Times Square, New York, 1950.
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Times Square, New York, 1950.

Ulrich Becher

Ulrich Becher „New Yorker Novellen“: So frei und so verloren

  • vonDorothee Wahl
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Ulrich Bechers 1950 erstmals veröffentlichte „New Yorker Novellen“ führen in ein Land, in dem sich Exilanten und Einheimische gleichermaßen fremd fühlen können.

Sarkastischer Humor, das geht bei Ulrich Becher. Zwanzig Jahre vor seinem viel beachteten Meisterwerk „Murmeljagd“ – ebenfalls soeben bei Schöffling & Co. wiederveröffentlicht – pointiert er auf dosiert bissige Weise in seinen „New Yorker Novellen“ das Schicksal der Entwurzelten.

Der Autor selbst war ein aus der Heimat Vertriebener. 1910 in Berlin geboren, erst Bildender Künstler, Schüler von George Grosz, wird er bereits mit seiner ersten Veröffentlichung, „Männer machen Fehler“, zum antifaschistischen Staatsfeind. 1933 emigriert er nach Österreich und lebt zeitweise in der Schweiz. Sein nächstes Exilland wird 1941 Brasilien, 1944 dann die USA, unter Mithilfe von Grosz, der bereits dort lebt. Der Freund, selbst verbittert ob seiner Exilsituation, bleibt ihm Berater und Kritiker seiner Texte, die er erst nach der Rückkehr im Nachkriegseuropa 1948 veröffentlichen kann. 1990 stirbt Becher in Basel.

1950 erscheinen die „New Yorker Novellen“ zum ersten Mal, gewidmet „George Grosz zum Andenken“. Die erste Novelle handelt vom erfolgreichen Psychoanalytiker John Henry Nightingale, vormals Hans Heinz Nachtigall. Der politisch und künstlerisch engagierte Pazifist entflieht dem Druck der Nationalsozialisten in die USA. Sein Freund Boehm, ein Künstler, der sich in New York als Zeichenlehrer durchschlägt, erklärt ihm die schöne neue Welt, in der es keinen interessiert, was man im vorherigen Leben war. Hier zählt nur das Jetzt: „Wir haben eben die Freiheit ... wenn wir nicht geschäftstüchtig sind, keine Ellenbogen haben, auch die Freiheit zu verrecken, ohne dass ein Hahn danach kräht. Ist das nicht großartig, Hans? Ich sage dir, das ist die wahre, die einzig richtige Freiheit! Sage mir wie viel Taler du in der Woche verdienst, und ich sage dir, wer du bist.“

Das Buch:

Ulrich Becher: New Yorker Novellen. Schöffling & Co., Frankfurt a. M. 2020. 402 Seiten, 24 Euro.

Der Weg vom arbeitslosen Schriftsteller zum erfolgreichen Psychoanalytiker ist steinig: „Da er kein Jude, kein Nazi, kein Katholik, kein Mitglied in einer protestantischen Sekte war, gewährte ihm niemand Unterstützung.“ Ihm gelingt der Sprung in die High Society, und doch bleibt er ein Fremder. Obwohl wirtschaftlich und scheinbar gesellschaftlich, ja auch sprachlich integriert, bleibt der Blick zurück in die alte Heimat. Schuldgefühle über seinen allein gelassenen Vater und das Bewusstsein, die eigenen politischen Einstellungen aufgegeben zu haben, lassen ihn nicht los. Die Ambivalenz zwischen Nachtigall und Nightingale beschreibt Becher am Ende in einem schizophrenen Zwiegespräch der beiden in der Schweiz.

„Der schwarze Hut“ erzählt vom jüdischen Überlebenden Dr. Klopstock, der zu Beginn der Geschichte als eine Nebenfigur eingeführt wird. Ein hörgeschädigter verarmter Mann erscheint bei einem Trauergelage, welches der bayerische Börsenmakler Alois Altkammer – „bestangezogenster Gentleman des New Yorker Bankviertels“ – zu Ehren seiner verstorbenen Frau ausrichtet. Klopstock bleibt als vorletzter Gast, bittet Altkammer unterwürfig um Unterstützung. Er wird vom Gastgeber gedemütigt, der ihn mit wenig Geld und dem teuren Hut seiner Verflossenen auf die Straße schickt. Endlich regt sich Wut bei Klopstock:„Dieses ignorante versnobte besoffne Untier! Dieser reiche geschäftstüchtige Filz!“

Nun erfährt man den Grund seiner Gehörlosigkeit, liest von dem Schrecken der Haft in Dachau, der Folter, unter der er sein Gehör und drei Finger verliert. Aus Dachau entlassen, führt ihn sein Weg nach New York, wo ihm gleich zu Beginn sein einziger Besitz, das Hörgerät, geraubt wird.

In der letzten Novelle, „Die Frau und der Tod“, geht es um die tragische Liebe des amerikanischen Piloten Slocum, der durch die Nächte New Yorks zieht, um seine Erinnerungen an Gefechte mit den Nazis und an eine Notlandung in Brasilien zu vergessen, Erlebnisse, die ihn mit Ängsten und Wahnvorstellungen begleiten. In der nächtlichen Großstadt verliebt sich Slocum in eine Frau, die mit dem Leben abgeschlossen hat. Hier öffnet Ulrich Becher den Blick auf die im eigenen Land fremd Gewordenen. Alle drei Novellen spiegeln die Unfähigkeit der amerikanischen Gesellschaft, Beziehungen jenseits der Oberfläche einzugehen. „Hier ist alles anders als drüben. Vollkommen, aber auch vollkommen unverbindlich.“

Die Kunst Bechers ist es, das tragische Schicksal der einzelnen Figuren nicht melancholisch zu beschreiben, sondern nüchtern, ohne Nostalgie und mit einer Portion schwarzen Humors. Die Novellen sind für alle, die sich für die Atmosphäre der Exilanten im Amerika der vierziger Jahre interessieren und Freude an Sprachwitz haben, unbedingt zu empfehlen.

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