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Übersetzer Alexander Kratochvil: „Die Zurückhaltung der großen Verlage gegenüber ukrainischer Literatur erstaunt mich schon“

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Von: Cornelia Geißler

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Walerjan Pidmohylnyj war 36 Jahre alt, als er erschossen wurde. Foto: Guggolz Verlag
Walerjan Pidmohylnyj war 36 Jahre alt, als er erschossen wurde. Foto: Guggolz Verlag © Guggolz Verlag

Übersetzer Alexander Kratochvil über Walerjan Pidmohylnyj und seinen Roman „Die Stadt“.

Herr Kratochvil, Walerjan Pidmohylnyjs „Die Stadt“ wird in der Ukraine in den Schulen gelesen. Wie ist er jetzt nach Deutschland gelangt?

Der unmittelbare Anlass war, dass es an der Humboldt-Universität ein Seminar zur ukrainischen und osteuropäischen literarischen Moderne gab, das Susanne Frank als Professorin initiiert hat. „Die Stadt“ gehörte als erster moderner urbanistischer ukrainischer Roman einfach dazu. Interessanterweise schrieb Pidmohylnyj nicht von Charkiw, das damals die Hauptstadt war, sondern von Kyjiw, der alten Metropole der Ukraine. Aber das Buch war nicht ins Deutsche übersetzt, was wir damals schade fanden.

Was heißt „wir“ in dem Fall?

Wir Teilnehmer, ich saß auch in dem Seminar. Ich bekam für das folgende Semester einen Lehrauftrag zur Theorie und Praxis des Übersetzens in der Slawistik. Die praktischen Beispiele habe ich dann aus diesem Roman genommen. Das bot sich auch deshalb an, weil es „Die Stadt“ in russischer und englischer Fassung gab, sodass man mit Vergleichen arbeiten konnte. Weil ein Semester nicht ausreicht, gab es dann noch eine Fortsetzung mit denen, die an dem Stoff und der Übersetzungsarbeit interessiert waren. Es blieben dann noch drei Leute übrig, mit denen ich es auch zu Ende bringen wollte – was nur möglich war, weil es der Guggolz-Verlag in Berlin auch veröffentlichen wollte.

Wie kommt es, dass so ein wichtiges Buch erst regelrecht entdeckt werden musste? Mit dem Krieg kann das ja noch nichts zu tun gehabt haben.

Ukrainische Literatur und Sprache fand bisher in der Slawistik so gut wie gar nicht statt. Das hat sich etwas mit dem Maidan und dem nachfolgenden Krieg geändert. Aber gezeigt hat sich das eher darin, dass Gastwissenschaftler eingeladen worden sind oder es Lehraufträge gab. Das ist eigentlich ein Unding: Es ist die zweitgrößte slawische Sprache, es ist das größte europäische Land. Aber man hat es nicht gesehen, weil man immer nur nach Russland guckte.

Kann der Roman heute helfen, etwas von den Argumenten zu entkräften, die für diesen Krieg aufgefahren werden? Putin zweifelt das Existenzrecht der Ukraine ja historisch an.

Das fängt damit an, dass der Autor Walerjan Pidmohylnyj aus dem Donbass stammt. Der Donbass ist eine alte ukrainische Kulturlandschaft, die erst zu Sowjetzeiten massiv russifiziert worden ist. Übrigens stammt auch der jetzt mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnete ukrainische Autor Serhij Zhadan aus dem Donbass.

Können Sie etwas zur „Ukrainisierung“ sagen, die in dem Roman wie ein Schlagwort auftaucht?

Kyjiw war seit Peter dem Großen eine imperiale russische Stadt, auch noch nach dem Ersten Weltkrieg. Dann aber gab es in den zwanziger Jahren eine Nationalitätenpolitik, die den Zusammenhalt der Sowjetunion stärken sollte, weil das Reich drohte auseinanderzufallen. Man wollte den Nationen in der Union der Sowjetrepubliken kulturelle und sprachliche Rechte zubilligen, um sie zu halten. Nach dem Ersten Weltkrieg entstanden in Mittel- und Osteuropa zahlreiche Staaten aus den Territorien ehemaliger Imperien. So gab es auch einen ukrainischen Staat zwischen 1917 und 1921. Die Ukrainisierung in der Sowjetunion bedeutete, dass es in der Presse, im Schulwesen, im gesamten öffentlichen Leben regelrechte Quoten gab, nach denen Ukrainisch zu fördern war. Und so sind junge Leute vom Land, die ukrainischsprachig waren, in die Städte geströmt. So einer ist der Stepan, der Held des Romans – und das hat auch mit Pidmohylnyjs eigener Biografie zu tun.

Walerjan Pidmohylnyj kam vom Land, schreibt als Vertreter der neuen Zeit einen ukrainischen Roman – wie kommt es, dass er 1937 im Gulag erschossen wurde?

Ende der zwanziger Jahre gab es einen Umschwung in der Politik: Im Zusammenhang mit der Kollektivierung der Landwirtschaft und der Industrialisierung wurde die Nationalitätenpolitik wieder sehr zurückgefahren und die Medien wurden gleichgeschaltet. Das Ukrainische war damit nicht verboten, aber einer, der das so prominent vertreten hat, passte dann nicht mehr in die Zeit.

Zur Person

Alexander Kratochvil, 1965 in München geboren, hat Slawistik, Osteuropageschichte und Germanistik in München, Freiburg, Brno und Lwiw studiert. Er schrieb seine Dissertation über ukrainische Literatur der 1920er Jahre und ist Lehrbeauftragter an der Humboldt-Universität zu Berlin. Er ist der Übersetzer der Werke von Oksana Sabuschko und Jurij Wynnytschuk.

Der Roman „Die Stadt“ von Walerjan Pidmohylnyj (1901-1937) erschien erstmals 1928 und gilt als Schlüsseltext für das Verständnis der ukrainischen Geschichte und Mentalität. Der Autor fiel dem stalinistischen Terror zum Opfer, das Buch, dessen Titelheldin die heutige Hauptstadt der Ukraine ist, Kiew, auf Ukrainisch Kyjiw, ist heute Schullektüre.

Die deutsche Übersetzung wurde von einem Quartett erstellt: Neben Kratochvil waren Lukas Joura, Jakob Wunderwald und Lina Zalitok beteiligt. „Die Stadt“ ist im Guggolz Verlag Berlinerschienen, 416 S., 26 Euro.

Was wurde ihm vorgeworfen?

Ihm wurde die Gründung und Leitung einer nationalistischen, terroristischen Literaturvereinigung vorgeworfen. In der Gleichschaltung des kulturellen Lebens gab es dann nur noch einen sowjetischen Schriftstellerverband. Andersdenkende wurden verfolgt, Verhaftungen und auch Erschießungen betrafen nicht nur Pidmohylnyj, sondern fast die gesamte ukrainische Intelligenz in der Zeit.

Der Roman spielt im Kiew des Jahres 1925. Hat die Stadt, die die Titelheldin ist, seither ihren Charakter behalten?

Nur zum Teil. Den Chreschtschatyk, diese Hauptstraße, wo der Held auch ein paar Mal in ein Café geht, gibt es zwar noch, aber er sieht ganz anders aus. Das Stadtzentrum wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört und dann wie viele andere mit diesen Stalinbauten hergerichtet. Was man erkennen kann, ist die hügelige Struktur der Stadt mit viel Grün, auch manche Denkmale und das Goldene Tor. Und Podil am Dnipro-Ufer, was in den zwanziger Jahren ziemlich heruntergekommen war, wurde inzwischen zu einem angesagten Ausgehviertel.

Weshalb schreiben Sie Dnipro und nicht Dnjepr, Kyjiw und nicht Kiew?

Die Ortsnamen und topografischen Bezeichnungen sind – überspitzt formuliert – ein Spiegelbild der Übernahme russischer oder sowjetischer Sicht durch Deutschland im 20. Jahrhundert. Dessen sollte man sich bewusst werden. Denn anders als bei Prag – Praha, Moskau – Moskwa, wo es sich sozusagen um deutsche Übersetzungen des entsprechenden Toponyms handelt, ist eben Kiew oder Dnjepr die russische Bezeichnung (und Übersetzung ins Deutsche) für einen ukrainischen Ort. Dann kann man doch lieber – wenn man jetzt so viel über Benennungsgerechtigkeit diskutiert – lieber den ukrainischen Namen verwenden, nämlich Kyjiw und Dnipro.

Was wissen Sie über das Schicksal des Buches „Die Stadt“?

Es stand in den Bibliotheken der Sowjetunion im Giftschrank. Auch noch, als Pidmohylnyj in der Tauwetterperiode rehabilitiert wurde. Erst 1991 konnte es wieder erscheinen.

Gibt es noch mehr von dem Autor zu entdecken? Er hatte ja nicht viel Zeit zum Schreiben.

Er war 36, als er erschossen wurde. Und er hat nicht nur selbst geschrieben und war Redakteur einer Zeitschrift, sondern hat auch französische Autoren ins Ukrainische übersetzt. Es gibt noch einen weiteren Großstadt-Roman von ihm, mit einer weiblichen Hauptfigur. Außerdem hat er mehrere erzählende und essayistische Texte über den Krieg und über die Anarchisten geschrieben.

Werden Sie jetzt überschüttet mit Anfragen, aus dem Ukrainischen zu übersetzen?

Da gibt es einiges. Aber es sind meistens kürzere Texte für Zeitungen. Ein Buch von einem jüngeren Autor, Artem Tschech, habe ich jetzt übersetzt, das erscheint im Herbst, „Nullpunkt“. Es ist ein fiktives Tagebuch über seine Zeit als Wehrpflichtiger bei Luhansk. Nun musste er wieder an die Front. Mich erstaunt schon, dass in den großen Verlagen viel Zurückhaltung gegenüber ukrainischer Literatur herrscht. Spätestens jetzt wäre der richtige Zeitpunkt, das zu ändern. So viele Frauen mit Kindern fliehen vor dem Krieg hierher, die werden zum Teil auch bleiben: Es wäre gut, sie über die Literatur besser zu verstehen und nicht weiter den Stereotypen zu vertrauen, die durch die russische Brille verbreitet wurden.

Interview: Cornelia Geißler

Alexander Kratochvil. Foto: privat
Alexander Kratochvil. Foto: privat © privat

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