Über Stacheldraht und Stahlseile

Für ihr Schwarzbuch über die Festung Europa hat die österreichische Journalistin Corinna Milborn Schauplätze der Migration besucht

Von ANKE SCHWARZER

Festung Europa - noch vor wenigen Jahren galt diese Umschreibung europäischer Abschottungspolitik als Kampfbegriff, den nur wenige in den Mund nahmen. Mittlerweile ist er salonfähig geworden. Er steht nicht mehr nur auf den Flugschriften antirassistischer Gruppen, sondern betitelt Reportagen und Sachbücher. Corinna Milborn Buchtitel lautet Gestürmte Festung und verweist auf das tägliche Überwinden und Unterlaufen der Grenzen und Barrieren, um nach Europa zu gelangen oder dort bleiben zu dürfen. Seien es die Stacheldrahtzäune in Ceuta, seien es die strikten Aufenthaltsbestimmungen einzelner Staaten oder die unsichtbaren Mauern alltäglicher Diskriminierung von Einwanderern. Die österreichische Journalistin betont, dass nicht Europa, sondern die Festung gestürmt werde. Migration sei ein Phänomen, das stattfinde, ob man wolle oder nicht.

Die ungezählten Toten und die elenden Lebensverhältnisse, die die Abschottung der Europäischen Union produziert oder zumindest befördert, sind offenkundig geworden. Nicht zuletzt, weil Medien über umhertreibende Flüchtlingsschiffe im Mittelmeer berichten, über fast Ertrunkene an den Sandstränden Fuerteventuras oder über brennende Vororte von Paris. Die Autorin hat genau jene Kristallisationspunkte der Einwanderung aufgesucht, die bereits im Zentrum der Berichterstattung stehen: Ceuta in Nordafrika, die Gemüse-Treibhäuser im spanischen Almeria, europäische Metropolen wie Berlin, Wien, London und deren Ränder wie die östlich von Paris gelegene Stadt Montreuil-sous-Bois.

Dass sie genau diese Orte ausgewählt hat, ist schade. Es gibt zu viele Schauplätze der Migration, die nicht vom Licht der Medien-Scheinwerfer erhellt werden. Die Grenzen im Osten der Europäischen Union etwa, die von einem beträchtlichen Teil der Migranten überwunden werden und an denen sich Lager befinden, in denen abgefangene Menschen interniert werden. Unbeachtet bleiben auch die Grenzen und Abschiebelager in den Flughäfen in Frankfurt, Bukarest-Otopeni, Amsterdam-Schipol und anderen europäischen Großstädten.

Andererseits ist Milborns Hartnäckigkeit hervorzuheben, mit der sie an jenen bekannten Orten an die Arbeit ging und dabei weitere Details und Hintergründe zu Tage förderte. Von Grenzbeamten ließ sie sich nicht so schnell abwimmeln, scheute keine Wege und zeigte Ausdauer bei der Suche nach Informanten. Der Wert ihrer Reportagen besteht vor allem darin, dass sie den engen Kontakt mit Fluchthelfern, Migranten, Gettobewohnern und illegalisierten Arbeitern gesucht und ihnen Raum für deren verschiedenen Sichtweisen gegeben hat. Auch Reiner Riedlers Fotos dokumentieren die verborgenen Welten der Migration nach Europa in eindrücklicher Weise.

Akribisch beschreibt Milborn die Festung in Ceuta mit ihren sechs Meter hohen Stacheldrahtzäunen, Richtmikrofonen und den Stahlseilen, die vor der Sperranlage auf marokkanischem Boden gespannt werden: kreuz und quer, zur Grenze hin immer dichter werdend, damit sich die Flüchtlinge darin verfangen und die Guardia Civil Zeit gewinnt, um die neuen Wasserwerfer und Tränengas-Kanonen in Stellung zu bringen. Auch scharfe Munition und Gummigeschosse kommen zum Einsatz.

Der Mauerbau führe dazu, dass Europa seine eigenen Grundwerte verrate, argumentiert Milborn. Nicht nur, weil an den Außengrenzen und an den inneren Bruchlinien Menschenrechte verletzt würden. Vor allem werde der Grundsatz geopfert, auf dem die europäische Gesellschaft aufbaue: das Versprechen der Gleichheit und der sozialen Gerechtigkeit.

Zwar lässt sich darüber streiten - zumal angesichts der Geschichte europäischer Kolonialexpansion -, ob die "europäischen Werte" Ausbeutung und Ausgrenzung entgegenstehen oder sie gar befördern. Doch die Stärken des Buchs liegen sowieso weniger in dem hilflosen Verweis auf die "europäischen Werte", der zudem in einer reißerischen Sprache gefasst ist ("Europa ist ein Pulverfass, und die Zündschnur brennt"). Es sind die faktenreichen Reportagen, die Milborns Texte zu einem starken Buch machen, das aufrüttelt. Schonungslos schildert es die skandalösen Umstände von Flucht und Arbeitsmigration, dokumentiert die Beteiligung europäischer Staaten an rechtswidrigen Zurückweisungen, Ausbeutung und Tod von Migranten.

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