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Ulla Hahn. Foto: Julia Braun
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Ulla Hahn.

Lyrik

Ulla Hahn: „stille trommeln“ – Wo die Träume wachsen

  • VonBjörn Hayer
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Endlich wieder die Sehnsucht: Die Gedichte in Ulla Hahns „stille trommeln“ erzählen von Liebe, Trost und Dankbarkeit.

Sie sind glanzvoll, leuchtend, voller Sentiment und Weisheit. Sie sind Gebete und Polaroids des Alltagslebens, Sehnsuchtsrufe und Bekenntnisse zur „Kernkraft der Liebe“ – wer den vielschichtigen Charakter von Ulla Hahns Gedichten auf den Punkt bringen will, dem genügt ein Wort: überwältigend! Studieren lässt sich dieser Eindruck an ihren neuen poetischen Miniaturen, die im Laufe der letzten zwanzig Jahre, begleitend zu ihren autobiografischen Romanen wie „Aufbruch“ (2009) oder „Wir werden erwartet“ (2017), entstanden und nun in dem Band „stille trommeln“ vorliegen.

Wir haben es mit einem Buch der Dankbarkeit zu tun: gegenüber dem Sonnenlicht, das auf die Rosen fällt, dem Regen zu der „Lilien / Auferstehung“, dem blauen Himmel, der als Spiegel der Seele dient, den Wurzeln, die den vereinzelten Bäumen zur Gemeinschaft verhelfen. Der Gesundheit gegenüber, der Liebe und immer wieder der Liebe. Und der Dankbarkeit dafür, dass es Gedichte gibt! Denn vor allem die Fragen, welchen hehren Zweck sie erfüllen und warum gerade sie uns so verlässlich durch schwere Tage tragen, stehen im Zentrum der Texte. Indem sie „den Himmel entrosten / und die Mauer einreißen / zwischen Ding und Wort“, überschreiten sie Grenzen. Wohl auch deswegen finden sich in den Versen immer wieder Lücken. Als Gedankenpausen sowie als Einladung zur Projektion und Imagination für Leser und Leserin.

Als besonders programmatisch erweist sich dabei das Poem „Durchblick“: „Traum von einem / Gedicht / so durch-sichtig so trans-parent / dass du durch es hindurch sehen kannst / und die Welt erkennst / und die Anders-Welt dahinter“. In unbekannte Gefilde vorzudringen, darin besteht die Ambition der Hahnschen, sichtlich vom Symbolismus der Jahrhundertwende inspirierten Ästhetik. Nur wen treffen wir dort? Mitunter die Toten. Ihnen leiht die Lyrikerin ihre Stimme. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, werden sie zudem in der Schrift gehalten. Gedichte sind für die promovierte Germanistin und Erfolgsautorin daher stets ein Ort des Bleibens, ein Raum der stillstehenden Zeit.

Das Buch

Ulla Hahn: stille trommeln. Penguin, München 2021. 208 Seiten, 20 Euro.

Aber eben nicht nur das. Denn die Verskunst der 1945 im Sauerland geborenen Schriftstellerin setzt insbesondere auch auf Bewegung. Sie pendelt zwischen Gegensätzen und verbindet unterschiedlichste Bereiche des Daseins. Hellhörig vernimmt man das „Lied vom Aufgang im Untergang / vom Tag in der Nacht Vom Wasser lernen wirs / vom Wasser lichthelle Tropfen Der / Lärm der Zeit versickert im Fluss“.

Ein solcher „Strom aus / Figuren Wörtern“, wie es in einem anderen Gedicht heißt, knüpft nicht zuletzt an die Poetik Friedrich Hölderlins an, dessen „Lebenslauf“ passenderweise zu Beginn des Buchs zitiert wird. Poesie versteht sich bei ihm als dialektischer, alle Gegensätze vereinender Prozess. Die Sprache wandert von der Erde zum Äther oder von der Gegenwart in die goldene Ära der Antike. Wohin sie in „stille trommeln“ führt, ist fast immer ungewiss. Die Miniaturen widersetzen sich trotz ihrer Klarheit und Ausdrucksschärfe schlichter Vereindeutigung. Angestrebt wird „das Schreiben / von dem was wir im Leben niemals fassen“. Nur in einem Zwischenraum, noch nicht erforscht und vermessen, hält sich wohl sein ewiges Rätsel, sein Wunder.

Allein dies Geheimnis ist fragil und droht von der Vergänglichkeit mitgerissen zu werden. Obgleich Hahn deswegen oftmals einen melancholischen Sound anstimmt, vermitteln ihre Verse Trost und Hoffnung. Im hohen, bisweilen priesterlichen Ton und mit einer unverbrauchten Bildlichkeit sucht sie in kleinen Gesten und Gebärden das existenzielle Moment. Ein nachmittägliches Ausruhen oder ein Blick auf den Garten durch das Fenster kann auf diese Weise zur Versöhnung mit sämtlichen Widrigkeiten beitragen. Mithin herrscht dann ein „Atemfrieden“.

Und wenn er sich noch nicht eingestellt hat, gilt der Appell, zu „Reisen dahin wo / die großen Träume wachsen“. Ulla Hahns Gedichte verstehen sich dafür als der denkbar beste Wegweiser. Er zeigt einen Lesepfad an, der bis zuletzt von andächtiger Schönheit zeugt.

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