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Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff.

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Überfälliger Blumenstrauß: Katharina Wagenbach-Wolff zum 90.

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Katharina Wagenbach-Wolff, langjährige Verlegerin der „Friedenauer Presse“, feiert am Freitag ihren 90. Geburtstag.

Vierunddreißig Jahre lang leitete Katharina Wagenbach-Wolff die „Friedenauer Presse“, die sie in ihrer Wohnung in der Nähe des Berliner Savignyplatzes betrieb. Der Verlag veröffentlichte kleine Broschur-Bändchen, von denen einige zu meinen Lieblingsgeschenken gehörten. Ein dutzend Mal habe ich sicher jeweils Emilie de Chatelets „Rede vom Glück“, Denis Diderots „Gründe meinem alten Hausrock nachzutrauern“ und „Jean-Henri Fabres „Die Luft“ verschenkt.

Neben den Broschuren gab es auch dicke Bücher. Zum Beispiel die beiden Bände mit den Erzählungen und den Romanen von Alexander Puschkin oder Isaak Babels „Reiterarmee oder auch „Cechov. Erinnerungen eines Zeitgenossen“ von Ivan Bunin. Peter Urban betreute für die Verlegerin das russische Programm des Verlages übersetzte u.a. Babel, Charms, Cechov, Gogol, Goncarov, Puschkin. Horst Hussel illustrierte viele der Bände.

Wir Leser lieben Autoren oder lieben sie nicht. Wir machen uns selten Gedanken über die Verleger. Dabei hätte ich Madame de Chatelet ohne das kleine Bändchen mit ihrem Essay über das Glück wohl noch lange als nichts als die Freundin Voltaires in meinem Kopf bewahrt. Dabei kann man lange nach einem ähnlich klugen, menschlichen Text suchen. Wäre ich ein anständiger Mensch, ich hätte Katharina Wagenbach-Wolff allein dafür schon einen Blumenstrauß geschickt.

Ich fürchte, ich gehöre zu den vielen Lesern, die ihr niemals gedankt haben für die Freuden, die sie uns geschenkt hat. Dabei habe ich eine Ahnung von dem schwierigen Geschäft eines Verlegers, der das Handicap hat, Bücher zu lieben. Zum Beispiel Daniil Charms. Niemand veröffentlicht ihn, um Geld zu verdienen. Charms übersetzt und veröffentlicht man, weil man seinen Humor teilt oder weil man findet, dass es schade wäre, dem deutschen Publikum vorzuenthalten, wie man auch lachen kann.

Ich weiß nicht, ob die Verlegerin Katharina Wagenbach-Wolff jedes ihrer Bücher liebt oder doch liebte, als sie es herausbrachte. Ich wünsche mir eher, dass sie viele davon liebte, dass aber auch Titel darunter waren, bei denen sie sich wunderte, wieso Freunde, die sie sehr schätzte, so begeistert von ihnen sprachen. Mir gefällt die Vorstellung, dass sie nicht ihren „likes“ folgte, sondern sich anregen und verführen ließ. Gehört nicht genau das zu den Tugenden einer Verlegerin?

Katharina Wagenbach-Wolff war zwischen Büchern aufgewachsen. Ihr Urgroßvater Maurycy Wolff war im 19. Jahrhundert einer der größten Verleger Russlands gewesen. Ihre Eltern waren nach der Oktoberrevolution 1917 nach Berlin geflohen. Mit einem Compagnon eröffnete der Vater Andreas Wolff eine Leihbücherei. 1931 folgte „Wolffs Bücherei“. Hier wuchs sie auf. Wolffs Bücherei gibt es noch immer. 1954 heiratete Katharina Wolff den über seiner Kafka-Dissertation sitzenden, ein Jahr jüngeren Klaus Wagenbach. Zehn Jahre später gründeten sie zusammen den Verlag Klaus Wagenbach. Ein Jahr zuvor hatte ihr Vater die Friedenauer Presse gegründet. Nach der Trennung von Klaus Wagenbach reaktivierte Katharina Wagenbach-Wolff 1983 die Friedenauer Presse, die sie bis 2017 leitete. Heute macht das Friederike Jacob.

Ich weiß nicht, wie es der neunzigjährigen Katharina Wagenbach-Wolff geht. Vor zwanzig Jahren, als ich noch auf Parties ging, sah ich sie oft. Sie saß mit ihren weißen Haaren, den dunklen Augen, zierlich in einem Sessel, sprach intensiv mit ihrem Nachbarn. Nein, sie hörte zu. Ich habe sie vor allem als Zuhörerin in Erinnerung. Oft saß sie auch einfach nur da und betrachtete das Geschehen. Ich wünsche mir, dass sie noch immer mit so neugierigen Augen um sich schaut und aufhorcht, wenn sie etwas hört, das sie noch nicht gehört hat oder etwas, das alte Erinnerungen weckt, die weit hineinreichen in die Zeit vor ihrer Geburt.

Peter Urban brachte ihr die Autoren ihres Urgroßvaters oder doch dessen Zeitgenossen in den Verlag. Sie stand mit ihrem winzigen Verlag in einer großen Tradition, die sie reanimierte. Ja, beides: Sie reanimierte die Tradition, aber die Tradition schien auch sie zu reanimieren. Der Verlag wird sie Kräfte gekostet haben, aber er hat ihr auch Kraft gegeben. Ich glaube, das gesehen zu haben. Ich bewunderte das damals an ihr. Ich bewunderte auch ihr Schweigen. Jetzt bedaure ich, dass ich sie damals nicht befragt habe. Zu ihrem Bücherleben und zu dem ganz sicher nicht unerheblichen Rest. Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag!

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