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Gudrun Gut and Nena, 1983.
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Die Sängerinnen Gudrun Gut und Nena bei einer Berliner Party 1983.

Berlin-Roman

Ulrich Peltzer „Das bist Du“: „Unsere Niederlage ist allumfassend“

  • Claus-Jürgen Göpfert
    VonClaus-Jürgen Göpfert
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„Das bist Du“, eine literarische Zwischenbilanz: Ulrich Peltzer schreibt über die Siebziger und Achtziger in Westberlin und das Heute in einer „leergeträumten Stadt“.

Der Himmel über Berlin. Und nicht nur der. Sondern auch die Straßen und Plätze, die Clubs und Bars, die Buchhandlungen und Kinos der Stadt. Aus diesem Material formt Ulrich Peltzer seit Jahrzehnten das Material für seine literarischen Collagen.

Im Dezember steht der 65. Geburtstag des Schriftstellers an. Das ist der Zeitpunkt, zu dem man in der bürgerlichen Gesellschaft in Ruhestand geschickt wird. Was übersetzt heißen kann: Klappe halten. Für einen, der leidenschaftlich schreibt, ist das eine Zumutung. Also hat Peltzer jetzt eine literarische (Zwischen-)Bilanz vorgelegt, eine trotzige, aber auch erstaunte Selbstvergewisserung, wie schon der Titel verrät: „Das bist Du“.

Ulrich Peltzer porträtiert eine Generation im Aufbruch

Es ist das Porträt einer Generation im Aufbruch, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre. Man studiert Psychologie (oder Soziologie). Man will verstehen, wie der Kapitalismus funktioniert und was er mit den Menschen macht. Man will die Verhältnisse verändern, zum Tanzen bringen. Tanzt aber erst einmal selbst, in Berlin im „Dschungel“ (in Wiesbaden im „Jazzhaus“). Es ist die Zeit, in der die Zimmer in Wohngemeinschaften nur zwei Stühle und einen Tisch aufweisen, ein Bett und viele, viele Bücher und Schallplatten, die am Boden entlang der Wände aufgereiht sind.

Wie stets in seinen Büchern webt Peltzer einen dichten Teppich aus Musik, Filmen, Literatur. So entsteht eine mitreißende Atmosphäre, aber auch eine Hermetik. Denn die Namen fallen ohne Erklärung. Dylan, Lou Reed oder Zappa kennt heute fast jeder, mit Johnny Thunders oder Terence Davies ist es schon schwieriger.

Oder mit den französischen Filmen, „Pierrot Le Fou“ (Jean-Paul Belmondos beste Rolle) oder „Die Mama und die Hure“ (Jean Eustache) oder „Celine und Julie fahren Boot“ (Jacques Rivette). Oder gar mit „Germania Tod in Berlin“ (Heiner Müller) oder „Rom, Blicke“ (Rolf Dieter Brinkmann).

Die große Liebe: Bei Ulrich Peltzer heißt sie Leonore

Kein Verhältnis zum Geld, zu Besitztümern, das ist geblieben. „Alles daransetzen, dass einen die Traurigkeit nicht auffrisst.“ Oder: „Sich zu verausgaben, war die Grundbedingung, keine Frage, nur so konnte Neues entstehen.“ Das Gefühl von Unsterblichkeit damals. Natürlich geht es auch um die große, um die einzige Liebe. Bei Peltzer heißt sie Leonore. Und natürlich kommt zur Sprache, ob es Augenblicke des reinen Glücks gibt. Gibt es, sagt der Autor: Am Strand von Zaandvort, mit Leonore an einem späten Vormittag, mit einem riesigen Containerschiff im Hintergrund, das sich kaum von der Stelle zu bewegen scheint. Auch die Zeit scheint stillzustehen.

Wer dies alles miterlebt hat, wer die Orte kennt, bis hin zur Stranddisco von Stromboli in den 70er Jahren, den wird das Buch mitnehmen und auch beklemmen (wer dabei war und nichts fühlt, darf sich trösten: er ist schon tot). Aber es geht Peltzer nicht um Verklärung. Ganz im Gegenteil: Sein Blick ist eher sachlich, distanziert. Am Ende verliert der Protagonist Leonore an einen zwanzig Jahre älteren Immobilien-Investment-Fuzzi namens Dolf (da fehle nur noch das A vor dem Namen, heißt es).

Und der Kapitalismus siegt natürlich. Einmal heißt es in aller Offenheit: „Unsere Niederlage ist allumfassend.“ Schaudernd wandert der Protagonist durch das Berlin von heute, fast alle Orte von damals sind getilgt. Die Stadt ist buchstäblich „leergeträumt“ (nur in Frankfurt am Main geht die wirtschaftliche Entwicklung noch härter, noch rücksichtsloser über die Vergangenheit hinweg).

Das Buch:

Ulrich Peltzer: Das bist Du. Roman. S. Fischer, Frankfurt a. M. 2021. 288 Seiten, 22 Euro.

In „Das bist Du“ erörtert Peltzer aber eine zentrale Frage: Lohnt es sich noch – in der Gegenwart – zu schreiben? Hat der literarische Text noch Bestand in einer Zeit, in der die sozialen Medien alles in winzigste, unendlich beschleunigte Partikel zerreiben? Der Autor bejaht das ganz klar.

Dabei brauche es freilich mehr als den Blick zurück. Schon in seinen Poetikvorlesungen an der Frankfurter Goethe-Universität im Semester 2010/2011 „Angefangen wird mittendrin“ hatte Peltzer das herausgearbeitet. Ihnen stellte er ein Motto von Rolf Dieter Brinkmann voran: „Was nützen mir historische Ruinen? Ich will mehr Gegenwart.“

Nein, „Das bist Du“ ist keine Autobiografie. Einige Einlassungen des Erzählers aber sollte man durchaus als Peltzers Postulate verstehen. „Es gibt kein Zurück, das muss man sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Nichts dauert ewig, selbst der Schmerz vergeht.“ Auch wenn viele Freundinnen und Freunde auf der Strecke geblieben sind in den zurückliegenden dreißig Jahren. Durch die Drogen, durch die unheimliche Krankheit, die in den 80ern auftauchte, durch Aids. Durch die gesellschaftlichen Verhältnisse, die so sind, wie sie sind, mit allen ihren psychischen Folgen.

Peltzer zitiert Cohens „Anthem“

In dem intensiven literarischen Puzzle, das der Autor zusammensetzt, taucht ein Fragment immer wieder auf. „There is a crack.“ Vollständig hieße es: „There is a crack in everything, that’s how the light gets in.“ Ein Zitat aus dem Song „Anthem“ von Leonard Cohen. Es gibt also einen Riss in den Verhältnissen, der Hoffnung auf Veränderung lässt.

Für den Protagonisten bleibt das Schreiben als Befreiung. Er beginnt seinen ersten Roman. Aber er fühlt eine „seltsame Scham“. Als ob er sich der „Vortäuschung falscher Tatsachen“ schuldig mache. In der Wirklichkeit veröffentlichte Peltzer sein Debüt „Die Sünden der Faulheit“ 1987, eine Art Road-Movie, das natürlich in (West-)Berlin spielt.

So schließt sich der Kreis. Schließlich muss man irgendwie leben, weiterleben. Mit den Verhältnissen klarkommen. Auch, wenn man nicht mit ihnen einverstanden ist. Oder, wie es in „Das bist Du“ heißt: „Schreiben, um sich zu betäuben. Unerreichbar für die Niedrigkeiten des gewöhnlichen Lebens. Das man dennoch leben muss, von Scham und Angst ergriffen.“ Noch immer keine Pläne machen, keine Gedanken an die Zukunft verschwenden. Die Musik und die Filme helfen dabei, bis heute.

Ulrich Peltzer stellt seinen Roman bei diversen Online-Lesungen vor, unter anderem am heutigen 27. Februar, 20.05 Uhr im Studio lcb beim Deutschlandfunk (lcb.de). In Frankfurt ist er am 11. März, 19.30 Uhr, bei den „Frankfurter Premieren“ zu Gast.

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