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Ulla Hahn: „Tage in Vitopia“ – Die Visionen des Eichhörnchens

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Von: Björn Hayer

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Die Lyrikerin Ulla Hahn, diesmal als fröhliche Utopistin. Foto: Julia Braun
Die Lyrikerin Ulla Hahn, diesmal als fröhliche Utopistin. Foto: Julia Braun © Julia Braun

„Tage in Vitopia“: Auf Klimawandel und Massentierhaltung reagiert Ulla Hahn mit einem herrlich utopischen Roman, der sich als Buch der Stunde liest.

Er ist laut, er ist kompromisslos, und er ist gänzlich unverblümt: Ulla Hans neuer Roman „Tage in Vitopia“, in dem sich all die vom Kapitalismus ausgebeuteten Tiere Gehör verschaffen. So klagen etwa die Schweine aus der Mast ihre Peiniger als „Mörder“, „Schlächter“, „Kinderfresser“ an, derweil spricht ein Huhn von der „Legehölle“, bevor zuletzt die Vierbeiner aus dem Versuchslabor mit grauenhaften Geschichten über Katzen mit implantierten Elektroden und Goldfischen mit Stiften im Hirn aufwarten.

Artikulieren können sie ihre Belange auf einem speziesübergreifenden Kongress am Ende des Regenbogens. Gemeinsam mit den Menschen kommen sie im „Paradiesgarten 2.0“, genauer verortet im Amphitheater Epidauros, zusammen und haben sich nicht mehr und nicht weniger als die Rettung der Welt auf die Fahnen geschrieben. Klimaneutralität und eine alle Arten einbeziehende Ordnung des Respekts gehören zu den hehren Zielen eines äußerst bunten Konvents, in dem nicht nur humane mit animalen Lebewesen ins demokratische Gespräch gelangen, sondern ebenfalls die Lebenden mit den Toten sowie reale und mythischen Persönlichkeiten. Noah trifft auf die Mutter der Natur, Gaia, und den Wagnerschen Gott Wotan, ebenso mit von der Partie sind Figuren wie Immanuel Kant, Heinrich von Kleist, Franz von Assisi oder Tommaso Campanella und Francis Bacon.

Gerade die Werke von letzteren, also „Der Sonnenstaat“ (1623) und „Nova Atlantis“ (1627), verdeutlichen, in welche Tradition sich die promovierte Germanistin und Bestsellerautorin mit ihrem schillernden Gedankenexperiment einschreibt. Aus der Idee, innerhalb eines literarischen Rahmens ideale Gesellschaften zu entwerfen, ist mit dem utopischen Roman eine ganz eigene Gattung entstanden. Hier werden zumeist vorbildliche Staaten skizziert – beispielhaft in Klassikern von Thomas Morus bis hin zu H. G. Wells –, stilistisch ist das häufig eher schlicht.

Ganz anders als in ihrer virtuosen Lyrik hat sich auch Ulla Hahn in „Tage in Vitopia“ für diese einfache Art der Darstellung entschieden. Auf ausgefeilte Metaphern und elegante Satzstrukturen zu verzichten, ist bei ihr sicherlich dem Ansinnen geschuldet, einen für viele verständlichen, literarischen Aktionsplan zu verfassen – zumal sie wie ihre literarischen Vorläufer immer wieder ihre Leserinnen und Leser direkt anspricht.

Darüber hinaus dürfte der Verzicht erzähltechnische Gründe haben. Denn geschildert wird uns der Kongress aus der Sicht des Eichhörnchens Wendelin, das natürlich nicht wie seine zweibeinigen Kompagnons reden soll. Da es erst gar nicht mehr zwischen den Spezies trennt, erfindet es daher – ganz im Sinne eines allgemeinen Gleichheitsansatzes – den Begriff der „Humanimals“.

Das Buch

Ulla Hahn: Tage in Vitopia. Roman.Penguin, München 2022. 256 Seiten, 24 Euro.

Was in den Vorträgen und Performances, Séancen und Defilees eingeleitet wird und eine neue Epoche inhaltlich ausgestalten soll, lautet in der Zusammenfassung so: Ein Ende des Tötens von Tieren, ein Ausbau regenerativer Energien, eine ethische Berücksichtigung von mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Individuen, mithin die Beendigung von Kriegen – auch durch ein (gewiss ironisch flankiertes) Einsetzen eines „Paxgenoms“, demnach einer friedensstiftenden Komponente in unserer DNA.

Tatsächlich gleicht diese Aufzählung und die mehrfach zu vernehmende Sehnsucht nach einer kosmischen Harmonie einem gigantischen Wunschkonzert. Doch eben mit seiner geradezu kindlichen Unschuld und Unvoreingenommenheit, mit seinem mutigen Geist des Aufbruchs liest sich „Tage in Vitopia“ als das Buch der Stunde, als ein vergnügliches Manifest der Dringlichkeit. Besonders erfrischend mutet dabei sein Optimismus inmitten allerorten entstehender Dystopien an.

Dazu zitiert Hahn konsequent Vordenker und Vordenkerinnen positiver Zukunftsvorstellungen. Sie reichen von Hölderlins utopischen, zum Fest mit den Göttern einladenden Naturlandschaften bis hin zu dem Monumentalwerk „Zoopolis“ (2013), mit dem die Tierethikerin Sue Donaldson und ihr Kollege Will Kymlicka das Panorama einer humane und animale Bürger integrierenden Zivilisation vorgelegt haben.

Sieht man von diesen Referenzen ab, mögen aber vor allem Musik und Poesie als Quell des Neuen fungieren. Immer wieder lässt die Autorin ihren Erzähler Aufrüttelungsverse dichten, immer wieder lassen orchestrierte Gesänge die Versammelten ihre Unterschiedlichkeit vergessen. „Eine Steigerung dieser Schönheit schafft Gemeinschaft, Miteinander“, so das Credo der berauschenden Veranstaltung, die sich in einer so nur selten in der zeitgenössischen Literatur vorzufindenden Feier der Freude ergeht.

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