A. L. Kennedy

Über die "Insel der Verrückten"

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Die britische Autorin A. L. Kennedy in deutsch-englischem Gespräch in der Frankfurter Romanfabrik.

Früher, sagt A. L. Kennedy, habe sie sich über das Klischee vom wütenden Schotten gewundert. In London habe sie dann begriffen, dass der Brite immer klagloser werde, umso weiter nach Süden man komme. Zweifellos befinde sich darum auch das Parlament nicht im Norden, sondern an einem Ort, an dem kaum Einwände zu erwarten seien. Sie habe sich gewundert, aber nicht unwohl gefühlt zwischen diesen gestressten, aber doch um Konfliktvermeidung bemühten Großstädtern, so die Schottin in der Frankfurter Romanfabrik. Dort stellte sie ihren neuen Roman „Süßes Leben“ (Hanser) vor und vermittelte einen herrlichen Eindruck davon, wie man ihr Buch (ihre Bücher) lesen sollte: mit Leichtigkeit und doch mit schwerem Herzen, denn Menschen geraten in arge Situationen und sind herumzappelnde Wesen und nicht direkt böse, aber nicht fähig, mit ihren guten Seiten viel anzufangen.

Beim Nachdenken über den Roman und erst recht beim Schreiben habe sich bereits abgezeichnet, dass „wir etwas sehr, sehr Dummes machen würden“, so die Brexit-Gegnerin. Das habe ihren Blick auf zwei Leute, die sich auf dieser „dummen Insel“ verlieben wollten, geprägt. Dieser „Insel der Verrückten“, so Kennedy auf Deutsch.

Im entspannten deutsch-englischen Gespräch mit Hans Jürgen Balmes zeigt sich aber nicht nur, dass „Süßer Ernst“ den geistigen Stand der britischen (europäischen, westlichen) Dinge reflektiert – die Unruhe und die Aufregung, die Verletzlichkeit und das schon wieder entwaffnende Um-sich-selbst-Kreiseln. Es kam auch zu Reflexionen über die Allgegenwart von Händen und Tieren im Roman: Händen, diesen unheimlich beweglichen Anhängseln, mit denen wir andere Menschen berühren können; Tieren, diesen Geschöpfen, zu denen auch wir gehören letztlich. Wer noch am Lesen war, konnte sich die Augen öffnen lassen. „Süßer Ernst“ begibt sich ja einerseits in die Weiten einer Millionenstadt, andererseits sind die Weiten einer Millionenstadt beengt. Das sei auch die Art von Filmen, die sie liebe, so Kennedy: Menschen in einem Lift, Menschen in einem Bötchen.

Kennedy selbst las auf Englisch, grandios, die Schilderung eines Sich-Betrinkens und des damit einhergehenden Glücksgefühls, der Selbstlüge, der Selbstüberhebung und des Absturzes. Auf Deutsch stellte Ingrid El-Sigai die wunderbare Beschreibung von der seltsamen Tätigkeit eines eigens dafür engagierten Liebesbriefschreibers vor. Einmal wöchentlich einen richtig erfreulichen Brief bekommen. Wie Kennedy mit Enge und Weite spielt, spielt sie mit Nähe und Distanz. Sehr britisch, nicht unvertraut.

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