wird, weil der Junge „genauso blöd ist wie Nasser, der sich von den Israelis hat plattmachen lassen“.

Aus dem Bücherschrank der Eltern zieht die Jugendliche Eugen Kogons „Der SS-Staat“, wodurch sie zu „ahnen beginnt, dass es etwas Abgründiges war, das nicht in das schöne Leben meiner Eltern eindringen durfte“. Jäh die Konfrontation der Griechenlandfahrerin mit der Vergangenheit, auf Kreta, in einem Kloster an der Küste. Soeben noch versunken ins Naturschöne, ist es ein Mönch, der als Greis von den Gräueltaten der Wehrmacht auf der Insel spricht.

Trauernde Vergegenwärtigung, untröstliche Verlustanzeige, Erinnerung Schub um Schub. Zu dem, was als Geschichte gilt, gehört der Genozid. Intensiv die Freundschaft mit Juden, die bewegende Beziehung zu Israel, schmerzhaft der aggressive Antisemitismus der eigenen Leute, der Judenhass von Linken. Zum Scheitern verurteilt ist die Liebe zu Yair Auron, weil seine Eltern „niemals eine Deutsche als seine Freundin akzeptieren würden“. Dennoch, immer wieder in Israel sieht man sich wieder.

Zu Israel auch ein Auftritt von Günter Grass, eine denkbar knapp gehaltene Szene über dessen politische Besserwisserei. Dagegen die tiefe Traurigkeit, das existenzielle Drama eines Tuvia Rübner. Die Vergegenwärtigung Ulrike Kolbs formulierte sich beim Schreiben, in kurzen Vignetten werden Paulus Böhmer und seine Frau Lydia gewürdigt, Cilly Kugelmann, Micha Brumlik Katja Lange-Müller, der Partner Hubertus von Allwörden.

Ulrike Kolbs Erinnerungen nicht ernst zu nehmen, liefe auf ein Versäumnis hinaus. Bei ihrer (linken) Leserschaft gar auf Verdrängung? „Erinnerungen so nah“ ist ein undramatisch erzähltes Drama aus Episoden, aus Erinnerungssplittern, die tief sitzen. Sie wandern. Die Splitter zu entfernen, wäre lebensgefährlich.

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