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Ulrike Heider: „Die grausame Lust“ – Wer nicht hören muss, will fühlen

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Von: Micha Brumlik

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Die katalanische Truppe La Fura dels Baus beim Skandal machenden „X X X“-Abend nach de Sades „Philosophie im Boudoir“.
Die katalanische Truppe La Fura dels Baus beim Skandal machenden „X X X“-Abend nach de Sades „Philosophie im Boudoir“. © afp

Lehrreich und unerfreulich: Ulrike Heider deutet in ihrer pointierten Studie „Die grausame Lust“ den Sadomasochismus als Teil einer kapitalistischen Unkultur.

Zu selten macht man sich klar, dass sexuelles Handeln gesellschaftliches Handeln ist: nicht anders als Essen und Trinken, als künstlerisches, politisches oder geschäftliches Tun – auch sexuelles Handeln ist stets auf andere bezogen sowie kulturell, das heißt symbolisch geprägt.

Dass es bei der Sexualität um ein regelgeleitetes, interaktives und mithin sanktioniertes Handeln geht, erweist vor allem der Umstand, dass von der Regel abweichendes Verhalten oft genug als „abnorm“ oder gar „pervers“ bezeichnet wird – so über Jahrhunderte hinweg die heute als normal eingeordnete Homosexualität unter Erwachsenen. Aber wie ist es um als „extrem“ geltende sexuelle Handlungsweisen bestellt?

Eine europäische Geschichte

Diesem Thema hat sich Ulrike Heider – Autorin viel beachteter Studien zur Schülerbewegung, zur Sexrevolte sowie zur Poesie der Schwulenbewegung – in ihrem neuen Buch gewidmet. Einem Buch, das erstaunt und falsche Erwartungen überzeugend widerlegt, stellt es doch alles andere als eine apologetische Darstellung und Rechtfertigung sadomasochistischer Verhaltensweisen dar. Vielmehr wird das Publikum zunächst über die – jedenfalls europäische – Kulturgeschichte sadomasochistischen Handelns vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart nicht nur nüchtern informiert, sondern zugleich mit den problematischen Aspekten dieser Verhaltensweisen konfrontiert.

Damit kann Heider an Adornos und Horkheimers 1947 erschienene „Dialektik der Aufklärung“ anknüpfen, deren zweiter Exkurs sich den Schriften des Marquis de Sade widmet. Ihm und seinen Schriften haben die Autoren der „Dialektik der Aufklärung“ attestiert, das „szientifische Prinzip ins Vernichtende“ gesteigert zu haben. Anders als Adorno und Horkheimer geht Heider freilich dem gesamten intellektuellen Erbe de Sades nach und verfolgt die Wirkungsgeschichte seiner Schriften in den Werken der französischen Existenzialisten über das Bühnenstück von Peter Weiss bis hin zu Einlassungen von Strukturalisten wie Roland Barthes oder Michel Foucault.

Der zweite Teil ihrer Studie gilt gegenwärtigen Praktiken heterosexueller Amerikaner, deutscher Ledermänner sowie – man glaubt es kaum – einer einschlägigen Ratgeberliteratur, um sich am Ende der Frage zu stellen, worin die Attraktion sadomasochistischer Praktiken eigentlich besteht. Heider verwirft dabei schlichte Thesen wie die, dass es um den Reiz des Verbotenen gehe beziehungsweise dass sadomasochistische Praktiken der krönende Abschluss der sexuellen Revolution seien.

Heiders Antwort besteht stattdessen in einer kapitalismuskritischen Annahme: „Wie jeder andere Bereich unseres Lebens ist auch die unter unfreien Bedingungen befreite Sexualität von den schlimmsten Merkmalen dieser Gesellschaft gezeichnet, von Konkurrenz, Macht, Ohnmacht, Leistungszwang und Gewalt. Eine dazu passende Form der Lust ist der Sadomasochismus, so dass man sich eher über dessen noch immer relativ geringe Verbreitung als über seine wachsende Beliebtheit wundern könnte… .“

Heiders eigene Antwort auf die Frage nach der Attraktivität des Sadomasochismus besteht also darin, in ihm eine Form des Elitarismus zu sehen, sei doch der Marquis de Sade einer der ersten gewesen, der dies als Kompensation für seine schwindenden Adelsprivilegien gepriesen habe.

Das Buch

Ulrike Heider: Die grausame Lust. Sadomasochismus als Ideologie. Schmetterling, Stuttgart 2023. 246 S., 19,80 Euro.

Als weiteres Merkmal nennt Heider den systematischen Autoritarismus, der sich aus der „strengen Hierarchie von Lehrer/Schüler, Herr/Sklave oder Dom/Sub“ ergebe. „Der Sirenengesang bestimmter Philosophen, Romanciers und Ratgeber propagiert die Erziehung zur Unfreiheit als etwas Erstrebenswertes.“

Zudem verweist die Autorin auf die starke Fixierung aller Propagandisten und Propagandistinnen des Sadomasochismus auf Religion, Spiritualität und Gotteslästerung. Schon des Marquis’ Besessenheit von Altarschändungen, Hostienbeschmutzungen und Teufelskult sei nicht anders zu verstehen als eine Besessenheit, die eng mit dem Komplex von Schuld, Sühne und Strafe verknüpft sei.

Und was ist daran attraktiv?

Am Ende fragt Heider, was den Sadomasochismus gegenwärtig auch für ganz „normale“ Menschen attraktiv mache. Sie antwortet mit dem Hinweis, dass „harmloser Blümchensex“ derzeit als langweilig gelte und daher kaum noch marktgängig sei. „Für die unzeitgemäßen Anhänger des ,Make love not war‘ dagegen harrt das Glücksversprechen einer friedlichen und harmonischen Lust – frei von Konkurrenz, Hierarchie Macht und Gewalt – noch immer seiner Erfüllung in einer ebensolchen utopischen Welt.“

Was an Heiders ebenso lehrreicher wie durchaus unerfreulicher Studie auffällt, ist, dass sie in keiner Weise auf Prozesse innerpsychischer Prägungen eingeht und auf psychoanalytische oder gar transkulturelle Überlegungen systematisch verzichtet.

Letztlich lässt sich aus ihrer Geschichte kein anderer Schluss ziehen, als dass frühere, gewaltsame, autoritäre Erziehungsstile gegenüber kleinen Kindern durch liberale Umgangsformen ersetzt wurden, was aber ihr zufolge am immanent gewaltsamen Autoritarismus einer kapitalistischen Konsumkultur nichts geändert hat. Einer Unkultur, die nicht mehr in der Erziehung, sondern im Sadomasochismus ihren Ausdruck findet.

Am Ende freilich möchte man die von der Kritischen Theorie belehrte Kulturkritikerin – mit Adorno gegen Adorno – fragen, was sie von dessen Aphorismus aus den „Minima Moralia“ hält: „Erster und einziger Grundsatz der Sexualethik: Der Ankläger hat immer unrecht.“ Heider könnte antworten, dass Kritik keine Anklage ist.

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