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Über Leibniz: Nur das Ganze ist das Wahre

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Von: Arno Widmann

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Gottfried Wilhelm Leibniz.
Gottfried Wilhelm Leibniz. © epd

Ein Leben, eine Welt in sieben Tagen: Michael Kempes grandioses Buch über Gottfried Wilhelm Leibniz.

Dieses Buch zu lesen, ist eine Lust: „Die beste aller möglichen Welten“. Es geht nicht um einen Alles-wird-gut-Optimismus. Der Untertitel lautet: „Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner Zeit“ Sieben Tage im Leben eines Mannes, der von 1646 bis 1716 ein Dutzend Leben gelebt hat.

Michael Kempe hat Leibniz’ vielfältige Tätigkeiten und Überlegungen beschrieben. Ich bin geneigt, ihm jede Silbe zu glauben. Kempe ist seit 2011 Leiter der Leibniz-Forschungsstelle der Akademie der Wissenschaften zu Göttingen beim Leibniz-Archiv der Gottfried Wilhelm Leibniz Bibliothek in Hannover. Ich habe diesen Amtstitel in seiner ganzen so barock anmutenden Umständlichkeit hier hineinkopiert. Er passt zu den Allonge-Perücken, unter denen wir Leibniz so oft verschwinden sehen. Er passt überhaupt nicht zu Kempes Buch. Es gibt in ihm keine einzige Stelle, die auch nur annähernd so vertrackt ist wie die Stellenbeschreibung des Autors.

Tag für Tag zeigt uns Kempe den Mathematiker, den Bergbau-Fachmann, den Metaphysiker, den Historiker, den Kenner Chinas, den Logiker, den Diplomaten, den Wissenschaftler, Erfinder und Projektemacher. Und immer wieder zeigt er, wie Leibniz das alles zusammenbrachte, nicht nur in ein Leben, ja in einen einzigen Tag, auf ein einziges Blatt Papier, sondern auch in seine Einsicht vom Zusammenhang der Welt. So schön die Einteilung in die sieben Schöpfungstage auch zu lesen ist, Kempe nutzt sie, um uns deutlich zu machen, wie für Leibniz alles mit allem zusammenhängt.

Die Infinitesimalrechnung ist zum Beispiel eine notwendige Konsequenz von Leibniz’ Blick auf die Welt. Die setzt sich zusammen aus winzigen, fensterlosen Monaden, also klar voneinander getrennten Elementen, die freilich keine Atome sind, sondern lebende Einheiten. Der Zusammenhang von allem und jedem ist kein fließendes Kontinuum, sondern das Resultat winziger Quantensprünge. Die Frage, wie sie miteinander zusammenhängen, wie sie aneinander hängen können, ist ein Rätsel. Für das Leibniz’ Wendung von der „prästabilierten Harmonie“ weniger eine Lösung als die deutliche Markierung des Problems ist.

Erst Evolutions- und Mutationstheorie halfen aus diesem Dilemma. Kempe zeigt, wie Leibniz immer einmal wieder an sie heran rückte, ohne den Schritt hinüber zu wagen: „Ich behaupte nicht, dass einige Spezies ausgestorben sind, obwohl ich mir nicht herausnehme zu sagen, dass dies absurd ist.“ Bis zur Leugnung der Schöpfungsgeschichte wäre Leibniz niemals gegangen. Immerhin aber notierte er einmal, niemand komme dem Schöpfergott so nahe wie ein Romanautor. Wie heißt es bei Thomas Mann? „So endigt die schöne Geschichte und Gotteserfindung von Joseph und seinen Brüdern.“

Ganz unironisch sind Natur und Welt für Leibniz undenkbar ohne einen Gott, der sie geschaffen hat und erhält. Das umfangreichste von ihm selbst veröffentlichte Werk sind die mehr als 600 Seiten „Theodizee“. Darin geht es freilich nicht um den Nachweis der Existenz Gottes, sondern den seiner – man gestatte mir den Ausdruck – moralischen Integrität.

Das Buch:

Michael Kempe: Die beste aller möglichen Welten. Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner Zeit. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2022. 300 S., 24 Euro.

Wie kann Gott eine Welt zulassen, in der der Gute leidet und der Böse triumphiert? Die Frage ist uralt. Schon das in der Mitte des ersten vorchristlichen Jahrtausends entstandene Buch Hiob verhandelt sie. Und die „Theologie nach Auschwitz“ wird nicht die letzte Etappe der Verhandlung dieser Frage sein. Michael Kempe schreibt: „Gott höchstpersönlich, darum dreht sich alles in der ‚Théodicée‘, wird vor den Richterstuhl der Vernunft zitiert und von Leibniz als dem besten aller möglichen Anwälte angeklagt, verteidigt und freigesprochen.“ Warum soll sie die beste aller möglichen Welten sein? Weil, so meint Kempe, Gott in Leibniz’ Augen es den Menschen freistellt, sie dazu zu machen.

Leibniz ist Graphomane. Er denkt nicht erst und schreibt dann nieder, was er nach sorgfältigem Abwägen von Für und Wider für richtig hält. Leibniz denkt schreibend. Das Für und Wider steht auf dem Papier, schaut ihn an und treibt ihn weiter. Sein erhaltener Nachlass umfasst 100 000 Blatt Papier. Nicht ordentlich geordnet, sondern immer wieder mischen sich auf einem Blatt Gedanken zu den unterschiedlichsten Themen: Physik, Geschichte, Mathematik, Theologie. Mittendrin eine Einkaufsliste.

Die Leibniz-Gesamtausgabe versucht die zusammengehörigen Passagen zusammenzubringen, Ordnung in diesen Papierberg zu bringen. Inzwischen aber gibt es eine weitere Aufgabe. Die moderne Technik macht sie möglich. Neben der Verwandlung des Chaos’ in Ordnung geht es jetzt auch um die Abbildung des Chaos’. Es wurde ein Computer entwickelt, der Leibniz’ Zettelwirtschaft digitalisiert und so zugänglich macht, dass man jetzt den Zettel kann Zettel sein lassen und doch die 100 000 durchhecheln kann, ohne auch nur einem einzigen ein Leids zu tun. In der „Neuen Zürcher Zeitung“ schrieb ein Journalist darüber: „Es entbehrt nicht der Ironie, dass die Leibniz-Fragmente mithilfe von jenen Computern zusammengestückelt werden, für die der Gelehrte vor drei Jahrhunderten selber die Grundlage schuf. Es war ja Leibniz, der das binäre Zahlensystem ersann, auf dem die heutige Informatik beruht.“

Leibniz war auch Diplomat. Er scheiterte übrigens gleich bei seiner ersten Mission. 1672 war er nach Paris geschickt worden, um den französischen König davon abzubringen, die Niederlande anzugreifen. Leibniz entwarf einen Ägyptenplan. Der König sollte weiterschauen und Ägypten erobern, um sich so Zugang zum Seeweg nach Indien zu verschaffen. Leibniz schlug ihm den Bau eines Kanals zwischen Mittelmeer und Rotem Meer vor, der allerdings erst 1869 als Suezkanal in Betrieb ging. 1672 aber hatte Ludwig XIV. die Niederlande bereits angegriffen, bevor es Leibniz gelungen war, seine Majestät über seine hochfahrenden Pläne zu informieren. Leibniz’ erfolgreicher Laufbahn als Diplomat tat das keinen Abbruch. Es gab Zeiten in seinem Leben, da war er gleichzeitig Geheimer Justizrat des hannoverschen Kurfürsten, des preußischen Königs und des russischen Zaren. Natürlich kam es immer wieder einmal zum Vorwurf der Spionage.

Leibniz dachte weiter im Weltmaßstab. Russland solle eine Brückenstellung einnehmen im Verkehr Europas mit China. „Was die europäischen Angelegenheiten betrifft. Sie sind in einer Verfassung, uns die Chinesen beneiden zu lassen“, schrieb er 1703. Leibniz war schon immer ein Anhänger der Globalisierung gewesen. Als er 1680 erfahren hatte, dass die niederländische Ost-Indien-Kompanie plante, auf Sumatra gold- und silberhaltige Erze abzubauen, schlug er Herzog Ernst August vor, das Erz in den Harz bringen zu lassen und dort zu verhütten. Auch dazu kam es nicht.

Leibniz entwickelte immer neue Pläne. Das war das, was man damals von einem tüchtigen Mann erwartete. Leibniz’ Zeitgenosse Daniel Defoe schrieb 1692, viele Wege führten ins Unglück, einer davon sei die Projektemacherei. Leibniz lebte in der besten aller möglichen Welten: Seine Projekte zahlten die anderen.

Es gibt in diesem fulminanten Buch eine auffällige, scheunentorgroße Lücke: Leibniz’ Liebesleben. Man kann sich nicht vorstellen, dass dieser großgewachsene, schlanke Mann, konversationserfahrene Mann, der sich für alles interessierte, ganz ohne Sex ausgekommen ist. Aber nirgends auch nur eine einzige Spermaspur. Es gibt die Abschnitte „Summer of Love“ und „Liebe und Geometrie“ in Kempes Buch. Ersterer fand 1702 auf Schloss Lützenburg statt. Er bestand aus langen Gesprächen mit der 35-jährigen preußischen Königin Sophie Charlotte. Nach ihr wurde Lützenburg später in Charlottenburg umbenannt. Nachts wurde getanzt. Es kam eine bunte Gesellschaft zusammen. Unter den Gästen befand sich auch der englische Aufklärer John Toland. Nach diesem Sommer schrieb er „Briefe an Serena“, sie waren an Sophie Charlotte gerichtet. Toland lehnte u.a. die Idee einer individuelle Unsterblichkeit ab, trat für die Gleichberechtigung der Juden und der Frauen ein.

Kempe betont zwar, Leibniz habe schreibend gedacht, aber er wird es auch sprechend getan haben. Vielleicht noch ungeschützter und freier. Von Liebesbeziehungen, von sexuellem Appetit gar berichtet uns Kempe an keiner Stelle. Ich kann mir nicht denken, wie jemand, der solch einen Hunger auf die Welt hatte, sich mit allem in Beziehung setzte, niemals jemanden begehrt haben kann. Was meint Kempe dazu? Ich werde ihn befragen.

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