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Wieder aufgelegt: "Many Are Called" von Walker Evans.
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Wieder aufgelegt: "Many Are Called" von Walker Evans.

Das Fotobuch

Die U-Bahn-Porträts von Walker Evans

"Gaff nicht!" war die Devise seiner Mutter gewesen, als Walker Evans im Mittleren Westen aufwuchs. "In der Öffentlichkeit kann ich immer noch nicht auf

Von ULF ERDMANN ZIEGLER

"Gaff nicht!" war die Devise seiner Mutter gewesen, als Walker Evans im Mittleren Westen aufwuchs. "In der Öffentlichkeit kann ich immer noch nicht auf irgendetwas zeigen", schrieb er für ein Vorwort zu seinem Buch über Leute in der New Yorker U-Bahn, ein Vorwort, das nie erschien. Dieses Buch, in erstaunlichen Varianten ent- und verworfen, war fotografisch gesehen 1941 fertig. Es erschien aber erst 1966, war lange vergriffen und wurde nun - die Reprints der Klassiker konkurrieren heftig mit den neuen Büchern - wieder aufgelegt.

Fuchs, der er war, hatte er an die Guggenheimstiftung geschrieben, er arbeite an einem "Katalog von Leuten und ihrer zeitgenössischen Umgebung, allgemein und anonym, eher überregional." Gestandene Fotografenfreunde wie Levitt und Strand mussten ihn bei den Fahrten auf der Lexington-Linie begleiten, um ihm über die Peinlichkeit hinwegzuhelfen, dass die Linse einer leisen Kamera zwischen zwei Mantelknöpfen herausschaute.

So entstanden die unglaublichen, frontalen Bilder von Pendlern, die bezahlten Modellen in Malerateliers nicht unähnlich sind, in ihrer Mischung von Abwesenheit und Duldung. Allerdings posierten Evans' Modelle in voller Montur urbaner Vanitas, im Schutz von Hüten und Kappen und Mützen, im Pelz und in Tweed, die Schlipse und Schals mit Sorgfalt gebunden und gekreuzt. Die gänzlich Entrückten, dösend, schlafend und gähnend, haben ein paar wunderbare Genrebilder abgeworfen. Aber die Menge der Fotografien, die Evans schließlich wählte, sind wirklich Portraits. Evans' entfaltet ein umfassendes Panorama des Mittelstands, alles, was Kauf- und Lagerhäuser, Büros und Kanzleien um halb sechs ausspucken. Leute, die die U-Bahn benutzen, waren damals Teil derselben Gesellschaft, glücklich durchgerüttelt "in dröhnenden Waggons, und sie mochten einander", wie Evans später festhielt, "auch wenn das jetzt niemand mehr glaubt". Für ihn, den Jungen aus der Suburbia Amerikas, war dies der ultimative Versuch, im Gleichmaß der Metropole abzutauchen.

Die Figuren erscheinen im diffusen Licht nackter Glühbirnen; gegen spiegelnde Fenster in handlackierten Rahmen; schablonengespritzte Schilder, die die Endstation anzeigen. Die Aushänge der Carnegie Hall und des Metropolitan Museum (das später, wie merkwürdig, Evans' Nachlass aufnehmen sollte). Selbst vor den Riesenlettern der mitreisenden Zeitungen fürchtete Evans, der große Empiriker, sich nicht.

Als Many Are Called, betitelt nach dem brutalen Jesus-Gleichnis vom schwierigen Zutritt zum Himmelreich, bei Houghton Mifflin in Boston erschien, war es zu früh für Nostalgiker und ebenfalls zu früh für die fotografische Szene, die sich erst 1970 um die Lustrum Press und die Haywire Press formierte. Jetzt ist dieses sensationelle Buch wieder da, gut gedruckt und kenntnisreich kommentiert.

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