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Ulrike Almut Sandig.

Roman

Die Dämonen aus der Kindheit

  • vonKatharina Granzin
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In ihrem Romandebüt „Monster wie wir“ findet Ulrike Almut Sandig einen poetischen Grundton für ein schwieriges Thema.

Bei Ruth ist es der Großvater. Bei Viktor der Freund seiner Schwester. Ruth und Viktor, die um die Wendezeit in einer ostdeutschen Kleinstadt aufwachsen, sind keine ungeliebten, vernachlässigten Kinder. Beide haben liebevolle, zugewandte Mütter und weniger präsente Väter. Und beide werden von den Eltern, die mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind, nicht ausreichend geschützt und wissen auch nicht, dass sie das Recht auf Schutz haben vor dem, was ihnen geschieht.

„Monster wie wir“ ist der Debütroman von Ulrike Almut Sandig, die bisher vor allem als Lyrikerin und Klangkünstlerin bekannt geworden ist. Der Sound dieser erzählenden Prosa ist auch recht lyrisch; es ist ein Sprachwerk, das sich gut laut lesen ließe, weil es gut klingt, weil das Verhältnis von fließend und rhythmisiert, von lang und kurz, sachlich und bildhaft, sehr schön ausgewogen ist. Und weil die Autorin poetische, einprägsame Bilder findet. Der Kontrast zwischen dem Wie, dieser sprachlich-formverliebten Seite, und dem Was, das erzählt wird, ist dabei allerdings beträchtlich. Denn das Was ist furchtbar.

Ruth und Viktor sind befreundet, seit der Grundschule (dem Kindergarten?). Die Ehe von Ruths Eltern ist in einem dauerhaft katastrophalen Zustand. Zeitweise wohnt die Mutter mit der Tochter beim Großvater, weil sie es nicht mehr aushält. Später zieht der geistig verwirrte Großvater bei der Familie ein. Und obwohl die kleine Ruth ihrer Mutter schon einmal gesagt hatte, dass der Großvater „ein Vampir“ sei, horcht niemand auf und bekommt niemand mit, was für Sachen der alte Mann mit dem Kind macht.

In Viktors Familie ist es anders und noch schlimmer: Wenn seine Eltern abends ausgehen oder übers Wochenende wegfahren, passen seine große Halbschwester und ihr Freund auf ihn auf. Ob die Schwester genau weiß, was der Freund dann dem Jungen antut, ist unklar. Viktor erzählt es jedenfalls niemandem. Und später, als er zu einem großen, kräftigen Jugendlichen herangewachsen ist, wird er Nazi. Eine Schlägertype.

In gewisser Weise ist „Monster wie wir“ auch ein Entwicklungsroman. Jedenfalls insofern, als er seine beiden Hauptfiguren in verschiedenen Stadien ihres jungen Lebens zeigt – und indem er vorführt, dass das, was in früher Jugend geschieht, seinen Nachhall in späteren Lebensphasen findet. Doch das optimistische Fortschrittsdenken, das einen Entwicklungsroman meistens grundiert, fehlt hier. Einerseits mag es so scheinen, als würden sowohl Ruth als auch Viktor es auf je eigene Weise schaffen, die Kindheitstraumata abzuschütteln. Aber der Firnis über der Vergangenheit ist sehr dünn.

Das Buch

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir. Roman. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2020. 240 Seiten, 22 Euro

Ruth, die sich als Kind mit exzessivem Geigenspiel aus der Wirklichkeit gebeamt hat, wird professionelle Musikerin, macht allerdings nicht als Geigerin, sondern als Pianistin Karriere. Vor allem aber steht es in ihrem Privatleben nicht zum Besten: Die Beziehung zu ihrem Freund ist geprägt von Gewalt und Machtspielchen. – Viktor wiederum geht als Au-pair nach Frankreich und lässt eine Naziverstrickungen hinter sich. Aber in der Familie, für die er hier arbeitet, kann er auf Dauer keine Ruhe finden: Der Vater sucht nachts das Zimmer seines zehnjährigen Stiefsohns auf.

Die Viktor-Kapitel sind in der dritten, die Ruth-Kapitel in der ersten Person erzählt. Viktors Schicksal wird expliziter, schonungsloser geschildert als Ruths Geschichte, in der die Autorin mit Andeutungen operiert und lediglich erahnen lässt, was tatsächlich geschehen sein mag und welche Dämonen die nach außen so erfolgreiche junge Frau in ihrem Erwachsenenleben umtreiben.

Vor allem aber gilt für beide: Eine Psychologisierung findet nicht wirklich statt. Vor allem an ihren Handlungen müssen wir sie erkennen. – Diese indirekte, oft fast geheimnisvoll raunende Art, Undenkbares mitzuteilen, ist nervenschonend und lesefreundlich. „Monster wie wir“ bleibt damit trotz seines finsteren Themas eine leicht zu lesende, poetische, äußerlich schöne Lektüre.

Unter die Haut aber geht sie nicht. Das muss sie auch nicht unbedingt, und man kann dafür sogar dankbar sein. Trotzdem stellt sich schon die grundsätzliche Frage, ob mit dieser Herangehensweise diesem sehr schwierigen Thema so ganz gerecht zu werden ist. Denn warum eigentlich so schweres Gepäck schultern, um dabei dann so zu tun, als sei es doch irgendwie ganz leicht?

Es ist ein Dilemma. Einerseits geht mit der Poetisierung eine gewisse Verharmlosung einher; andererseits möchten wir das Grauen gar nicht so ungefiltert miterleben müssen. Es bleibt ein ungelöster Rest zurück. Aber vielleicht muss das so sein.

Die Autorin ist am heutigen Donnerstag, 19.30 Uhr, im Frankfurter Haus am Dom zu Gast. Eintritt nur mit im Vorverkauf erworbener Karte: www.hausamdom-frankfurt.de

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