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Ganesha, der naschhafte, gnädige, gütige, schelmische Gott.

"Leben mit den Göttern"

In Ulm, um Ulm und um Ulm herum

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Wo Götter und Menschen einander begegnen ? Erhabenes, Mörderisches und Heiteres aus der Religionsgeschichte, erzählt von Neil MacGregor.

Eines der schönsten Bücher des Jahres 2018: „Leben mit den Göttern“ von Neil MacGregor, von 2002 bis 2015 Direktor des British Museums. Danach war er bis zum Juni 2018 Intendant des Berliner Humboldt-Forums. Weltberühmt wurde MacGregor 2010 mit seiner Fernsehserie „Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten“, die als Buch ein internationaler Bestseller wurde.

Der neue Titel führt ein wenig in die Irre. Es geht nicht um eine Göttergeschichte. Und schon gar nicht um einen klar umrissenen Pantheon. Es geht um Religion, um Glauben, ums Über-, ums Außerirdische, um die verborgenen Seiten der menschlichen Existenz.

Wie in seinen „100 Objekten“ geht es auch beim „Leben mit den Göttern“ um Gegenstände und die Geschichten, die sie erzählen, wenn man ihnen zuzuhören versteht. Es geht nicht um Dogmen, nicht um privaten Glauben. Es geht MacGregor um die tausendundeinen Wege, auf denen die Menschheit Gesellschaft herstellt, indem sie über die Gesellschaft hinausweist.

Am Anfang seines Buches steht der Löwenmensch aus der Stadel-Höhle bei Ulm. Die 31 Zentimeter große Skulptur aus Mammut-Elfenbein entstand vor 35 bis 41 Tausend Jahren. Dargestellt ist ein Mensch mit einem Löwenkopf. Der Kopf ist keine Maske. Gezeigt wird also ein Mischwesen. Etwas, das es nicht gibt. Es ist die früheste Darstellung einer Gottheit, eines höheren Wesens.

Wir wissen natürlich nichts über die Glaubenswelt, in der dieser Löwenmensch entstand. Wir haben keine Ahnung, in welchem Verhältnis er zur gleichzeitigen, am gleichen Ort gefundenen sogenannten „Venus vom Hohlefels“ stand. Wurden beide verehrt? War letztere ein Star wie Jayne Mansfield und ersterer ein Schamane? Wir wissen nichts. Aber so fremd, wie wir es uns einbilden mögen, ist der Löwenmensch aus der Stadel-Höhle uns nicht. Es gibt viele Regionen der Erde, in denen Mischgestalten aus Tier und Mensch verehrt werden. Jeder hat die ägyptischen Götter in Erinnerung, die schon den frühen Juden ein Graus waren. Es fehlt auch heute nicht an Nationen – „Stämme“ nennen wir sie –, die begleitet von Trommeln und Blasinstrumenten singend mit Tiermasken tanzen. Es ist nicht sonderlich gewagt, sich solche Auftritte auch in der Umgebung des kleinen „Löwenmenschen“ vorzustellen.

Das zur Zeit wirkmächtigste Mischwesen ist freilich der indische Gott Ganesha. Ein dicker Mann mit einem Elefantenkopf. Wikipedia schreibt „Ganesha wird als naschhafter, gnädiger, gütiger, freundlicher, humorvoller, jovialer, kluger, menschlicher und verspielter, schelmischer Gott vorgestellt, der oftmals Streiche spielt“. Bayern ist stolz darauf, Computer und Lederhose zusammenzubringen. Indien brilliert deutlich eindrücklicher und effektiver mit der Verbindung von Computer und Ganesha.

Mit dem in der Nähe von Ulm vor 40 000 Jahren gefertigten Löwenmenschen beginnt Neil MacGregor seine Reise durch die Welt der Gläubigen. Sie endet mit einer um 1480 ebenfalls bei Ulm hergestellten Skulptur. Eine sogenannte Mantelmadonna. „Maria“, so MacGregor, „die traditionell die Kirche repräsentiert, ist gelassen. Prächtig in Gold und Blau gehüllt, versammelt sie die Gemeinschaft der Gläubigen, hält sie zusammen und bewahrt sie vor Unheil. Viel größer dargestellt als ihre Schützlinge, ist sie die fortlaufende Geschichte, in der diese nur Episoden sind, eine bleibende Institution, die sie alle umfängt und überdauern wird. Sie blickt unerschütterlich in die Zukunft und schreitet – gemeinsam mit ihnen – entschlossen voran.“

Nein, nein: Maria ist nicht die fortlaufende – gemeint ist wohl die voranschreitende – Geschichte und schon gar nicht schreiten ihre Schützlinge mit ihr voran. Die beten auf dem Boden kniend mit gen Himmel erhobenen Augen. MacGregor ist ein wenig die Fantasie durchgegangen. Er wollte den Glauben als „fortschrittlich“ und konservativ zugleich charakterisieren und vergriff sich dafür wohl im Objekt. Aber ihm blieb fast nichts anderes übrig, denn das Buch musste, soviel Erzähler ist der Historiker Neil MacGregor dann doch, dort enden, wo es begonnen hatte, in Ulm. 

Französische Revolutionäre riefen Kult der Vernunft ins Leben

Diesem Schluss geht ein Kapitel voran, in dem MacGregor auch aus der Geschichte des Atheismus berichtet. Nicht von Xenophanes, der im 6. vorchristlichen Jahrhundert sich lustig darüber machte, dass jedes Volk sich die Götter so male, wie es selbst aussah. MacGregor spricht auch nicht von Heraklit, der im 5. vorchristlichen Jahrhundert erklärte: „Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar.“

MacGregor erzählt wie die französischen Revolutionäre des letzten Jahrzehnts des 18. Jahrhunderts anstelle der Anbetung Gottes den Kult der Vernunft ins Leben riefen und auch der christlichen Zeitrechnung den Garaus zu machen versuchten. Beides scheiterte schon im Jahre 1802. 

Auch der sowjetische Versuch einer Gesellschaft ohne Religion scheiterte, und heute – im Januar 2018 – punktet Wladimir Putin, indem er sich filmen lässt, wie er zum Fest der Erscheinung des Herrn in ein ins Eis des Seligersees geschlagenes Loch taucht, ein wiedergeborener Christ auch er.

Diese Fotos machen die Schönheit des Bandes aus. Sie führen schon dem bloßen Betrachter des Bandes die Vielfalt der Glaubenswelten vor. Sie machen freilich auch deutlich, dass so wenig der Schutzmantel der Madonna allen Menschen offensteht, jeder Glaube der einer Gemeinschaft ist. Er stiftet sie. Wie jede Definition tut er es durch Abgrenzung. 

Die Geschichte des Glaubens, auch daran erinnert MacGregor, ist die Geschichte von Glaubenskriegen. Überall auf der Welt. Der Glaube, der eine Gesellschaft zusammenhält, schottet sie gleichzeitig von ihr ab. Der Schutzmantel der Madonna wirkt wie Scheuklappen. Er hindert die Gläubigen daran, die Welt um sich wahrzunehmen. Der Blick wird in eine einzige Richtung gelenkt. „Eine zentrale Aufgabe“, schreibt MacGregor, „für Regierungen auf der ganzen Welt ist es heute, religiöse Extremisten innerhalb und außerhalb der eigenen Landesgrenzen zu ,deradikalisieren‘“.

Ein guter Weg dazu scheint mir, sich die vielfältigen Formen der Religiosität vor Augen zu halten. Die Vorstellung der einen richtigen, von Gott persönlich verordneten Weltsicht wird so relativiert. Sie tritt zu oft auf, um glaubwürdig zu sein. Gleichzeitig aber begeistert die „Fülle der Gesichte“. Sie soll nicht zerstört werden von Fausts Famulus, „vom trocknen Schleicher“ einer mit sich selbst zufriedenen Wissenschaft.

Da ist zum Beispiel die Göttin Ganga. Sie ist ein Fluss. Sie ist aber nicht einfach nur der Ganges, in dessen Wassern der gläubige Hindu seiner Erlösung entgegengeht, sie ist auch die Milchstraße. Die nämlich ergießt sich auf die Erde, und so entsteht Ganga.

Ganze Landschaften werden heilig gemacht. Manchmal nur durch Erzählungen. Man erfindet Geschichten, die ihre Entstehung erzählen. Ein andermal werden ganz wörtlich Berge versetzt. Anlagen wie Stonehenge gibt es fast überall auf der Welt. Es sind riesige Areale, die zu einander in Beziehung gesetzt wurden. Wer damals auf einem Hügel stand, der konnte hinüberblicken zu einem andern. Ganz sicher gab es Prozessionen, die vom einen zum andern Ort führten. Der Pilgerweg nach Santiago ist die christliche Adaptation einer Jahrtausende zurück reichenden Tradition. Die „Songlines“ der australischen Ureinwohner, auch Traumpfade genannt, helfen uns, eine Vorstellung davon zu gewinnen, mit wie wenig Mitteln sich eine alltägliche Umgebung mit Bedeutung aufladen lässt. Wer im Sommer 1995 vor dem von Christo und Jeanne-Claude mit einem mit aluminiumbedampftem Polypropylengewebe verhüllten Reichstag stand, der erfuhr, wie der Riesenbau zu schweben schien. „Erbauen“ hatte plötzlich wieder seine zweite, seine religiöse Bedeutung.

Neil MacGregors Buch zeigt, wie sich die Menschen ihre Götter erbauen. Er zeigt frisch errichtete thailändische Geisterhäuser, die inmitten moderner Stadtlandschaften dafür sorgen, dass die Geister einen Ort haben, „ein Gotteshaus“ sagen wir, an dem die Gläubigen sie besuchen und verehren können.

Die Orte, wo Götter und Menschen einander begegnen, sind heilige Orte. MacGregor erzählt von Newgrange. Dort, knapp fünfzig Kilometer nördlich von Dublin, wurde vor 5000 Jahren eine Grabanlage so gebaut, dass an jedem 21. Dezember um 8.58 Uhr der erste Sonnenstrahl der Wintersonnenwende sie erreicht. „Er wandert einen Gang entlang, der von großen Megalithen gesäumt ist, ehe er in die gewölbte Kammer tief in diesem Hügelgrab eindringt und die hintere Felswand erleuchtet, wo einst die Toten begraben wurden. Siebzehn Minuten lang erhellt dieser schmale Sonnenstrahl das unterirdische Grabmal. Das Sonnenlicht kommt zu den Toten. Himmel und Erde treten mit einander in Verbindung.“

Darum geht es immer und überall. Interessant ist, dass in der christlichen Tradition, der beim Abendmahl gereichte Leib Christi, in dem sich ja himmlischer Gott und irdischer Mensch verbinden, nicht als Himmel und Erde bezeichnet wird. Dieser Name ist dagegen einem Gericht aus Kartoffelpüree und Apfelmus vorbehalten. Hier kommen – fromm oder spöttisch oder beides– Erd- und Paradiesapfel zusammen auf den Tisch. Auch das ist eine Religionsgeschichte.

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