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Sogar in Lourdes macht Niki Wunder möglich.
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Sogar in Lourdes macht Niki Wunder möglich.

Roman

Ulrich Woelk „Für ein Leben“: Wunder für diese Welt

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Ulrich Woelks so unterhaltsamer wie triftiger Roman „Für ein Leben“ holt weit aus und das zu Recht.

Der neue Roman von Ulrich Woelk erzählt von begabten Frauen und weniger begabten Männern und, siehe an, die Welt geht nicht unter davon, und sie wird nicht besser dadurch. Es ist auf eine reizende Art nicht so wichtig, und es fällt schon gar nicht den Frauen auf. Stattdessen ist es eine beschwingte Lebenszugewandtheit, zugleich ein glaubwürdiges Interesse des Autors an den hier geschilderten Menschen und Geschichten, die „Für ein Leben“ zu einem nur einen Zentimeter von uns hier draußen in der Welt entfernten Roman machen. Ein Roman, der von Leben strotzt: Es klingt so einfach und ist so schwer.

Zugunsten des Lebens verzichtet der Autor – ohne aber einen Episodenroman zu schreiben – auf mancherlei, zum Beispiel eine plausible Fokussierung auf eine bestimmte Anzahl von Figuren, auf Ausgewogenheit in den Erzählanteilen für diese Figuren, auf Kausalzusammenhänge und kontinuierliche Handlungsstränge. Brennend interessiert etwa die Geschichte von Victor Belkows Flucht aus der DDR, seinen basiskapitalistischen Geschäftchen mit Pornovideos und schließlich seiner friedlichen Geschäftsfreundschaft mit Raissa, einer späten Lebensabschnittsgefährtin seines Nachbarn Herbert Sellen, der nach einem Infarkt im Koma liegt. Herbert Sellen ist der Vater von Ljubina, die Lu genannt wird.

Lu ist zusammen mit einer anderen Frau, Nikisha Lamont, die Niki genannt wird, das Zentrum des Romans. Aber wie das Leben hat der Roman für alle anderen Menschen ebenfalls eine Geschichte. Ein paar davon werden erzählt, andere nicht, Woelk lässt aber keinen Zweifel daran, dass sie vorhanden sind. Er kann viel, aber nicht alles erzählen. Es gibt Romane, in denen Menschen psychologisch tiefgründiger geschildert werden, aber es gibt nicht viele, in denen sie so sehr zappeln vor Lebendigkeit.

Um Victor geht es wirklich nur am Rande. Lu sieht als Teenagerin versehentlich seinen Penis, eine in origineller Weise folgenreiche Szene. Überhaupt gibt es in „Für ein Leben“ überdurchschnittlich viele Penis-Erwähnungen. Das hat nicht nur, aber auch damit zu tun, dass das Theater (um das es ebenfalls geht, es geht praktisch um alles, was vernünftige Menschen interessiert) gerade die Nacktheit entdeckt, dass sich Lu zwischenzeitlich Geld als Pornodarstellerin verdient und dass Niki Ärztin ist.

Den grandiosen Auftakt des Romans bildet eine Szene im Krankenhaus, die diesen ungewöhnlichen ersten Romansatz ermöglicht: „Als Nikisha Lamont ihrem späteren Ehemann, Clemens Rubener, erstmals begegnete, hätte sie ihm um ein Haar die Fruchtbarkeit geraubt.“ Wir lernen bei der Gelegenheit das Wort „Hodentorsion“ kennen. Als Lu und Niki sich später im Krankenhaus erstmals begegnen, wird es um einen „Priapismus“ gehen. Das scheinen äußerst unangenehme Sachen zu sein, auch sie ein Teil des Lebens. Woelk nutzt sie sozusagen, um zu zeigen, dass man über alles reden kann und dass sich viele Probleme lösen lassen. Und dass Männer von Natur aus verletzliche Wesen sind. Auch treten sie als verletzende Wesen auf.

„Für ein Leben“ ist ein Roman über Identität und Individualität. Vor den aktuellen Genderdebatten ist Woelks Personal im quirligen und allmählich anstrengend werdenden (West-)Berlin der späten achtziger und neunziger Jahren ausgeprägt mit Fragen der (durchaus nicht klaren) sexuellen Orientierung befasst. Die Figuren beantworten sie für sich so individuell, wie ein Mensch das in einem halbwegs freien Land tun kann, aber es gibt auch Ideologien und Prinzipien. Lu bewegt sich zwischenzeitlich in radikalen lesbischen Kreisen. Den Ärger, den Harry Kümels bizarrer Vampirfilm „Blut an den Lippen“ bei der Lesbenwoche im Kino „Egalia“ verursacht – keine der Frauen konnte ihn vorher sehen, Medien in den Neunzigern sind nicht einfach zugänglich –, schildert Woelk als letztlich vergnügliches Fiasko. Feministischen Demonstrantinnen ruft eine Frau vom „Programmausschuss“ zu: „Bitte habt etwas Geduld! Am Ende werden die Frauen siegen.“

Das Buch:

Ulrich Woelk: Für ein Leben. Roman. C. H. Beck, München 2021. 632 Seiten, 26 Euro.

Niki und Lu. Die Ärztin Niki, bei ihren Hippieeltern in Mexiko aufgewachsen, kann unerklärlicherweise Wunder tun, jedenfalls geschehen in ihrer Gegenwart fabelhafte Dinge, unter anderem in Lourdes. Vielleicht ist sie ein Engel. Die jüngere Lu aus dem Wedding, geprägt durch den frühen Krebstod der Mutter und die Alkoholkrankheit des Vaters, erweist sich als künstlerische Impulsgeberin der Extraklasse. Im Vorübergehen wird sie verschiedenen Künstlern auf die Sprünge helfen. In diesem Zusammenhang spricht sie den aus heutiger Identitätsdebatten-Sicht spektakulären Satz gelassen aus: „Ist es denn nicht völlig egal, von wem es ist?“ Vielleicht ist sie ein Genie, jedenfalls die geborene Künstlerin.

Niki heiratet den Romanschriftsteller Clemens, der nach einem großartigen Debüterfolg mit seinem zweiten Buch nicht zurande kommt (auch er wird Lus Hilfe nötig haben und sie bekommen). Lu jobbt vor sich hin – unter anderem in einem hippen Café im Wedding, wo sie als einzige echte Weddingerin zugleich als einzige nicht so aussieht. Weil das Äußere nicht viel sagt. Und weil Menschen sich immer eine Vorstellung von anderen machen, und meistens stimmt das nicht.

„Ich habe noch nie darüber nachgedacht, ob das Leben sinnvoll oder sinnlos ist“, sagt Lu, als ein anderer Nachbar, ein Komponist, sie anfleht, Abitur zu machen. In der Nacht von Nikis Hochzeit fangen sie und Lu eine Beziehung an, aus der etwas Ernstes und Schönes, aber nichts Ewiges wird.

In den Strudeln des Geschehens, in denen Woelk als Herr des Verfahrens vor- und zurückgreift, einiges zu Ende erzählt, anderes nicht, tun sich also gleichwohl Themen auf. Vor allem geht es dabei um fließende Grenzen, zwischen den Geschlechtern, aber auch zwischen den Religionen. Niki ist durch ihre reisenden Eltern wie einem modernen „Nathan der Weise“ entschlüpft, ein theoretisches Konstrukt, aber Woelk versteht es, auch daraus einen Menschen aus Fleisch und Blut zu formen.

Ohne solche großen Wörter auch nur zu erwähnen, plädiert dieser Roman durch seine schiere Existenz für Offenheit und Liberalität – was sich um so vieles verkrampftere Werke wie Monika Marons „Artur Lanz“ so ostentativ auf die Fahne schrieben, um dann doch bloß schimpfen und recht haben zu wollen. „Für ein Leben“ rät stattdessen zu Entspannung und sogar für einen Optimismus, der aus Sicht der Neunziger vielleicht leichter zu vermitteln war als heute. Dass hier auch von Tragödien erzählt wird – in einer davon fällt dann auch der Titel des Buches –, widerspricht dem nicht. Nicht der Glaube an Wunder, aber Verlogenheit ist diesem Buch wesensfremd.

Ulrich Woelk, Jahrgang 1960, erfasst die Atmosphäre der Zeit dabei ausgezeichnet. Seine Figuren treffen keck auch Personen der Zeitgeschichte (es ist James Gandolfini, der Lu zum Hollywood-Film bringt), Realität und Fiktion erscheinen grenzenlos wie so vieles in diesem Buch. Nikis und Clemens’ gemeinsamer Sohn Pablo bekommt nachher erste Geschichten von früher erzählt. Auch über Lu. So wird bloß ein paar Jahre später das, was unser Leben ist, und werden wir selbst, hoffentlich friedlich, hoffentlich sanft, zur Erinnerung und zur Erzählung für die, die kommen.

Zur leichten Hand des Erzählers kommt seine sprachliche Sicherheit, kommt seine immense Recherchearbeit zu Berufen, Orten, zur Sexualität. „Für ein Leben“ ist nicht zuletzt der Unterhaltungsroman, auf den all die, die Unterhaltungsromane im Prinzip hassen, lange gewartet haben.

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