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Der über das Eis gegangen ist

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In der DDR auffällig geworden, im Gefängnis die Welt gesehen, freigekauft, und nun auf Dauer zu Besuch in Frankfurt: Gerald Zschorsch legt mit "Torhäuser des Glücks" sein lyrisches Gesamtwerk vor

Von JAMAL TUSCHICK

Ihn hätte man 1989 zitieren können: "Und warten nah der Grenze/mit Lied und mit Gedicht/dass durch die vielen Strophen/die Mauer einmal bricht". "Grenzübertritt" heißt das Poem mit seinem naiven Hoffnungsüberschuss. Es wurde zuerst 1977 in Gerald Zschorschs lyrischem Debüt Glaubt bloß nicht dass ich traurig bin abgedruckt und erscheint nun wieder in der poetischen Gesamtschau Torhäuser des Glücks. Bündig sind die frühen Gedichte. Isoliert stehen sie da im Kanon der siebziger Jahre, dieser von Aufbruch und Restauration gleichermaßen bestimmten Dekade. Und doch auch wieder nicht so isoliert, um der einschlägigen, den Topos der Vereinzelung feiernden Legendenbildung Vorschub zu leisten.

Gerald Zschorsch widerspricht den poetischen Leitlinien der Ära nicht grundsätzlich. Er kennt die Anschlüsse. Die nachträgliche Betrachtung macht es einfach, das Innerlichkeitsmoment dieser Lyrik zu extrahieren und ebenso das, was sich aus Adaptionen damals junger amerikanischer Literatur ergab. Der Beat, die Revolte und das Rückzugsglück in den Winkeln einer bleiernen Zeit fanden ihren Niederschlag. Aber dazu kommt etwas Gravierendes: Zschorschs Interesse an der deutschen Frage aus der Perspektive eines Autors, der die Deutsche Demokratische Republik nicht aus freien Stücken verlassen hatte. Er war ausgebürgert worden. Der Vorgang meldete sich bei ihm als Verlust an. Hier zeigte er sich ganz ungeschützt, sozusagen mit aufgerissenem Hemd, und stand dabei Rudi Dutschke (der ihm einmal ein Nachwort lieferte) unwahrscheinlich nah. "Dutschke war Nationalrevolutionär", sagt Zschorsch.

Frei von Selbstdeutung

Er selbst ist davon weit entfernt, sich zu deuten. Einschlägige Verweise laufen bei ihm eher auf einen Namen hinaus als auf ein Zitat. Er bemühte sich um den kulturkonservativen Gerhard Nebel. Vielleicht erkennt er mit Nebel "in Freiheit und Entwurzelung" Keime, die im Gedanken aufgehen. Ich frage Zschorsch das nicht, in dem Westendcafé seiner Wahl. Er raucht, und sein Milchkaffee kommt als kleine Wanne an den Tisch. Sein Stil ist längst unbeschreiblich. Ihm fehlt die ursprüngliche Umgebung, eine andere Verteilung von Mangel und Überfluss als jetzt hier. Zschorschs Verbindlichkeiten stammen aus einer anderen Zeit, als der für sämtliche westdeutschen Nachkriegsgenerationen gültigen.

Er spricht sich als Hungerleider an. So oder so verweigert er den Ausblick nicht auf die zeitweise alimentierte Person, die er auch ist. Gerade daher aber rührt die Tapferkeit des Dichters, der nichts anderes sein will und vielleicht gar nichts anderes kann, sieht man davon ab, dass er malt. Der erste - und bleibende - Eindruck: Zschorsch stellt sich gegen die säkularisierte Welt, ohne sie zu verneinen. Sie passt ihm einfach nicht. Erschwerend kommt hinzu, dass er sich nicht mit Psychologie verständigt. Das Lakonische ist sein Element und das Drakonische auch. Besser als andere weiß er, was es heißt, fühlen zu müssen, weil man nicht hören wollte.

Als juveniler Propagandist eines Sozialismus mit menschlichem Antlitz (von einem Glauben daran, kann heute keine Rede mehr sein), saß der 1951 im voigtländischen Elsterberg als Sohn eines Diplomaten und einer Staatsanwältin auf die Welt gekommene Zschorsch ein in einem Jugendgefängnis der DDR. Die Eltern sagten sich von ihm notariell los. Eines seiner schönsten Gedichte, "Die Kettenburg", handelt vom Ort der Haft. In der Kettenburg lernte Zschorsch die Hackordnung kennen. Einst Herrensitz derer von Tonna, einem thüringischen Geschlecht, war der Bau schon gut und gern hundert Jahre lang ein Knast, als sich Zschorsch im Alter von siebzehn Jahren zu fünfhundert Knaben verfügte, oft mit langen Karrieren in den Heimen und Besserungshäusern des anderen Deutschlands. "Die ganze Kettenburg stank nach Sperma". Im infernalischen Kern des Geschehens herrschte das Faustrecht. Die amtliche Aufsicht überließ die Aufrechterhaltung der Ordnung einer ungeratenen und unbelehrten Kraft. Einer wurde, tatsächlich mit kameradschaftlichen Absichten, beim Selbstmord unterstützt. Den feuerte man an, während er sich den Kopf an gusseisernen Heizkörpern einrannte, bis der Schädel "wie ein Kürbis platzte".

Ich stelle mir Prosta, den kapitalsten Platzhirschen zu Zschorschs Zeit in der Kettenburg, charismatischer vor als der Dichter ihn mir vor Augen führt, mit seiner lustigen Wucht. Zwei, dreimal frage ich vergeblich nach Raffinesse im Reglement: Es gab keine Raffinesse, nur die erprobte Einfallslosigkeit, mit der Prosta die Karte seiner enormen Physis spielte. Der gefangene Zschorsch half sich mit Briefen, die er für solche schrieb, die zum Lernen nie gekommen waren. Nach sechzig Monaten kaufte ihn die Bundesrepublik frei, bis jetzt weiß Zschorsch nicht, wieso.

Immerhin weiß er inzwischen, dass Mielke persönlich eine zum Lachen paranoide Notiz über ihn verfasste, mit der Zschorsch als Überzeugungstäter und "sehr gefährlich" zu einer Bedeutung kam, die er in der gesamtdeutschen Kultur bestimmt nicht mehr erlangen wird. In dieser Sphäre bleibt er aus anderen Gründen auf der Strecke: Die Einsicht stimmt ihn heiter. Der Dreiundzwanzigjährige kam nach Gießen ins Auffanglager und blieb dort als Student der Philosophie. Er fing an zu veröffentlichen, noch ganz erschlagen vom Westen. Die DDR seiner Kindheit und Jugend ging ihm nach mit ihrem "Butzenzauber" und den vielen Gelegenheiten "zum geschlechtlichen Austausch" und "der Bedeutungslosigkeit von Geld". Von den gleichaltrigen Großköpfen der Siebziger-Ära wirklich eingenommen war er nur von Dutschke, der immer fror.

Dem Dutschke sah er was an

Dem habe man die ostdeutsche Herkunft angemerkt, "mit seinen drei Manchesterhosen übereinander". Dutschke badete gern, wo immer er war, das wurde ihm schließlich zum Verhängnis. Zschorsch erzählt die Geschichte genau so: der frierende Rudi auf der Suche nach der nächsten Wanne.

1979 kam Zschorsch als Stipendiat der Villa Massimo nach Rom. "Italien war die Rettung", sagt Zschorsch heute. In Italien wendet er sich vom Politischen ab und radikalisiert sich ästhetisch. Er geht schließlich nach Frankfurt, weil in Frankfurt der Verlag ist. Das sagt Zschorsch, als gäbe es keinen anderen als Suhrkamp, und so trifft es zu für ihn, obwohl er zunächst nur kurz dort war, eben mit Glaubt bloß nicht dass ich traurig bin, und dann auch noch mit Der Duft der anderen Haut und Klappmesser. Unseld legte Zschorsch nahe, das Haus zu verlassen, nachdem der Dichter bei einer Buchhändlerin mit einer "Ordnungsschelle" zu weit gegangen war, in den Begriffen des Verlegers. Nach achtzehn Jahren bei Klett-Cotta ist Zschorsch seit kurzem wieder Suhrkamp-Autor und somit "zuhause".

Torhäuser des Glücks birgt auch ein neues Buch. Es heißt "Eiszahn", sein Motto lautet: "Kälte ist zu empfehlen, wo es anrüchig wird. Es geht sich leichter über gefrorenen Schlamm". Mit dieser Devise von Ernst Jünger fand ein Dichter einen anderen, um sich ganz auszudrücken. Für Zschorsch geht nichts über Haltung und Festigkeit bei allen Entschlüssen. Stolz und Leid sind bei ihm nicht abwählbar wie eine alte Sprache in der Oberstufe. Dass das nichts mehr wert ist in der Gesellschaft, könnte ihr einmal mehr zu schaffen machen als einem, der sowieso nicht aus seiner Haut kann.

Gerald Zschorsch: "Torhäuser des Glücks." Mit einem Nachwort von Lorenz Jäger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2004, 480 Seiten, 14 Euro.

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