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Seine Karteikästen sind Geschichte wie er selbst auch.
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Seine Karteikästen sind Geschichte wie er selbst auch.

J.J.Voskuil

Über früher

  • vonSabine Vogel
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Die deutsche Ausgabe von J.J. Voskuils epischem Romanzyklus über Maarten Koning und "Das Büro" ist vollendet.

Arbeit wird überschätzt. Die Erkenntnis hat auch Maarten Koning, als er in Rente geht. Dabei hat er sich nie Illusionen über die Bedeutung seiner Berufstätigkeit gemacht. „Aus dem Ruder gelaufene Hobbys der Institutsleitung“ nennt er einmal die Arbeitsgebiete seiner Kollegen. Über 30 Jahre hat er in dem nur „Das Büro“ genannten Institut für Volkskunde in Amsterdam gearbeitet, stieg unwillig, aber stetig und vom calvinistischen Verantwortungsbewusstsein genötigt, vom „wissenschaftlichen Beamten im untersten Rang“ zum Abteilungsleiter bis zum stellvertretenden Direktor und tausende Male mit dem Kaffeepot in der Hand die Treppen hinauf.

In der Kantine gibt es fair gehandelten Kaffee, was alle Jahre wieder neu auf der Tagesordnung der Sitzung des Institutsrats steht. Maarten Koning forscht zu Wichtelmännchen-Erzählungen, zu Dreschflegeln und Brot, schreibt Aufsätze und hält Vorträge, schlichtet Streit, gibt Rat, ist seinerseits ratlos angesichts von Unglück, Eitelkeit und Intrigen, unterhält sich mit alten Kollegen über früher. Es kommen dermaßen viele Personen in diesem verschrobenen Pandämonium eines wissenschaftlichen Instituts vor, dass ein mehrseitiges Register am Ende jedes Bandes sie auflistet.

Insgesamt 5200 Seiten in sieben Bänden umfasst der Romanzyklus von J.J. Voskuil um Maarten Koning und „Het Bureau“. Die letzten beiden sind nun erschienen. Am Ende von Band 6 ist Maarten 62 und geht in den Vorruhestand. Danach, so heißt konsequenterweise der letzte Band, Nr.  7, kommt nur noch „Der Tod des Maarten Koning“.

Das Ende kündigt sich an. Maarten schwächelt, das Herz, die Bronchien. Der Wanderurlaub mit Nicolien ist verregnet. Die meisten Leute findet Maarten sowieso dumm und verachtenswert, aber auch sich selbst sieht er mit Missfallen. „Ich bin nicht für Menschen geschaffen, dachte er. Ich bin für ein Loch geschaffen, in dem ich alleine hocke, mit einem Maschinengewehr.“ Spätestens da ist Maarten mein Freund, auch mit seiner durchaus langweiligen, redundanten Chronik seines durchaus langweiligen, redundanten Alltags. „Nichts machte ihn glücklicher, fand er, als von der Welt abgewiesen zu werden und mit einer kleinen Gruppe von Getreuen in die Wüste zu ziehen.“

Nun jedoch lichtet sich die Gruppe der Getreuen. Anton Beerta, ehemaliger Direktor des Instituts, stirbt vereinsamt im Altersheim. Mit ihm fing alles an. Band 1 war nach ihm benannt. Beerta ist es, der Maarten 1957 als Schlagwortknecht zur Erstellung eines volkskundlichen „Atlas“ einstellt, aus dem dann nichts wird. Maartens erste Aufgabe bestand in der Katalogisierung niederländischer Wichtelmänner-Erzählungen.

Auch die Schwiegermutter stirbt, dann der krebskranke, verwahrloste Freund Frans. Beim Kauf kleiner Tomaten bricht Maartens Gattin, die dogmatisch antiautoritär ideologisierte und immer streitsüchtige Nicolien, in Tränen aus: Frans „war der Einzige, der auch so einen Hass auf die da oben hatte. Ich finde nie wieder jemanden, der so asozial war. Warum muss so ein netter Mensch eigentlich sterben, und all die Drecksäcke bleiben am Leben?“

Auch im Büro selbst herrscht Untergangsstimmung. Die Szenen grotesker Alltäglichkeiten, die Kaffeekränzchen mit Torte, der Irrwitz sinnloser Projekte und politischer Opportunismen, das absurde Theater aus Hinterhältigkeit, Herzenskälte und akademischer Wichtigtuerei können nicht drüber hinwegtäuschen. Sparmaßnahmen, Controlling, Abwicklung, Selbstevaluation, Zielvorgaben, Umschulungsszenarien, befristete Qualifizierungsstellen, alle erdenklichen Demütigungen des modernen Angestelltendaseins setzen dem Biotop des Instituts zu. Der in die Rente verabschiedete Bart – Bartleby? – hat sich mit seinem Schreibtisch im Keller eingenistet. Das Neue kommt ganz konkret in Gestalt eines aalglatt dummdreisten Managers.

Mit dem Computer beginnt ohnehin der Untergang der Kulturwissenschaften, wenn nicht des Abendlandes. Maarten Konings Heiligtum, das per Hand angelegte Karteikartenkästensystem, wird selbst Geschichte, Relikt einer vergangenen Zeit. Das Ende einer Kulturtechnik, wie Maarten sie betrieb, dessen Zeit abgelaufen ist.

Tod mit 81 Jahren durch Sterbehilfe

Wer wüsste das besser als ein Volkskundler, der die Subjektivität des Forschers (Erzählers) mit seinem historisch-sozialen Kontext relativiert? Wie etwa J.J. Voskuil. Dreißig Jahre lang war der Autor wissenschaftlicher Beamter des Amsterdamer Meertens-Instituts für Volkskunde. Er schrieb diese „Seifenoper für Intellektuelle“ nach seiner Pensionierung in vier Jahren. Zum Tag der Arbeit, am 1. Mai 2008, verabschiedete sich der schwer krebskranke Johannes Jacobus Voskuil, 81 Jahre alt, mit der in den Niederlanden möglichen Sterbehilfe, vom Leben. Den irren Erfolg von „Het Bureau“ hatte er noch mitbekommen. In den sonst eher für ihre Nüchternheit bekannten Niederlanden übernachteten Leser vor den Buchhandlungen, wenn ein neuer Fortsetzungsband erschien. Sterbende baten den Verlag (erfolglos!) darum, das Ende der Angestelltensaga erfahren zu dürfen. Und als das reale Büro 1998 an den Stadtrand von Amsterdam umzog, wurden in den alten Räumen des Instituts Führungen veranstaltet, bei denen die Angestellten Schilder mit den Namen trugen, die Voskuil ihnen im Roman gab. So geht Realismus.

Hierzulande tut sich der Leser mit dem suchterzeugenden Identifikationsstoff etwas schwerer. C. H. Beck gab 2012 nach der Publikation des 1. Bands auf, Band 2 bis 7 stemmte der Berliner Verbrecher Verlag. Wenn man die Straßen und Grachten und Wirtschaften nicht wiedererkennt, lesen sich die akribischen Kartographien der Spaziergänge durch Amsterdam wie Rezensionen von Konzerten, die man nicht einmal verpassen konnte. Voskuils akkurate Notate sind nie prätentiös, ihr Realismus ist lapidar, eher trockene Beamtensprache als Kunstwollen, fürchterlich komisch oft.

Maarten flaniert nicht, er geht einfach Milch, Kartoffeln oder die Zeitung kaufen wie andere Männer mit ihren Hunden auch. Er geht jetzt langsamer, „wie ein Mann, dem Zeit nichts mehr bedeutet“. Einmal registriert er, wie sich die Perspektive verschiebt: Der Blick von einer Brücke weitet sich unversehens zum Blick ins Weltall. „Der Mensch brauchte sich nicht mehr zu beeilen.“

So wartet man auch gerne gelassen mit ihm auf zugigen Bahnsteigen, bei denen die Treppe immer am anderen Ende ist und der Zug gerade abgefahren. Ein Mann dreht einer verletzten Taube den Hals um, ein Tier liegt überfahren an der Straße. „Und er wusste, dass er nicht mehr gern in einer solchen Welt lebte.“ Die Ödnis der Tage nimmt zu. Einmal geht er Schuhe kaufen. Einmal fragt ihn jemand nach dem Weg. „Er hatte mit einem Menschen gesprochen! Jetzt konnte er es wieder eine Weile aushalten.“

Nicolien, die treue und niemals in Frage gestellte Partnerin, ist keine Hilfe. Sie nörgelt, sie streitet um Nichtigkeiten, ist beleidigt, unpässlich, bricht in Tränen aus über die Gemeinheiten der Welt. Im Büro wird sein Schreibtisch in der Dachkammer von einer ihm bisher entgangenen Genderkommission okkupiert, dann abgeschafft. Seine Unterlagen werden lieblos in Kartons verräumt. Er wird nicht mehr zu den rituellen Verabschiedungsfesten eingeladen, bei denen seine Reden vormals so beliebt waren. Fassungslos registriert Maarten Koning die Kränkungen. Sein Arbeitsleben löst sich in Dunst auf. Geblieben ist nur ein Schließfach im Keller. Darin seine Tagebücher, in denen er all die „unbedeutenden Details“ der Bürojahrzehnte gesammelt und so penibel und nüchtern aufgeschrieben hat wie ein Buchhalter – oder ein verbeamteter Ethnologe.

Aus diesen Aufzeichnungen speist sich J.J. Voskuils Romanzyklus. Was diesen Roman über das Leben eines gewöhnlichen Menschen so tröstlich und anziehend macht, ist die Erkenntnis, dass man nicht allein ist in diesem alltäglichen Schwachsinn. Dass das Unglück normal ist.

Und was nun? „Meines Erachtens sollte man, wenn man den Schluss gelesen hat, noch einmal von vorne anfangen. Denn dann hält man erst den Schlüssel in Händen ... . Ich begreife sehr gut, dass das natürlich sehr viel verlangt ist, aber sein muss es eigentlich schon.“ Sagte Voskuil in einem Gespräch mit seinem Übersetzer Gerd Busse. Ja dann, auf zu Band 1 bis 5.

J.J. Voskuil: Abgang. Das Büro, Band 6. 750 Seiten, 34 Euro. Der Tod des Maarten Köning. Das Büro, Band 7. 245 Seiten, 24 Euro. Aus dem Niederländischen von Gerd Busse. Verbrecher Verlag, Berlin 2017.

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