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Uljana Wolf liest auf dem Lyrikmarkt 2015.
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Uljana Wolf liest auf dem Lyrikmarkt 2015.

„Etymologischer Gossip“

Uljana Wolf „Etymologischer Gossip“: Die Grenzen der Sprachen sind immer offen

  • VonMichael Braun
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„Etymologischer Gossip“: Die tollkühnen Wörter-Expeditionen von Uljana Wolf.

Unter der Weltzeituhr am Berliner Alexanderplatz hat vor vielen Jahren die Auseinandersetzung der Dichterin Uljana Wolf mit der Sprache begonnen. Sie versuchte damals als Schülerin ihr eben gelerntes Russisch anzuwenden und damit auf Passanten zuzugehen. Es war die Fremdheit der Sprache, die sie faszinierte, die körperliche Erfahrung von ungewohnten Sprachklängen, mit denen die Routine der Alltagssprache durchbrochen wird.

Diese Sensibilität für einen flirrenden polylingualen Zwischenraum, in dem sich die Grenzen des scheinbar selbstverständlichen Systems „Muttersprache“ auflösen, ist seither die elementare poetische Passion der 1979 in Ost-Berlin geborenen Schriftstellerin geblieben. In ihrem nach langer Verzögerung erschienenen Prosabuch „Etymologischer Gossip“, das Essays und Reden aus 13 Jahren versammelt, versucht Uljana Wolf nun ein eigenes Genre zu etablieren: den „Guessay“, der seinen Namen bei der englischen Vokabel „the guest“ (deutsch: „Gast“) borgt, um damit die Gastlichkeit zu betonen, die den Sprachexpeditionen der Autorin eigen ist. Es geht Wolf hier um ein multilinguales Spiel: um die Wanderungsbewegungen der Wörter, und damit auch um die eminent politischen Fragen der Einwanderung und der Migration.

Der Störfall in der Rede

Die Dichterin beobachtet als Übersetzerin die Wörter, wie sie zwischen dem Deutschen und dem Englischen, dem Polnischen oder Belarussischen hin und her fluktuieren. In Wolfs Verständnis von „Etymologischem Gossip“ haben die Sprachen dabei stets offene Grenzen. Das einst vom Philosophen Friedrich Schleiermacher etablierte Dogma, dass der Mensch sich für die Zugehörigkeit zu einer „Muttersprache“ entscheiden müsse, wird von ihr verworfen. Statt auf das obsolete Konzept „Muttersprache“ vertraut Wolf auf den Störfall in der Rede, auf die Erfahrung einer permanenten Unzugehörigkeit: „Dagegen inszeniert translinguales Schreiben als semiodiversity, als Vieldeutigkeit zwischen Sprachen, eine Form des Durch-Sprachen-Schreibens oder Schreibens am Rand, auf der Kippe, der Zungenspitze von Einzelsprachigkeit.“

Das Buch:

Uljana Wolf: Etymologischer Gossip. Essays und Reden. kookbooks, Berlin 2021. 232 Seiten, 22 Euro.

Ihre hochentwickelte Sprachempfindlichkeit hat Wolf zuletzt in ihrem Gedichtband „meine schönste lengevitch“ (2013) demonstriert, der schon als subtile Attacke auf die vermeintliche Ordnung der „Nationalsprachen“ angelegt war. „Etymologischer Gossip“, wie es nun der titelgebende Essay erläutert, ist als die wortarchäologische Grundoperation zu verstehen. Uljana Wolf fragt immer nach der Herkunft und der Klangverwandtschaft der Wörter, nach ihrer Geschichtlichkeit und der Beziehung zu benachbarten Wörtern. Immer wieder gelangt die Dichterin dabei an Grenzpunkte des Ästhetischen. In ihrem faszinierenden Essay „Ausweissen, Einschreiben“ denkt sie zum Beispiel über Strategien der Übermalung und Verkürzung von poetischen Texten nach.

Als Versuchsobjekt dient eine Übersetzung der portugiesischen Sonette der englischen Dichterin Elizabeth Barrett Browning, die einst Rainer Maria Rilke angefertigt hat. Die Rilke-Übersetzung hat Wolf mit einer ungewöhnlichen Prozedur bearbeitet. Sie verwandelte den Text mit Hilfe von Tipp-Ex, Tusche, Ausradierung oder Durchstreichung, bis neben vielen Strichen und Linien nur noch wenige Wörter oder Wortpartikel auf dem Papier zurückblieben. Die „Sonnets From the Portuguese“ („Sonette aus dem Portugiesischen“) werden durch die Technik der Weglassung und „Ausweissung“ zu „Sonne From Ort“ verkürzt. Und in den entstandenen Lücken, dem Weiß auf der ursprünglichen Textfläche, dem zwischen die Wörter gebauten Raum entsteht eine poetische Energie, die „zwischen Vandalismus und Wiedererweckung changiert“.

Lästergebete und Sprünge

Polylinguale Tollkühnheiten dieser Art, verknüpft mit überaus originellen Durchquerungen entlegenster Wortfelder, ziehen sich durch den gesamten Essayband. Uljana Wolf zelebriert ein Fest der Sprachbegeisterung, das getragen wird durch das entschlossene Nomadisieren zwischen den Sprachen. Als Vorbild fungieren dabei die Prosagedichte von Ilse Aichinger, der Wolf gleich drei Essays widmet. Wichtige Referenzpunkte sind auch die „Lästergebete“ der Christine Lavant und die „Lückensprünge“ der Deutsch-Amerikanerin Rosemarie Waldrop, aus denen die Dichterin Material bezieht für ihr Konzept einer widerständigen Sprachlogik.

An Aichingers Text „Galy Sad“ führt Wolf eindrucksvoll vor, wie sich aus winzigen Wort- und Bedeutungsverschiebungen ein jeweils eigener Sprachkosmos entwickeln kann. Hier wird die gemeinsame Grundüberzeugung sichtbar, die Ilse Aichingers und Uljana Wolfs Poetik verbindet: Damit die Wörter wieder zu sich selbst kommen können, müssen sie erst einmal fremd werden. Poesie ist ohne die Erfahrung dieser Fremdheit nicht zu haben.

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