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Ulrike Draesner „hell & hörig“: Im Land der Suppmarie

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Von: Björn Hayer

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Ulrike Draesner.
Ulrike Draesner. © Dominik Butzmann

Die Poetik des Bezugs: Zum 60. Geburtstag der Autorin Ulrike Draesner erscheint der Gedichtband „hell & hörig“.

Ein Augenblick zerspringt, Blitze treffen ins Innere, und mit einem Mal bleiben dort „wenige Lichter an einer sich kräuselnden, zwielichtigen Küste“ zurück. In dieser furiosen Reihenfolge entsteht der Lyrikerin Ulrike Draesner zufolge ein Gedicht. Was diese explosionsartigen Verzückungen über zwei Jahrzehnte hinweg an Poetischem hervorgebracht haben, ist nun anlässlich des 60. Geburtstages der Autorin in dem Band „hell & hörig“ versammelt.

Von besagter Energie haben sie in der Zwischenzeit nichts eingebüßt. Sie zeigt sich mitunter dort, wo Spannungen vorherrschen, wo dem Exilierten die Muttersprache wie ein unerreichbarer, vom Himmel herabhängender Angelköder erscheint oder wo Erinnerungen die Gegenwart zermürben. Dort treibt die Fantasie ihre Blüten und lässt beispielsweise eine längst zerbrochene Partnerschaft noch einmal in einem juvenilen Farbenspiel mit roten Wiesen und grünen Lippen auferstehen.

Dass sich Draesners Gedichte vor allem als „ein Feld der / Erzeugung und Ausschließung, der Vervollständigung durch Fragmentierung“ zu erkennen geben, verdankt sich einem dynamischen Design. Sie verpixelt, verschiebt und verfremdet, bis Altbekanntes in neue Formen kippt. Unversehens wird dann aus dem Beatles-Gassenhauer „Yellow Submarine“ eine humorvolle Erkundung des Landes der „Suppmarie“. Gewiss rühren jene Arrangements nicht zuletzt auch von der Übersetzungspraxis der 1962 in München geborenen Autorin her. Große Namen – von William Shakespeare bis hin zur Nobelpreisträgerin Louise Glück – hat sie ins Deutsche übertragen.

Seither durchkreuzen Wörter aus Fach- und Fremdsprachen ihre Texte. Sie sollen irritieren, erzeugen Reibungsflächen und bringen zugleich eine der Hauptambitionen von Draesners Schreiben auf den Punkt: Es geht darum, „‚selbst‘ ganz in Bezug auf“ etwas zu sein, stets das eigene Verhältnis zur Welt auszuloten.

Das Buch:

Ulrike Draesner: hell & hörig. Gedichte. Penguin, München 2022. 272 Seiten, 24 Euro.

Das durchlässige Subjekt

Statt auf einem lyrischen Ich zu beharren, das sich feierlich ausdrückt und die sichtbaren Dinge der eigenen Vorstellungskraft unterordnet, setzt sie auf ein durchlässiges Subjekt. Es nimmt die Wahrnehmung des äußeren Daseins vielmehr in sich auf und sucht eine Position dazu. Diese Beziehungsarbeit dokumentiert auch ein Langgedicht über eine allmächtige Mutter: „ich schwimme um mein leben / durch die blutlosen / pumpenden wege // um ihr nur / zu entkommen“, bekennt das Ich, das sich noch einmal in das Stadium eines Embryos zurückversetzt. Es klagt und kann sich doch nicht losreißen, sein Schicksal besteht im Aushalten von Ambivalenz.

Draesners Poetik des Bezugs geht allerdings weit über den zwischenmenschlichen Horizont hinaus. Auch ästhetisch saugt sie Welt in sich auf. In ihren Essays „Heimliche Helden“ (2013) setzt sich die Schriftstellerin, die einst eine Karriere als Literaturwissenschaftlerin mit Promotion begann, mit den Großen ihres Faches, darunter Thomas Mann oder Gottfried Benn, auseinander. In „Schwitters“ (2020) offenbart sie ihre innige poetische Begeisterung für den titelgebenden Autor.

Obschon dieser Roman apart ausfällt, hat die ästhetische Nähe zu den sprunghaften Miniaturen des Dadaisten nicht nur erfreuliche Resultate hervorgebracht. So findet man bei Draesner in all den Jahren ihres Schaffens durchaus auch überladene Verse à la „die knickenden farne ihr silurischer / schleim ja ihr frohes geschlürf / grüner schatten am boden huschte / eine maus es boomte das gen / unterhose kaspar hauser“. Ein solches Wortgewirbel klingt hipp, läuft aber Gefahr, sich in der Beliebigkeit der Assoziationen zu verlieren.

Überragend ist das Schreiben der Dichterin zweifelsohne im Akkord aus Klarheit, Nachdenklichkeit, unverbrauchten Bildern und einer gewissen Unschärfe. Insbesondere letztere trägt wohl zur Einzigartigkeit der Draesner’schen Lyrik bei, die das Leben in seinem so bitterehrlichen wie zumeist verheißungsvollen Schwebezustand hält.

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