Jagoda Marinic

Überall noch frauenbefreite Zonen

  • schließen

Jagoda Marinic spricht und diskutiert im Frankfurter Literaturhaus über ihr Buch „Sheroes“. Von Andrea Pollmeier.

Frauen brauchen mehr Redezeit. Im Fernsehen, im Parlament, am Küchentisch. Ihre heute sogar wieder abnehmende Präsenz hat möglicherweise, so die Autorin Jagoda Marinic, dazu beigetragen, dass die MeToo-Bewegung in Deutschland keine Wucht bekommen hat. In ihrem soeben im Fischer-Verlag erschienenen Buch „Sheroes“ fordert sie die männlichen und weiblichen Leser zu einem neuen Feminismus auf, der sich dialogbereit zeigt und die gemeinsamen Interessen betont.

Reden, damit meint Marinic nicht einseitiges selber reden. Bei der Buchpremiere im Literaturhaus Frankfurt lässt sie sich gleich von zwei Seiten – Nadja Erb und Viktor Funk aus der FR-Politikredaktion – befragen, später kommt das Publikum zu Wort. Auch im Buch folgt sie diesem offenen Konzept, das mit fünfzig Fragen endet.

Warum hat die MeToo-Bewegung in Deutschland keinen Aufstand entfacht? Wer glaubt, dies beweise, hier sei alles in Ordnung, sei blind, meint Jagoda Marinic. Allein ein Blick ins öffentlich-rechtliche Fernsehen zeige, wie viele frauenbefreite Zonen es dort noch gebe. Sie nennt Sendungen von Richard David Precht und Markus Lanz, aber auch Diskussionen, die von Frauen wie Anne Will oder Maybrit Illner moderiert werden, seien von Männern dominiert. Die Abwesenheit der Frauen falle nicht einmal auf, manchen ist sie sogar willkommen.

Diesen Mangel hat der alte Feminismus nicht beseitigt. Auch Jagoda Marinic hat sich von Emanzipationsbewegungen à la Alice Schwarzer zunächst ferngehalten. Erst, als die US-Schauspielerin Uma Thurman, die durch Quentin Tarantinos Filme „Pulp Fiction“ (1994) und „Kill Bill“ (2003) international bekannt geworden ist, öffentlich machte, wie sie bei Dreharbeiten real verletzt wurde, um als Superheldin wirkungsvoller zu sein, sei sie aufgewacht, erzählt Marinic. „Mädchen seien so konditioniert, Grausamkeit mit Liebe zu verwechseln,“ schreibt sie in ihrem Buch „Sheroes“. Frauen müssen jedoch anders geliebt werden, fordert sie. Die kämpfende Superheldin, die aus der Opferrolle tritt, sei wieder nur ein männliches Phantasiebild: Tarantinos Inszenierung von Weiblichkeit.

Die MeToo-Bewegung offenbart, was Frauen alles mit sich machen lassen. Sie haben zwar formal Gleichberechtigung erlangt und sind intellektuell emanzipiert, emotional folgen Männer und Frauen jedoch vielfach noch dem Rollenmodell der Steinzeit. Viktor Funk gibt an diesem Punkt der Diskussion den Advocatus Diaboli und fragt nach: „Warum soll ein Mann Interesse daran haben, diese gewohnten Pfade zu verlassen. Es könnte ihm danach ja viel schlechter gehen?“

Diese Sorge versucht Marinic mit dem Verweis auf Michelle und Barack Obama zu entkräften. Der Bestseller „Becoming“ zeige ein Beispiel, das für beide Seiten vorteilhaft sei. Auch weibliche Solidarität untereinander lasse sich lernen. Die Sängerin Beyoncé habe beispielsweise keine Angst, schöne Frauen als Tänzerinnen neben sich auf die Bühne zu stellen. Denn sie lebe in der Gewissheit: Schönheit wird miteinander addiert und nicht wechselseitig subtrahiert. Als Team strahlen am Ende alle miteinander stärker.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion