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White Hart Lane, 1963: Heimstadion der Tottenham Hotspurs, für deren Anhänger nichts weniger als Heimat, wie Ulrike Edschmids Roman zu erzählen weiß.
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White Hart Lane, 1963: Heimstadion der Tottenham Hotspurs, für deren Anhänger nichts weniger als Heimat, wie Ulrike Edschmids Roman zu erzählen weiß.

Roman

Ulrike Edschmid: „Levys Testament“ – Ein Kommen, ein Gehen

  • Christian Thomas
    vonChristian Thomas
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Ulrike Edschmid erzählt in „Levys Testament“ vom Linksradikalismus, von der Wanderschaft eines Juden und vom Zauber des Fußballs.

Ein Leben auf dem Sprung, ständig in Aktion, unter solchen Umständen erleben Geliebte und Geliebter in London Hausbesetzungen, Streiks, Gerichtsverhandlungen gegen Anarchisten, feiern Freigesprochene, fühlen mit Schuldiggesprochenen. Eine extreme Existenz für die Agitation, im Auftrag der Revolution.

Aufwühlendes London, umso ungewöhnlicher der Ton der Ich-Erzählerin in einem Roman – so jedenfalls wird er auf dem Umschlag angekündigt. Es ist eine Bezeichnung, die im Buch selbst fehlt, mit dem Ulrike Edschmid sich erneut auf die Suche nach ihrer Vergangenheit begibt, Episode für Episode, kaum eine länger als vier, fünf Seiten, eine jede die Durchgangsstation in einem unablässig unruhigen Leben. Rasant das Tempo, reserviert der Ton.

Angefangen im London der Jahre 1972/73, extrem verunsichert durch den Bombenterror der IRA, gibt es ein Unterkommen in einem Haus, „ständig voller Menschen“, in einer improvisierten Bleibe im Stadtteil Tottenham. Brodelnder als alle alternativen Lebensentwürfe aber die White Hart Lane. Heimat hier, von Anfang an, für den „Engländer“, den Liebhaber der Ich-Erzählerin, ein entwurzeltes Workingclass-Kind, wie schon für dessen Vater, Jacob.

Den Großvater bringt das Gefängnis um, der Vater wächst in krasser Armut auf, die Demütigungen sind allgegenwärtig – Aufbegehren ist überlebenswichtig. Das Angebot dafür liegt auf der Straße - in der White Hart Lane. Es ist der Fußball, der Halt bietet, im Stadion von Tottenham Hotspur, zwischen aufragenden Tribünen, wie in eigenen Wänden.

„Es gibt Leute, die denken, Fußball sei eine Frage von Leben und Tod. Ich mag diese Einstellung nicht. Ich kann Ihnen versichern, dass es noch sehr viel ernster ist“, meinte vor Jahrzehnten ein Fußballmanager, der legendäre Liverpooler Bill Shankly (1913-1981). Ohne dass dieser Satz von Edschmid aufgegriffen würde, beherrscht er doch das Leben des „Engländers“, der für einige Jahre an der Seite der Erzählerin lebte, in London, in Berlin, auch auf Reisen, nach Portugal, 1974 in Bewegung versetzt durch die dortigen Nelkenrevolution, oder nach Spanien, durch Francos Tod.

Über dem Leben des „Engländers“ steht die Prophezeiung der Mutter: „Du bist Jude und wirst es immer bleiben.“ Als Jude ist er zum Außenseiter prädestiniert, von Kindesbeinen an konfrontiert mit Häme aus Kindermund: „,Advent, Advent, ein Jude brennt, erst Kopf, dann Bein und dann das ganze…‘ Vor dem letzten Wort, das sich auf Bein reimt, hat das Mädchen abgebrochen.“

Seine Existenz als Jude in Frankfurt verleugnend, zumal im Frankfurt des sog. Häuserkampfs mit seinem unverhohlenen Antisemitismus, ist er unter Linken als klassenbewusstes Arbeiterkind beliebt, als „proletarischer Libero im Ostpark“, bei Degussa als zupackender Proletarier – ausgerechnet bei Degussa, Mittäter beim Holocaust.

Nicht neutral, aber radikal sachlich schildert Edschmid wie schon in ihren deshalb umso bewegenderen Romanen „Das Verschwinden des Philip S.“ oder „Ein Mann, der fällt“ eine aufreibende Zeitgenossenschaft. Das Politische ist das Prekäre und das Private das Poröse. In Frankfurt fällt der Entschluss, Theater zu spielen. „Das erste Immigrantentheater Deutschlands hat ihn bekannt gemacht. Es gibt dem Gallusviertel ein Gesicht und dem Engländer das Gefühl, an einem Ort angekommen zu sein.“

Das Gefühl trägt nicht lange. Größer als der Mut, mit dem der „Engländer“ der Bühne im Gallus den Rücken kehrt, war die Ahnungslosigkeit, mit der er und seine Laienschar sich in das Abenteuer einer Straßentheatertournee durch Italien stürzten. Vollkommen unbewandert in den Bühnenkünsten, schließen sich dennoch erste erstaunliche Engagements an Staatstheatern an – und die Experimente glücken.

Tournee, Wanderschaft: Während die bisherige Schilderung an der Seite des Mannes sich fortan auf die Spur eines Verflossenen heftet, wird zunehmend klar, dass es sich bei der Figur des „Engländers“ um Brian Michaels handelt, der, von Station zu Station, an den großen Häusern der Welt als Regisseur Furore macht, vor allem mit seinen Shakespeare-Inszenierungen, dessen „Sommernachtstraum“ Michaels auch im Polen der PiS aufführt. Michaels stellt weniger das Verwirrspiel um vermeintlich unbekümmerte Liebe und ein unbeschwertes Leben auf die Bühne als vielmehr ein Drama aus Missgunst und Neid, Habgier und Zwietracht. Der Zauberwald heimgesucht von Gewalt.

Der „Engländer“, auf der Suche nach seinen jüdischen Vorfahren, wird in der antisemitischen Atmosphäre des polnischen Rechtspopulismus zur unerwünschten Person, so dass 2018 seine Performance, seine Wanderung mit Zuschauern durch die Straßen der europäischen Kulturhauptstadt Plovdiv, sein Stationendrama entlang der Schauplätze der Judendeportationen im Jahr 1943, nicht stattfindet.

Verwehrtes Eingedenken, verweigerte Verfluchung des Antisemitismus – ein derart drastisches Urteil ist undenkbar in Edschmids dezenter Prosa. Eine allenfalls leise Anklage, keine Abrechnung durchzieht das Buch, das den Zeitraum von über 120 Jahren umfasst, jüngste Gegenwart ebenso wie die Vorgeschichte der Wanderschaft der polnisch-jüdischen Vorfahren Richtung Westen.

Lange lebte der „Engländer“ im Glauben einer proletarischen Herkunft – bis zum Anruf einer Cousine, die ihn an einer Testamentseröffnung teilnehmen lässt, in Tottenham, in einer nobel durchsanierten Straße. Durch das Testament wird weit mehr als nur eine Erbschaft eröffnet, vielmehr ein Abgrund freigelegt, die Ungerechtigkeit des Urgroßvaters, Levy, der über das Schicksal seiner Söhne per Streichholzziehen bestimmte. So schickte er den einen ins Gefängnis, das dieser nicht überlebte.

Kriminelle Energie ließ den Patriarchen Levy in Tottenham seine Unternehmungen aufziehen. Das in einem Nachlass gefundene Testament wird für den „Engländer“ zum „Missing Link“ in der eignen Working-Class-Geschichte ebenso wie der wohlhabenden der Verwandtschaft, deren Besitz auf betrügerischen Konkursen basiert, für die Levy Anfang der 1920er einen der beiden Söhne über die Klinge springen ließ.

Kein Mensch käme auf den Gedanken, die kriminellen Energien Levys als jüdisch motiviert zu bezeichnen – es sei denn, ein solcher Mitbürger ist ein Antisemit, der wiederum niemals auf den Gedanken käme, die von Edschmid ebenso wenig verschwiegenen mörderischen Energien der Londoner Unterwelt als typisch christlich zu diffamieren. Wenn das Tottenham der 70er Jahre ein Melting Pot des Linksradikalismus war, dann das Tottenham der 50er und 60er ein Zentrum des organisierten Verbrechens, beherrscht von zwei Brüdern, verantwortlich für dutzende Morde, als Killer wurden sie, lange durch politische Prominenz gedeckt, schließlich überführt.

„Levys Testament“ ist ein Bericht aus komprimierten Überschneidungen und suggestiven Überblendungen. Ulrike Edschmid, 1940 geboren, studierte Anfang der 1970er Jahre an der Deutschen Film- und Fernsehakademie. Ihr Buch, das zunächst auf linksradikale Lebensumstände fokussiert, weitet sich zu einem Panorama, das ohne weiteres Stoff zu einem Epos böte, im Stil eines Leinwand-Epos. Dank der intensiven Erzählökonomie Edschmids stehen die 49 Episoden wie Filmstills vor Augen.

Bereits in Tottenhams besetzten Backsteinhaus war es im Winter 72 ein „Kommen und Gehen“ – ziellos treibt es den „Engländer“ im Sommer 2019, am Tag des Endspiels seiner Spurs durch die Bars und Bodegas von Madrid, es ist ein Herumirren, am Tag der Niederlage, im Finale gegen den FC Liverpool. Nicht schön! Vielleicht deshalb nicht der Satz des Liverpoolers Shankley, nicht in einem Roman, der sich vertraut zeigt mit den shakespeareartigen Verzauberungskünsten des Fußballs.

Zufall? Sei’s drum, ständig auf dem Sprung, erlebt der „Engländer“ die Welt als eine „Durchgangsstation“. Seinen Spurs die Treue haltend wie im Leben und der Liebe sonst nur noch Shakespeare, erlebt er ungezählte Male, wie der Erfolg im Fußball ununterbrochen weiterwandert. Der Fußball, einmal abgeschickt, strebt keiner Bleibe entgegen. Und doch, wo ein Fußball unterwegs ist, auf die Reise geschickt für Sekundenbruchteile, um anzukommen, verbleibt ein Aufenthalt immerhin für einen Augenblick.

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