Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Was uns überleben wird

Noch leichter als Luft: Hans Magnus Enzensberger meditiert (nicht nur) über "Die Geschichte der Wolken"

Von Martin Lüdke

Ein neuer Gedichtband von Hans Magnus Enzensberger ist immer ein Ereignis. So auch der neueste: Die Geschichte der Wolken, eine fast schon wehmütige Betrachtung der Vergänglichkeit; eine Feier der Schönheit flüchtigster Gebilde. "Weiß der Himmel, wie sie es machen", fragt sich der Dichter und behauptet zugleich: "Meisterwerke" seien es, die spielend "Patinir und Tiepolo" übertreffen, "gewaltlos und einfallsreich". Ihre Archäologie sei "eine Wissenschaft für die Engel".

Die schneidende Stimme des Kritikers von einst klingt plötzlich erstaunlich sanft und mild. Sein Sarkasmus, der zuweilen schon zynisch klang, hört sich hier eher melancholisch an. Die Ironie scheint noch spielerischer. Nichts ist ernst gemeint, aber alles wird ernst genommen. Wieder einmal: ein Zeichen der Zeit. Enzensberger wusste eben immer schon, wo es lang geht. Und er weiß es immer noch. Seine Gedichte haben ihren diagnostischen Charakter behalten. Ihnen ist die deutsche Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg - als Erfahrung - eingeschrieben. Wie ein Spürhund nahm der Dichter die Witterung auf, stets die Nase im Wind, manchmal, schien es, auch sein Fähnlein. Doch Enzensberger wäre nicht Enzensberger, hätte er nicht immer genauestens kalkuliert. Er vertraute zwar oft seiner Intuition, doch er verließ sich nie auf sie. Mit analytischem Verstand, mit logischer Stringenz und seinem seismographischen Gespür für sich andeutende Entwicklungen las er an den sinnlichen Erscheinungen die soziale Bedeutung ab.

Die Abfolge seiner Gedichtbände beschreibt die Mentalitätsgeschichte unserer Republik. Dabei sei er immer, von der Verteidigung der Wölfe, 1957, an, bis hin zu der jetzt erschienenen Geschichte der Wolken, 2003, also über ein halbes Jahrhundert, wie seine Bewunderer stolz verkünden, seiner Zeit voraus gewesen, wenn auch oft nur um ein Weniges. Doch hat er weniger die politischen Veränderungen, mehr ihre klimatischen Voraussetzungen beschrieben. An einem kurzen Regenschauer las er die Großwetterlage ab. Er ist nicht der Chronik der laufenden Ereignisse nachgelaufen. Er hat sich eher für den Wandel von Weltbildern interessiert. Das Fortschrittskonzept des 19. Jahrhunderts, das heute noch in mancher Sonntagsrede nachklingt, ließ er, mitsamt der Geschichtsphilosophie, die es umrahmte, in seinem Untergang der Titanic, man beachte, also bereits 1978, ein für allemal absaufen. Sicher, in den letzten Jahren ist es etwas ruhiger um den einstigen Unruhestifter geworden. Der zornige junge Mann geht mit festen Schritten, doch deutlich langsamer auf die fünfundsiebzig zu.

Er hat, kein Wunder bei dem Alter, einiges hinter sich und das, was er noch vor sich hat, nimmt immer überschaubarere Formen an. Sein Blick geht immer öfter zurück. "Dieser alte Mann", die "zerknitterte Frau" - "die waren doch auch einmal entflammt / (... ) außer sich, strahlend / vor Übermut, oder nicht?". Der einstige Zorn ist längst einer weisen Gelassenheit gewichen. Sein Spektrum ist weiter geworden. Er interessiert sich nicht nur für "WC-Reiniger", "Wunderkerzen- und Weihnachtsgeld", sondern auch für den "Mundgeruch" und den "Amtsarzt", ja auch schon für die "letzte Ölung".

Der junge Dandy von einst - weißer Leinenanzug, Strohhut, weltmännische Eloquenz, wie ihn noch Hans Werner Richter, der legendäre Chef der Gruppe 47 leicht süffisant beschreibt - bleibt dennoch erkennbar. Es ist die Attitüde, die sich kaum verändert hat: die souveräne, etwas herrische Eleganz. Halb Dandy, halb Snob. Auch wenn er sich heute, im Angesicht kosmischer Weiten, weniger erhaben, sondern eher etwas klein vorkommt. "Das meiste, / fast alles, wäre auch ohne uns da." Die neue Bescheidenheit darf eben nicht ganz ernst genommen werden. Er ist der Spieler geblieben. Und er versteht sich, nach wie vor, auf Inszenierungen: Hans Magnus Enzensberger = HME.

Groß stand er da einst, schlank, spitzbübisch selbstbewusst, scheinbar nur mühsam beherrscht, mit geballten Fäusten, zähneknirschend. Er gab sich zornig, ohne die Contenance zu verlieren. Schon seine "Geburtsanzeige" glich einer Kampfansage: "Wenn dieses Bündel auf die Welt geworfen wird / die Windeln sind noch nicht einmal gesäumt / der Pfarrer nimmt das Trinkgeld eh er's tauft / doch seine Träume sind längst ausgeträumt / es ist verraten und verkauft". Das ist lang her. Das war 1957, in seiner ersten Gedichtsammlung Verteidigung der Wölfe. Sie wirkte wie ein Paukenschlag. Viele seiner Zeitgenossen spürten in seinen Versen schon das erste Grummeln künftiger Veränderungen, oft allerdings erst im Nachhinein.

Von diesen frühen Gedichten ist es nur ein kurzer Weg zum Kursbuch gewesen, das Enzensberger dann begründet hat. Und ein konsequenter. Sein Leben lang ist er ein Diagnostiker geblieben. Wenn er früher "Ich" sagte, meinte er den je gegenwärtigen Stand von Subjektivität. Er hielt sich fern von aller Moral. Und Moralisten durften bestenfalls auf milde Ironie hoffen, meist traf sie sein bitterer Hohn. Dabei hat er selbst erkennbar hinzugelernt. Der Antifaschismus, den er in den späten Fünfzigern der jungen Bundesrepublik bekundete, war noch ästhetisch begründet, nicht politisch. Boshafter gesagt: es war noch der snobistische Ekel vor den "braunen Horden". In seiner Absage an den "Mann in der Trambahn" klingt dieser elitäre, großbürgerliche Dünkel nach, dem die Nazis schlicht zu vulgär erschienen. "Du riechst nicht gut. / Dich gibt's zu oft." Er sieht in dem einfachen Mitläufer den möglichen Mörder. Er sieht allerdings auch, Kollege Thomas Mann lässt freundlich grüßen, bei allen feinen Unterschieden, die "fleckige Hand" seines "stinkenden Bruders", will heißen: das Gemeine, im Wortsinn. HME hat halt immer schon auf die Nuancen geachtet, und seine Leser sind gut beraten, es ihm darin nachzutun. "Wenn du einen triffst, / der gescheiter ist oder dümmer als du - / mach dir nichts draus. / (...) Sieben Grad Celsius mehr / oder weniger auf dem Thermometer - / schon wärst du nicht mehr zu retten."

Erkennbar, ein weiter Weg: Vom snobistischen Antifaschismus zur radikalen Kulturkritik, vom "Genossen" der Neuen Linken bis hin zum Archäologen unserer Kulturgeschichte, vom schrillen Engagement bis zur stillen Kontemplation, vom zynisch angerauten Sarkasmus bis zur milden Melancholie. Vom politischen Pamphlet bis zu den letzten Fragen der Metaphysik. Er hat oft genug das Maul weit aufgerissen, doch immer auf jedes Wort geachtet. Er hat oft laut aufgeschrieen, aber zugleich gezwinkert. Das haben ihm viele seiner (Weg-)Genossen übel genommen. Wenn sie sich hoffnungslos verrannt hatten, war er längst durch das Hintertürchen, das er sich immer offen ließ, nicht selten graziös, entschlüpft. Den Wettlauf zwischen Hasen und Igel könnte er erfunden haben. Trickreich, weise, klug, wer mag das entscheiden?

Immer, wenn es ernst wurde, hat er sich als Bote verkleidet, der für seine Nachricht nicht verantwortlich gemacht werden kann. "Eskapismus", diesen Vorwurf hat er als "Der fliegende Robert", allen seinen "Neidhammeln" elegant zurückgespielt: "Was denn sonst" - "bei diesem Sauwetter". Ganz unbeschädigt ist der politische Kämpe Enzensbergers aus den politischen Kämpfen der späten sechziger Jahre aber doch nicht herausgekommen. Nur klüger: "Eine schwache Erinnerung" (1980) war ihm stets geblieben. "Bei unseren Debatten, Genossen, / kommt es mir manchmal so vor / als hätten wir etwas vergessen." Nicht "Feind", "Linie", "Ziel". "Wenn wir es nie gewusst hätten / gäbe es keinen Kampf. / Fragt mich nicht was es ist. / Ich weiß nicht wie es heißt. / Ich weiß nur noch / daß es das Wichtigste ist / was wir vergessen haben."

Spuren dieses weiten Wegs, den HME unterdessen zurückgelegt hat, lassen sich in jedem seiner jüngeren Gedichtbände, ob Kiosk (1995) oder Leichter als Luft (1999) und vor allem jetzt in der Geschichte der Wolken deutlich erkennen. Wenn er heute "Ich" sagt, spricht tatsächlich ein alternder Mann zu uns, der die Vergänglichkeit des Lebens am eigenen Leib erfährt und über die Vergeblichkeit seiner Mühen nachsinnt. Hinter dem lyrischen Ich tritt, deutlicher als je zuvor, die Person des Dichters hervor. "Es ist nur ein Hauch, / der dich mehr berührt / als die Berührung, / und daß du nicht weißt warum / ist vielleicht das Glück."

Der neue Gedichtband präsentiert uns tatsächlich noch einmal den ganzen "alten" Enzensberger. Gerade deshalb sollte man den neuen Band zusammen mit einer Auswahl seiner Gedichte aus den Jahren 1950 bis 2000 lesen (als Suhrkamp Taschenbuch vorliegend). Die "Energiefelder", die seine Verse speisen, sind dieselben geblieben. Oft auch die Haltung. Man sieht den alten Mann und hört die junge Stimme. Gerade in Gedichten wie "Allerhand Ärger", man könnte eine Reaktion auf Robert Gernhardt vermuten, zeigt sich nur der junge HME: "Ein Schritt genügt, schon löst sich die Lawine." Nur wird jetzt endgültig die Kreisbewegung erkennbar. Anspruchsvoller ließe sich auch von einer fortwährenden Dialektik sprechen, allerdings der im Stillstand. "Was denkt der Regisseur, verzieht er keine Miene? / Nur keine Angstlust, sagt er, keine Panikmache! / Und er stellt fest: Das alles ist Routine." Benn und Brecht sind Enzensbergers lyrische Vorfahren. Doch hat er diesen Horizont beträchtlich erweitert. Er hat sich die klassische Moderne angeeignet und sie weiter entwickelt. Er hat sich schon immer ("Mausoleum", 1975) für die Probleme der Mathematik und der modernen Logik, ebenso für die Ergebnisse der Naturwissenschaften interessiert, auch, als einer der ersten, die Einsichten der Chaos-Theorie popularisiert, die Wissenschaftsgeschichte im Auge behalten und auf diese Weise die beschränkte Reichweite klassisch humanistischer Bildung überschritten. Deshalb ist in seinen Gedichten von "Quellcodes" und "Interferenz" die Rede. Deshalb kommen "Virologen" vor und, zum Glück, nur ein "Uteruslöffel", dazu "Tabernakel" und der "Hades", wenn auch leider als "Rolltreppe".

Die Bildung, die hier, zuweilen etwas selbstgefällig, ausgestellt wird, darf nicht als Selbstzweck verkannt werden. Sie umschreibt vielmehr den Erfahrungshorizont, auf den sich der "Dichter" beziehen kann. Intuition und Reflexion führt hier, in glücklichen Fällen, zu dem Resultat, das seine "Neidhammel" auf den Plan gerufen hat: nämlich zu einer Art diagnostischer beziehungsweise prognostischer Fähigkeit. In weniger glücklichen Fällen, etwa dort, wo er sich in der Aufzählung der "Instrumente", etwa "Augenschere, Marknagel, Blasensprenger" erschöpft, zeigen sich zugleich die Ermüdungserscheinungen seines Repertoires. Enzensberger hat die klassische Moderne hinter sich gelassen. Doch er bedient sich nach wie vor ihrer Mittel. Andere stehen ihm nicht zur Verfügung. Natürlich weiß er das. Doch es (be)kümmert ihn nicht. Er hat jetzt andere Sorgen. "Die Geschichte der Wolken", ein Zyklus aus zwölf Gedichten, der dem ganzen Band den Titel gegeben hat, gehört gewiss zu den schönsten Gedichten, die er je geschrieben hat. Auch deshalb, weil sie sich als ein Stück seiner Autobiographie lesen lassen. Leicht, ganz locker, spielerisch wie die Gebilde selbst, die er in seiner Flüchtigkeit festhalten will, eine Lobrede auf jene "Spezies / vergänglich, doch älter als unsereiner. / Nur daß sie uns überleben wird / um ein paar Millionen Jahre / hin oder her, steht fest."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare