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Der Überlebende von Pompeji

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Auf Vorgänge und Handlungen in Pompeji – hier ein Fresco aus einem öffentlichen Bad – kommt der Roman immer wieder zu sprechen.
Auf Vorgänge und Handlungen in Pompeji – hier ein Fresco aus einem öffentlichen Bad – kommt der Roman immer wieder zu sprechen. © rtr

Bodo Kirchhoff setzt den Erzähler seines neuen Beziehungsromans „Verlangen und Melancholie“ dem Unglück aus.

Der Brief mit der pantherschwarzen Umrandung – so der Erzähler und Tierfilmliebhaber –, erreicht diesen bereits unten auf der ersten Seite, bleibt aber über Hunderte Seiten ungeöffnet. Das ist beunruhigend, man nimmt es vielleicht aber trotzdem nicht ernst genug, so dass es dann buchstäblich erschreckend ist, wie wenig sich der Mann, der nun also über Hunderte Seiten erzählt und erzählt hat, über die Nachricht wundert. Angesichts eines Inhalts, den man kolportagehaft nennen müsste, wenn es Bodo Kirchhoff in seinem neuen Roman „Verlangen und Melancholie“ nicht verblüffend beiläufig gelingen würde, kühle Glaubwürdigkeit herzustellen.

Sie besteht in der Figur des Erzählers, dessen Offenherzigkeit anzuzweifeln ist, der zugleich aber – eine Spezialität Kirchhoffs, sobald er die Ebene des ausschließlich Typisierten verlässt – jemanden darstellt, der sich ohne weiteres im entfernteren Bekanntenkreis tummeln könnte. Nicht nur, weil es sich um einen Kulturredakteur a. D. des Regionalteils der FAZ handelt. Ein entfernterer Bekannter wäre das, den man nicht unbedingt mag, an dessen Existenz aber kein Zweifel ist.

Die Glaubwürdigkeit besteht außerdem darin, dass plastisch wird, wie ein Mensch sich unter Umständen nicht auf der Höhe des Unglücks bewegen kann, das ihn umgibt und ihm widerfährt. Und wie ein Mensch viel sagen und noch mehr verschweigen kann. Obwohl sich doch Etliches enthüllt, manches darunter, das unter „Schuld“ einzuordnen wäre. In gewisser Hinsicht ist „Verlangen und Melancholie“ ein Buch der widerstrebenden Enthüllungen, der widerstrebenden Gefühle ohnehin, wie schon der Titel ansagt. Auch wenn es eine Enthüllung zu viel sein mag, so leuchtet ein, dass Kirchhoff seinen kleinen Ex-Redakteur, Hinrich sein Name, einer außerordentlichen Wucht aussetzen will.

Im Zentrum dieser Wucht steht der Suizid von Hinrichs Frau. Das ist inzwischen bald zehn Jahre her, trotzdem kann die Geschichte für den Witwer nicht abgeschlossen sein. Nach und nach zeigt sich auch uns, dass Irene schwere Depressionen hatte, auch zeigt sich, dass der Erzähler damit nicht fertig werden konnte. Tatsächlich ist Hinrich ein reflektierterer Verwandter von Darius Kopp und „Melancholie und Verlangen“ eine Variante des Themas, das Buchpreisträgerin Terézia Mora in ihrem Roman „Das Ungeheuer“ aufgegriffen hat. Der Vergleich macht deutlich, wie sehr Kirchhoff auf Virtuosität verzichtet, wie wenig wir über Irene erfahren, wie beharrlich der Autor sich auf eine Erzählerfigur einlässt, die interessant ist, weil sie uninteressant ist.

Erregung und Atemlosigkeit

Hinrich ist ein gebildeter Mann, aber seine Bildung ist von Rechthaberei schwer zu unterscheiden. Man ist schon dankbar, dass er nicht direkt sagt, früher sei alles besser gewesen: in der Kultur, im Kulturjournalismus (inklusive einiger Sottisen gegen das überregionale FAZ-Feuilleton, „im Grunde taten sie mir leid in ihrer ewigen Erregung und Atemlosigkeit“), in der Stadt Frankfurt. Indirekt sagt er es aber und stellt sein Licht bei der Erfindung eines erfolgreichen Edersee-Kulturpreises nicht unter den Scheffel. Auch das ist höchst authentisch, zumal mit Blick auf Journalisten, die lieber selbst im Kulturbetrieb mitmischen als über ihn zu schreiben.

Authentisch wie auch die Verzagtheit über die Schließung des Woolworth auf der Schweizer Straße, eine Verzagtheit, die „Verlangen und Melancholie“ zutiefst in Frankfurt verwurzelt und in den gelegentlich merkwürdigen Sorgen seiner Bewohner. Ironie, Bitterkeit, Verdruss, auch Komik sind nicht immer leicht zu unterscheiden und lockern die Rechthaberei ein wenig auf, wenn Hinrich auf die Welt schaut.

Während der Erzähler mit seinem modern nüchternen Enkelsohn einen gewissen Schwarzgeldtransfer aus der Schweiz vorbereitet, bespricht er mit dem Abiturienten kurz vorm Mündlichen ausgerechnet ethische Fragen zum richtigen und falschen Handeln. Während der Großvater von der Erinnerung an das körperliche Liebesglück gepackt ist, kuratiert die Tochter im fiktiven Frankfurter Museum für alte Kulturen eine Ausstellung über erotische Darstellungen in Pompeji und rechnet der Enkel flugs aus, dass die zu schmuggelnde Geldsumme größer ist, als gedacht. Fünf Kondome fehlen, um die eingerollten Scheine sicher in Marmeladengläsern zu versenken. Das sind feine Linien, ungeachtet dessen, ob es sich um Projektionen Hinrichs handelt, der seine Familie in Wirklichkeit nicht gut kennt.

Seine Trauer, seine Wohnung, sein Enkel

Dass Hinrich mit einer polnischen Woolworth-Kassiererin ein eigenartiges Verhältnis gepflegt hat, gehört zur insgesamt lebhaften Handlung. Hinrich schaut zurück, schreibt, als Redakteur nicht ohne Routine, über seine Trauer, seine Wohnung, das „Raumschiff der Trauer“, berichtet von Tochter und Enkel, der ihm den Sohn ersetzen muss, den er und Irene, so Hinrich, ersehnt haben. Wie jeder erfahrene Journalist hat er einen Hang zu Sentenzen, aber es sind gute darunter. „Jede echte Liebe beginnt bereits mit Liebe, nicht mit Sympathie oder Ähnlichem.“ Denn obwohl er viel erzählt, viel Beiläufiges auch, spricht er vor allem über Irene, vor allem über sich und Irene, vor allem über die Liebe. Er kommt wie von ungefähr darauf, auch wenn es bloß um Kassel geht, wo am Abend die documenta eröffnet wird, „das einzige Ereignis in der Region von Weltrang“ und leider nur alle paar Jahre, „aber die Liebe, das einzige Gefühl von Weltrang kommt ja noch seltener vor“.

Irene ist Übersetzerin aus dem Italienischen, sie scheitert an ihren Skrupeln, an ihrem Perfektionismus, an der Gleichmut des Betriebs. Sie macht immer ernst, auch ist sie Hinrich über, erstaunlich und nicht unraffiniert, dass der Leser es merkt, der Erzähler aber nicht. Italien ist, wie für Kirchhoff und wie in vielen Kirchhoff-Romanen, der regelmäßig besuchte Sehnsuchtsort, namentlich Pompeji, Kulminationspunkt größter Schönheit und Lebenszugewandtheit, umfassendsten Todes und rigorosester Zerstörung. „Ficken und Abschiednehmen war für Pompejis Frauen ein und dasselbe, sagte sie“, und da weiß man schon längst, dass Irene sonst nicht so redet. Und dass eine Frau, die so etwas in einer glücklichen Beziehung sagt, auf dem Sprung ist. Während er noch denkt, alles könnte wieder in Ordnung kommen und so weitergehen. „Irene und ich, wir hatten glückliche Zeiten, was nicht heißen muss, dass sie mit mir glücklich war. Aber sie war auch nicht unglücklich mit mir.“ Glasklar erkennt Kirchhoff übrigens, wie die Verzweiflung von Hinterbliebenen in dem Moment beginnt, in dem sie begreifen, dass sie das, was zuletzt passiert ist, mit dem Toten niemals werden besprechen können.

Ob das Ende versöhnlich, befreiend oder resignativ ist, muss dahingestellt bleiben. Hinrichs Planungen dürften in ihrer Bescheidenheit denen eines Pompeji-Überlebenden entsprechen. Eines Menschen, der wirklich alles erlebt und gesehen hat und unlogischerweise trotzdem noch da ist. Kirchhoffs Erzählkonstrukt mag überfüllt wirken, aber es geht auf.

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