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Arno Schmidt mit Zettelkasten, um 1955.
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Arno Schmidt um 1955.

Arno Schmidt

Über Arno Schmidts „Julia, oder die Gemälde“: Denkwege zum fertigen Gemälde

  • VonHans-Jürgen Linke
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Susanne Fischer unternimmt eine Bestandsaufnahme von Arno Schmidts Zettelwirtschaft zu „Julia, oder die Gemälde“.

Wald und Bäume bilden eine alte Grauzone, und ein geflügeltes Wort macht sich lustig darüber, dass jemand eine Fülle von Einzelheiten sehe, ohne das aus ihnen bestehende Ganze zu erkennen. Die Erkenntnisanstrengung zwischen Bäumen und Wald war beständiges Nebenthema im Werk des 1979 verstorbenen Arno Schmidt, das verantwortungsvoll und äußerst kompetent von der nach ihm benannten Stiftung betreut und ediert wird.

Schmidt gefiel sich häufig als Verfechter einer tabellen- und kalenderhaften Genauigkeit und Tatsachenversessenheit. Und so stehen wir nun vor einer Ansammlung von Zettelkästen, aus denen – neben dem mittlerweile edierten Werk – Arno Schmidts Nachlass besteht. Die Zettel sind die Einzelheiten, und nicht umsonst führt sein Opus magnum, „Zettel’s Traum“, sie im Titel, verbunden mit einer lässigen Anspielung auf Shakespeare.

Schmidts Zettelkästen sind ein Konglomerat geordneter Rätselhaftigkeiten. Wer die als fertig edierten Textgebilde – namentlich des späten Typoskript-Werkes – dechiffieren will, wird das ohne die entsprechenden Zettelkästen kaum schaffen. Aber mit ihnen? Lassen sich mit ihrer Hilfe wirklich Denkwege zwischen Wald und Bäumen allgemeingültig kartieren? Schmidts letztes Typoskript „Julia, oder die Gemälde“ blieb Fragment. Es würde „ebbes Kurioses“ werden, schrieb Schmidt seinem Lektor Ernst Krawehl am 31. Januar 1979. Das ist keine Untertreibung. Am 31. Mai 1979 jedoch beendete ein Schlaganfall die Arbeit, „Julia“ blieb unvollendet, dazugehörige Zettelkästen in weiten Teilen unausgeschöpft.

Susanne Fischer, Mitherausgeberin der Bargfelder Ausgabe und Geschäftsführerin der Arno-Schmidt-Stiftung, hat sich des Konvoluts angenommen. In durchaus Schmidt’scher Weise: Sie sichtet, zählt, analysiert die Ordnung und unternimmt eine genaue, gleichwohl philologisch eher bescheiden auftretende als generös umherschweifende Deutungsarbeit. Es entsteht eine zugänglich gemachte Bestandsaufnahme des Zettel-Konvoluts, die zugleich die Vergeblichkeit einer erfolgreichen Dechiffrierarbeit vor Augen führt.

Klare Methodenlosigkeit

Fischer trennt sorgfältig zwischen den Teilen der Zettelwirtschaft, die noch Eingang in das unfertig gebliebene Buch gefunden haben – und jenen, die nicht mehr berücksichtigt wurden. Inhaltlich gewichtig fällt die Analyse aus, die sie zwischen die Einzelheiten des Zettelkastens und dem Großenganzen der Reinschrift schiebt. Methodenlosigkeit erscheint zunehmend charakteristisch für Schmidts Arbeitsweise: Weit und breit keine verlässliche Relation zwischen den Materialzetteln und dem, was daraus wurde.

Das Buch:

Susanne Fischer: Julia, laß das!! Arno Schmidts Zettelkasten zu „Julia, oder die Gemälde“. Suhrkamp, Berlin 2021. 120 S., 30 Euro.

Im Kasten herrschen unterschiedliche Ordnungsprinzipien; es gibt Registerkarten, Papierfalze (vom Autor zusammengestellte Zettelgruppen) und einzelne Zettel. Manchmal lassen Sortierungen Blicke auf Materialgruppen zu, die Schmidt geschaffen hat. Vieles lässt sich im Text wiedererkennen, mehrlitzige thematische Stränge drehen sich zu etwas Längerem, Haltbarem zusammen.

Zu Letzterem kommt es, naheliegenderweise, nicht mehr im Falle des unverarbeiteten Zettelkonvoluts. Auch wurden wohl während der Arbeit am Text und mit den Zetteln die Ordnungen vielfach verändert. So dass ein Erkenntnis-Ertrag zu der Frage, wie Arno Schmidts Gehirn funktionierte, mager ausfällt.

Das ist durchaus beruhigend.

Beunruhigend dagegen fällt die Antwort auf die Frage aus, ob man dieses Buch unbedingt noch gebraucht hätte, als Schmidt-Leser und -Anhänger. Schmidt zeigt sich, von Susanne Fischer ohne Eifer, ohne Zorn analysiert, als bornierter Provinzbewohner, der in seinem enger werdenden Horizont zufrieden ist und das als Überlegenheitsgefühl ausstellt. In viel zu vielen seiner Zettel erscheint er als peinlicher dirty old man, oversexed, konservativ, sexistisch, rassistisch. All die schönen Gedanken über das Werk und seinen Autor, all die Ich-Erzähler-Figuren in seinem Werk und ihre Distanzen zum empirischen Menschen drohen sich aufzulösen.

Oder?

Natürlich nicht. Vieles war schon lange klar, und Susanne Fischers Arbeit dient nicht wohlfeiler Entlarvung. Sie zeichnet ein Bild nach gelieferten Vorlagen-Materialien. Es geht um den Bargfelder Mikrokosmos, nicht um political correctness.

Der letzte (nicht geringste) Teil des Buches ist einer Reihe von ruhigen Fotos gewidmet, die Jan Philipp Reemtsma nach Schmidts Tod in Bargfeld, in und um das Haus, in und um Schmidts Arbeitsplatz aufgenommen hat. Zusammen mit den Transkriptionen der abgebildeten Zettel zeigt sich die Idee der Stiftung, die nicht beschönigen und mystifizieren will. Es geht um den unzerstörbaren Zusammenhang zwischen Wald und Bäumen.

Was Arno Schmidt vermutlich nicht gefallen hätte.

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