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Postheroischer, moderierender Führungsstil: Kanzlerin Merkel (zwischen Bildungsministerin Anja Karliczek und Integrationsbeauftragter Annette Widmann-Mauz). 

„Postheroische Helden“

Ulrich Bröckling: Heldinnen und Helden wir

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Der Soziologe Ulrich Bröckling untersucht den Bedarf an starken Vorbildern in postheroischen Zeiten.

Die Geschichte des chinesischen Arztes Li Wenliang ist zuletzt wiederholt als dramatische Heldengeschichte erzählt worden. Dabei war er lediglich seiner Arbeit nachgegangen und gewillt, sich an die ärztlichen Pflichten zu halten. Aber es erforderte eine große Portion Heldenmut gegen den fatalen Opportunismus, die schlimme Botschaft einer drohenden Pandemie lieber zu verschweigen. Li Wenliang brachte sich in Schwierigkeiten, weil er seine Befürchtungen nicht für sich behielt. Er scheiterte an der Undurchlässigkeit eines Systems, das auf Machterhalt setzt und dafür immer wieder auch bereit ist, die Wirklichkeit zu verleugnen.

In den geläufigen Beschreibungsmustern könnte man Li Wenliang als tragische Helden bezeichnen, denn weder vermochte er, seinen Erkenntnissen von den Gefahren des Coronavirus zum Durchbruch zu verhelfen, noch war er in der Lage, sich selbst zu schützen. Er starb an den Folgen einer Infektion mit dem Virus, und die Geschichte, die man sich über ihn erzählt, handelt von der Beharrlichkeit eines aufgeklärten Menschen gegenüber der Dummheit des Apparats. Li Wenliangs Schicksal ist eine Parabel aus der Zeit der heraufziehenden Not. Es sieht ganz danach aus, als hätten wir Geschichten wie diese gerade besonders nötig.

In seinem Essay „Postheroische Helden“ fragt der Freiburger Soziologe Ulrich Bröckling nach den unterschiedlichen Heldenbildern und -erzählungen, die mehr denn je in einer Gesellschaft zirkulieren, die eben noch als postheroische beschrieben wurde. Bei der Verwendung des Präfixes „post“ geht man insgeheim davon aus, dass die klassischen Helden weitgehend ausgedient haben.

Die politischen Führer sind keine Auserwählten, sondern werden auf Zeit gewählt und sind bei der Ausübung ihrer Macht an strenge Verfassungsregeln gebunden. Vorbei die Zeit, in der Hegel das Handeln welthistorischer Menschen feierte, die mit ihren „Taten einen Zustand und Weltverhältnisse hervorgebracht haben, welche nur ihre Sache und ihr Werk zu sein scheinen“.

Geschichte wird gemacht, hieß es in den 80er Jahren in einem Song der Band Fehlfarben. Um ihren großen Taten zur Geltung verhelfen zu können, gesteht Hegel den Helden zu, nicht allzu zimperlich zu sein: „Solch große Gestalt muss manche unschuldige Blume zertreten, manches zertrümmern auf ihrem Wege.“ Bei aller notwendigen Tugendhaftigkeit sind historische Helden große Abräumer, für deren Tun der Ökonom Joseph Schumpeter die Formel von der schöpferischen Zerstörung geprägt hat. Die Helden der Moderne, die vor allem in Gestalt des Werksgründers und Wirtschaftskapitäns reüssieren, reißen Altes nicht einfach nieder, sondern ermöglichen neue Kombinationen.

In ihrer mit Bedeutung aufgeladenen Existenzweise sind Helden an zugespitzte Zustände geknüpft – einzigartige Menschen in der Entscheidung. Wenn sich die Lage normalisiert, wirken sie schnell lächerlich, Heldenhaftigkeit ist nicht von Dauer, sondern bedarf immer auch der stabilisierenden Erzählung. Ruhm ist vergänglich, und der Konventionsbruch, der beim entschlossenen Handeln im Ausnahmezustand selbstverständlich ist, wird später schnell als Störung der Ordnung empfunden.

Das Buch

Ulrich Bröckling: Postheroische Helden. Ein Zeitbild. Suhrkamp Verlag, Berlin 2020. 278 S., 25 Euro.

Helden halten sich nicht an die Hausordnung und lösen keine Fahrkarten. Taugliche Vorbilder für die Einhaltung des sozialen Friedens sind sie eher nicht. Demokratische Gesellschaften bauen ja geradezu darauf, nicht auf Beweger und Entscheider angewiesen zu sein, die selbstlos für das gute Allgemeine streiten und dazu, wenn es sein muss, auch das eigene Leben einsetzen. Kein Heldenmythos ohne Opferbereitschaft, die allerdings nicht in Todessehnsucht umschlagen darf. Helden, die allzu bereitwillig ihr Leben aufs Spiel setzen, sind keine. Wahre Helden sind selten, aber die Nachfrage nach ihnen steigt in Zeiten sozialer Not.

Helden gibt es nicht in der ersten Person, schreibt Ulrich Bröckling und verweist darauf, dass die Vorstellung vom heldenhaften Tun in funktionalistischen Gesellschaften nur noch widersprüchlich und gebrochen zu haben ist. Die Aussage „Ich bin ein Held“ funktioniert allenfalls noch ironisch. Nirgends wusste man das besser und früher als im Bereich der Populärkultur, wo die Halbwertzeit von Helden zwischen einer Viertelstunde (Andy Warhol) und einem Tag (David Bowie) taxiert wurde. Für die postheroische Persönlichkeit, die die einstige Rebellion und die Unfähigkeit, sich unterzuordnen, in flache Hierarchien überführt hat, dient Nonkonformismus als Innovationsmotor.

Während heroischer Führungsstil nicht selten auch Sabotageeffekte hervorbringt, setzt die Idee des sogenannten postheroischen Managements auf die Vervielfältigung von Lösungsansätzen. Anstelle des nächsten großen Dings arbeitet es an vielen kleinen Dingen. Während Helden versuchten, Dinge ein für alle Mal zu erledigen, weiß der postheroische Manager, dass dies weder möglich noch wünschenswert ist.

Dabei sei postheroischer Führungsstil, schreibt Bröckling, keine einfache Negation des heroischen, sondern ein Heroismus höherer Ordnung. Obwohl Angela Merkel als Bundeskanzlerin einen moderierenden Führungsstil pflegt und in diesem Sinne postheroisch agiert, sagt das jedoch nichts über ihren ausgeprägten Machtinstinkt aus – und die Fähigkeit, ihn einzusetzen. Die Aussicht, die Hervorbringungen einer falsch verstandenen Heldenhaftigkeit hinter sich zu lassen, ist gering. Gegenwärtig spricht die Konjunktur starker Männer mit der Lizenz zum Durchregieren vielmehr dafür, dass wir Helden, so Bröckling, als Problemanzeiger verstehen müssen.

Die anhaltende Macht des Heldennarrativs beruhe auf einer moralischen Vereindeutigung. In diesem Sinne sind Alltagshelden – zum Beispiel ein Flugkapitän, der ein Passagierflugzeug auf einem Fluss notlandet, oder auch die einfühlsame Pflegerin eines Altenheims – Tugendhelden, deren Taten über jeden Zweifel erhaben sind und der Gesellschaft eine irritationsfreie Idee von sich geben. Weil das Leben schon kompliziert genug ist, wünscht man sich von Sporthelden, dass sie siegesgewiss zur Sache gehen. Angesichts ihres Lebens nach der Karriere ist man nicht selten entsetzt über ihr Scheitern an Drogen, Vermögensfragen und persönlicher Integrität.

Gibt es eine Möglichkeit, Heldenbildern und den an sie herangetragenen Erwartungen nicht aufzusitzen? Die Deformationen des Heldischen sind jedenfalls unübersehbar. „Stutzt der Normalbetrieb“, so Bröckling, „die Menschen auf Durchschnittsgröße, so blüht das Heroische im Ausnahmezustand.“ Ein kurzer Blick auf politische Weltlagen genügt, um zu erkennen, dass Heldenphantasmen Ungeheuer gebären.

Ulrich Bröckling schlägt am Ende seines inspirierenden Zeitbildes vor, das Heroische kaputtzudenken. Weil Heldengeschichten unterhalten, affizieren und in andere Welten entführen, vermögen nur andere Geschichten die Macht von Heldengeschichten zu unterlaufen. Entheroisierung als narratologisches Projekt.

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