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Uffa Jensen „Ein antisemitischer Doppelmord“: Der blinde Fleck

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Von: Pitt von Bebenburg

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Vor dem Haus von Frida Poeschke in der Nordstadt von Erlangen, wo der Doppelmord geschah.
Vor dem Haus von Frida Poeschke in der Nordstadt von Erlangen, wo der Doppelmord geschah. © picture alliance / dpa

Uffe Jensen beleuchtet den rechten Terror in Deutschland am Beispiel eine antisemitischen Doppelmords.

Der Rechtsterrorismus in Deutschland ist lange verharmlost worden. Unvorstellbar erschien den Ermittlungsbehörden noch in den 2000er Jahren, dass rechte Terroristen und Terroristinnen ihr rassistisches Mordwerk verrichten könnten. Täter oder Täterinnen wurden eher in der Umgebung der Opfer gesucht, etwa nach den Bluttaten des „Nationalsozialistischen Untergrunds“. Und der Hinweis des hessischen Verfassungsschutz-Chefs, dass der spätere Mörder des Regierungspräsidenten Walter Lübcke „brandgefährlich“ sei, führte in seiner eigenen Behörde nicht dazu, ihm besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

Dabei zieht sich die Blutspur rechtsextremer Mörderbanden schon seit Jahrzehnten durch die Republik. Darauf weist der Historiker Uffa Jensen in seinem aktuellen Buch hin, in dem – so der Untertitel – die „vergessene Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik“ zur Sprache kommt. Denn „das schlimmste Terrorjahr“ in der Geschichte des Landes war, wie Jensen hervorhebt, nicht etwa 1977, als die linksterroristische Rote Armee Fraktion im Deutschen Herbst sieben Menschen tötete, und auch nicht 2016, als ein islamistischer Terrorist auf dem Berliner Breitscheidplatz 13 Menschen ermordete. Das verhängnisvollste Terrorjahr war das Jahr 1980, als „zu oft vergessene Terroristen“ aus der extrem rechten Szene zuschlugen, wie Jensen feststellt, der stellvertretender Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der TU Berlin ist.

1980 war nicht nur das Jahr des Anschlags auf das Oktoberfest in München, bei dem der Rechtsextremist Gundolf Köhler zwölf Menschen tötete. Im gleichen Jahr wurden weitere tödliche Terrortaten von rechts begangen, wie der Historiker herausarbeitet. Einer davon, die selten Erwähnung findet, geht er besonders intensiv nach. Sie gibt dem Buch auch seinen nüchternen Titel: „Ein antisemitischer Doppelmord“.

Am 19. Dezember 1980 wurden der ehemalige Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Nürnbergs, Shlomo Lewin, und seine nichtjüdische Lebensgefährtin Frida Poeschke in ihrem Haus in Erlangen erschossen. Der Täter war ein Mitglied der Wehrsportgruppe Hoffmann, Uwe Behrendt, sein Motiv: Antisemitismus. Dies aber sei von den Zeitgenossinnen und -genossen ebenso wie von den Ermittlungsbehörden „nahezu komplett“ ignoriert worden, arbeitet Jensen heraus – ebenso wie die ideologische und praktische Beihilfe der rechten Freunde um Bandenführer Karl-Heinz Hoffmann.

Vieles, was er nachzeichnet, erinnert in der Tat an die Blindheit der ermittelnden Behörden nach den NSU-Morden. Polizei und Staatsanwaltschaft konzentrieren sich ganz auf das persönliche Umfeld des Paares und gehen auch noch mit ihren Spekulationen bei der Presse hausieren. Prompt fragt eine örtliche Tageszeitung in ihrer Überschrift, ob Lewin „in Geheimdienst-Machenschaften verstrickt“ gewesen sei. Von „Ungereimtheiten seines Lebenslaufes“ ist die Rede. Uffa Jensen gewinnt bei der Lektüre den Eindruck, Lewin werde als „gefährlich“ dargestellt, als ob seine vermeintlichen Verfehlungen die Tat rechtfertigten. Es ist die düstere Szenerie einer latent antisemitischen Gesellschaft.

Das Buch:

Uffa Jensen: Ein antisemitischer Doppelmord. Suhrkamp Verlag, Berlin 2022.316 S., 24 Euro.

Fehlerhaft und schleppend verlaufen auch die Ermittlungen. Nach einem Mammutprozess fällt 1986 das Urteil. Wehrsport-Leiter Hoffmann, ein bekennender Neonazi, und seine Lebensgefährtin werden nicht für den Erlanger Doppelmord belangt, sondern wegen anderer Straftaten. Für die deutsche Justiz ist Gefolgsmann Behrendt allein für die Tat verantwortlich. Der allerdings hat schon fünf Jahre zuvor Suizid begangen. So wird niemand für die antisemitisch motivierte Tat verurteilt.

Dabei hatte der Anführer zusammen mit Behrendt ein Modell der Tatwaffe so bearbeitet, dass sie einsatzfähig wurde. „Nach der Tat half Hoffmann Behrendt bei der Vertuschung und bei der Flucht nach Beirut“, schreibt Jensen. Der Mörder sei sogar in der Hierarchie befördert worden und „zum wichtigsten Folterknecht im Libanon“ geworden, wo die Wehrsportgruppe sich militärisch ausbilden ließ und Drecksarbeit für die PLO verrichtete.

Neu aufgerollt wurde der Fall nach der Aufdeckung des NSU im November 2012. Doch die bayerische Justiz konnte „keine neuen Ermittlungsansätze“ finden. Uffa Jensen ist jedoch sicher: Unter anderen Umständen wäre „ein anderes Urteil wahrscheinlich“ gewesen. Zu viele Indizien sprechen aus seiner Sicht dafür, dass es „Ermittlungspannen, politische Fehleinschätzungen und einen Mangel an Aufklärungs- und Verfolgungswillen“ gegeben hat.

Ob dafür struktureller Antisemitismus verantwortlich war? Wahrscheinlich. Jensen geht es aber vor allem um die Folgen. Der Staat und seine Sicherheitsbehörden hätten es nicht geschafft, den Jüdinnen und Juden in Deutschland „durch sofortiges und entschlossenes Handeln ein erneuertes Gefühl der Sicherheit zu vermitteln“. Mit langfristigen Folgen: „Der Rechtsextremismus und -terrorismus verschwand in einem blinden Fleck des bundesrepublikanischen Gedächtnisses.“

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