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„Berlin. Unter den Linden im Festschmuck“: Titel auf einer Postkarte, mit der die Propaganda im ganzen Reich weitergereicht wurde.
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„Berlin. Unter den Linden im Festschmuck“: Titel auf einer Postkarte, mit der die Propaganda im ganzen Reich weitergereicht wurde.

Nationalsozialismus

Ulrich Herbert „Wer waren die Nationalsozialisten“: Geduckte Opportunisten

  • vonMatthias Arning
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Ulrich Herbert geht der Frage nach: Wer waren die Nationalsozialisten?

Als Saul K. Padover mit der US-Armee den Rhein überquert hatte, spürte er bald, dass es nicht leicht würde, in Deutschland nach Diktatur und Krieg den Wandel zur Demokratie in Gang zu setzen. Kurz vor dem Ende des Krieges kam der Psychologe in das darniederliegende Land und notierte in seinen Aufzeichnungen erste Eindrücke: „Hätten wir wirklich gewusst, was in Deutschland und in den Köpfen der Deutschen vor sich ging, wäre uns klar gewesen, dass es noch lange nicht zu Ende war.“

Zwar wollte im Mai 1945 keiner „ein Nazi“ gewesen sein. Von den Morden, hieß es immer wieder, habe man nichts gewusst. Nazis, das waren „die Anderen“, man beschrieb sie als „gewalttätige Schlächter“, die man mit der SA in Verbindung brachte und die sich Hitler, „ihrem Führer“, blindlings ergeben hatten. Die meisten Deutschen hingegen seien „anständig geblieben“.

„Ein sehr eigentümliches Bild“, wendet der Freiburger Historiker Ulrich Herbert ein. Er nimmt sich in seinem aktuellen Buch vor, genauere Antworten auf die Frage zu finden: „Wer waren die Nationalsozialisten?“ Meist männlich seien die Parteigänger der NSDAP gewesen, oft aus der Generation der um 1900 geborenen Weltkriegjugend, in den 30er Jahren zog es viele Angestellte und Beamte in die Partei.

Doch allein mit diesen Fakten lässt sich die Frage, wer die nationalsozialistische Gewaltpolitik unterstützt habe, nicht ergründen. Ulrich Herbert will es genauer wissen. In den Aufsätzen zu seinen Forschungen aus dem vergangenen Vierteljahrhundert, die der Band versammelt, fragt er etwa nach den Ursprüngen des Judenhasses und rückt jene in den Blick, die ihr bürokratisches Knowhow wie ihre wissenschaftliche Kenntnis in den Dienst der Macht stellten. Denn: „Die Frage, wer die Nationalsozialisten waren, ist die Frage nach dem Charakter der Diktatur.“ Elf Beiträge dazu, eine lohnende Lektüre.

Das Buch:

Ulrich Herbert: Wer waren die Nationalsozialisten? C. H. Beck, München 2021. 303 Seiten, 24 Euro.

Herbert will wissen, wie trotz dieses Erbes nach 1945 überhaupt eine funktionsfähige Demokratie entstehen konnte? Zumal doch Eliten der NS-Zeit oft ungeschoren davonkamen und sich in der Nachkriegszeit arrangierten, um bloß nicht erkannt zu werden. Die Verantwortung für den Massenmord reduzierte man „auf ein paar, in der Regel bereits verstorbene Galionsfiguren“ und ermöglichte seit den frühen 50er Jahren „die putative Pauschalentlastung nahezu aller überlebenden Ex-Nationalsozialisten selbst in führenden Stellungen.“ Mit dem in dieser Gruppe verbreiteten „geduckten Opportunismus“, verbunden „mit der allmählichen Reintegration der NS-Eliten in die Bürgerlichkeit“, gehe schließlich ihre eigene politische Neutralisierung einher.

Nach den Eliten fragte Herbert bereits mit einer Studie zu Werner Best. Der Historiker setzte damit für seine Zunft Maßstäbe: Er untersuchte Bests anfängliches Wirken als Amtsrichter und zeigte die Radikalisierung seines Denkens als Führungsfigur des Reichssicherheitshauptamts, „einem der stärksten und einflussreichsten Machtblöcke innerhalb des nationalsozialistischen Regimes“. Damit machte Herbert Zusammenhänge vom „Funktionieren der Apparate ebenso wie das Handeln und Denken des Protagonisten“ deutlich.

Beispielgebend wirkte auch seine 1985 erschienene Studie „Fremdarbeiter“. Damals sprach noch kein Mensch in Deutschland über das Schicksal der Zwangsarbeiter, Unternehmen hielten ihre Archive geschlossen. Mehr als zehn Millionen Menschen hatten für die NS-Kriegswirtschaft geschuftet. Ohne die Zwangsarbeiter, das unterstreicht Herbert in dem Aufsatz des aktuellen Bandes über „die Lager“, wäre für NS-Deutschland der Krieg spätestens 1941 zu Ende gewesen. Die ehemaligen Zwangsarbeiter mussten bis zum Ende des 20. Jahrhunderts warten, bis sich Unternehmen wegen der Sammelklagen vor US-Gerichten zu einer „humanitären Geste“ aufrafften, ausdrücklich nicht zu einer Entschädigung.

Ulrich Herbert setzt im aktuellen Buch seine Analyse zu der Frage, wer die Nationalsozialisten waren, bei den Nachwirkungen des Ersten Weltkriegs an. Schon vor der Diktatur hätten rechtsorientierte Parteien und Gruppen mit Verweis auf den Versailler Vertrag politische Positionen geteilt: „Den Drang zum Wiederaufstieg als Großmacht, den Wunsch nach Revanche und Rache für das erlittene Unheil.“ Bis 1939 sei die NS-Herrschaft „durch einen Prozess der Amalgamierung der traditionellen Nationalsozialisten mit den Vertretern anderer radikalnationalistischer Richtungen und den traditionellen Eliten gekennzeichnet“. Die propagierte „Volksgemeinschaft“ habe rechte und nationalkonservative Kräfte zusammengehalten.

Spätestens seit den Pogromen im November 1938 geriet die antijüdische Politik „ganz in die Hand von Gestapo und SD“, wurden Unterdrückung, Ausbeutung und Vertreibung der Juden „ungleich radikaler, als es die SA-Horden jemals vermocht hätten“. Aus dem Ersten Weltkrieg hätte die extreme Rechte die Schlussfolgerung eines im Massenmord endenden „Kampfs gegen die Juden“ gezogen. Keine geheime Aktion, die nur Eingeweihten vertraut gewesen wäre: „Kein mechanisierter, steriler Massenmord jenseits aller Wahrnehmbarkeit, sondern apokalyptische, geradezu archaische Massaker, vollzogen unter Mitwirkung aller deutscher Dienststellen.“ Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik, das hebt Herbert hervor, war „keine Exzesstat wahnsinniger Ideologen und asozialer Verbrechertypen, wie wir uns es lange Zeit beruhigend zurechtgelegt haben.“

Das aufschlussreiche Buch bietet die Gelegenheit, die Texte Ulrich Herberts einem breiteren Publikum zugänglich zu machen, das sonst vermutlich nur selten auf Quellen wie die Freiburger Universitätsblätter stößt. Ob Saul K. Padover, der Beobachter der US-Armee, beruhigt wäre, hätte er den Wandel der Nachkriegsgesellschaft zur Republik vor Augen? Ulrich Herbert empfiehlt, im Zusammenhang mit der NS-Zeit und der Bundesrepublik „nicht allein nach Kontinuität und Subversion zu suchen“, sondern auch „nach Opportunismus und dadurch hervorgerufenem Einstellungswandel“ zu fragen. Wenn die Geschichte der Republik immer als Erfolg dargestellt wird, müsse man auch im Blick haben, dass der Wiederaufstieg nicht nur wirtschaftlich und außenpolitisch, sondern auch durch „die politische Neutralisierung“ früherer Eliten gelungen ist. Es gehe um politische Stabilisierung – „trotz des vergangenheitspolitischen Überhangs“.

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