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Und ein Tusch für die gute Sache

Naomi Klein und Thilo Bode schüren das Misstrauen gegen das globalisierte Kapital: Eine Apologie des Aktionismus

Von Katharina Rutschky

Wie Naomi Klein, Jahrgang 1971, selber bekennt, war sie bis 1999 nirgendwo engagiert und verfügte über keinerlei Erfahrungen aus politischem Handeln. Ihr Bestseller No Logo war das Resultat einer wissenschaftlichen Recherche zu den Marketingstrategien großer Konzerne, die mit Erfolg banale Konsumgüter wie Schuhe oder Kleidung billig produzierten und teuer verkauften. Wo produzierten sie und zu welchen Bedingungen für die Arbeiter und Arbeiterinnen? Klein schien ein Schlangennest entdeckt zu haben, das Konzerne unter dem Schutzmantel internationaler Institutionen bebrüteten, die bloß vorgaben, die wirtschaftliche Entwicklung aller Staaten zu fördern und ausgleichend zu moderieren. Tatsächlich setzten Weltbank, WTO und andere im großen Maßstab aber einen Neoliberalismus durch, der selbst in den tonangebenden westlichen Industriegesellschaften nur den Konzerninteressen zugute kommt. Soziale, kulturelle und nicht zuletzt ökologische Aufgaben kennt dieser globalisierte Kapitalismus nicht - es sei denn, sie ließen sich in raffinierten Werbekampagnen verwerten.

In Kleins neuem Buch findet sich die witzige Beobachtung, dass die Werbung die intimste Adressierung der Käufer, die Sorge um ihre Gesundheit, ihre Sicherheit und das Lebensglück überhaupt geradezu betulich ausmünzt, während die Konzerne alles tun, diese Werte global zu ignorieren. Von den politischen Eliten werden Wirtschaftswachstum und Freihandel um jeden Preis mit der Hoffnung, ja, dem Versprechen eines "trickle down effects" begleitet. Arbeit und Brot, Letzteres auch in der Form genmanipulierter Nutzpflanzen wie einer neuen Reissorte, förderten weltweit auch die Demokratie und die Respektierung der Menschenrechte...

Auch wenn man Kleins Weltsicht in ihrem ersten und nun auch in ihrem zweiten Buch immer ein wenig naiv findet, weil selbst Wissenschaftlern eine vernünftige Ökonomie sich noch nicht offenbart hat, weder national, geschweige denn global, kann niemand ihr die Sympathie versagen. Das Gefühl, dass in einer kleiner gewordenen, übersichtlicheren Welt es nicht so weitergehen kann wie bisher, ist zu Recht ein allgemeines.

Zu hüten haben wir uns vor allem vor nostalgischen und restaurativen Fantasien, die sich auch bei Klein um eine mittelschichtsspezifische Kritik des Konsumismus der Unterschichten, eine Idealisierung der Natur und eine Verklärung fremder Kulturen ranken. Gegen die Gentechnik spricht nicht die Angst vor Umweltzerstörung und Vergiftung, sondern die falsche Hypothese der Erfinder, dass der Hunger eine Folge des Mangels an praktischen Nahrungsmitteln ist. Den sie zu beheben antreten. Patentdenken ist hier wie auch auf der Seite der Globalisierungsgegner - die einen denken an den modernen Reis, die andern an die Tobin-Steuer zur Verbesserung der weltwirtschaftlichen Gerechtigkeit - nicht die Lösung, wenn es um die Gestaltung der Zukunft geht.

Kleins Buch war noch nicht gedruckt, als die politisch unerfahrene junge Journalistin 1999 den Massenauftrieb politischer Aktivisten in Seattle miterlebte, wo die World Trade Organization (WTO) wie schon früher eine Expertenkonferenz abzuhalten gedachte. Die Botschaft des Misstrauens, die so viele Menschen hier und später in Prag, Genua, Quebec, Toronto usw. bei ähnlichen Expertenversammlungen auch anderer internationaler Kongresse mit Fantasie und hohen persönlichen Kosten mit ihren Demonstrationen abgeliefert haben, hat sie begeistert.

Die Action für eine große und gute Sache ist mitreißend und inspirierend - das können auch ältere Altachtundsechziger nachvollziehen. Klein hat - und davon legt die Auswahl ihrer Zeitungsartikel und Reden frisches Zeugnis ab - in zweieinhalb Jahren 22 Länder und Konferenzen besucht. Sie ahnt einerseits, dass die "Gipfeljägerei" der bunt zusammengesetzten Politaktivisten von Depression immer bedroht bleibt. Sie haben kein klares, einheitliches Programm, keinen Führer, nie ein eindeutiges Erfolgserlebnis. Wenn es gut geht, geht es immer weiter mit den Protesten und Demonstrationen, die die Internationale der Bürokratie und der Experten zu neuen Anstrengungen herausfordern. Ein gutes Drittel von Kleins neuem Buch beschäftigt sich mit einem Nebenschauplatz, der Kriminalisierung des Protests und der Demonstranten. So schlimm die Einzelfälle sind, die Klein hier berichtet, so sehr möchte man wünschen, dass sich der neue Protest nicht verzettelt in einer Kritik der Polizei und der biederen Ordnungsliebe der Angegriffenen.

Thilo Bode, der langjährige Chef von Greenpeace, ist fast ein Vierteljahrhundert älter als Naomi Klein. Unter dem ziemlich irreführenden Titel Die Demokratie verrät ihre Kinder lässt uns der gelernte Ökonom an den politischen Erfahrungen teilhaben, die er im Kampf für eine neue Welt gesammelt hat. Leider plaudert er nicht so ausführlich aus dem Nähkästchen, wie man es sich, auch im Hinblick auf den politischen Nachwuchs, gewünscht hätte. Die zweite Hälfte des allzu schnell geschriebenen Buchs ermüdet durch Besserwisserei und Durchblickertum, weil der Autor zu allem und jedem noch seine Meinung loswerden muss. Das ist mindestens so unlesbar und ungenießbar wie die Naivität, die den Leser bei Naomi Klein immer wieder irritiert.

Bode ist stark in der Reflexion der Methoden und Ergebnisse, die Greenpeace zu verzeichnen hat. Mögen hierarchische Strukturen und charismatische Personen dem politisch korrekten Denken zuwider sein, so haben sie bei Greenpeace doch ihre positive Wirkung getan. Das Spiel mit dem persönlichen Risiko der Aktivisten einerseits, mit den Gesetzen der Medienöffentlichkeit andererseits, hat Greenpeace nicht gescheut, sondern bewusst kalkuliert. Wie man politisch etwas bewegen kann, wo Organisationen, Parteien und Wahlbürger eigentümlich eingeschränkt sind, das hat Greenpeace vorgemacht.

Bode ist, anders als Klein, aufgeklärt und kann, anders als sie, dem sympathischen Tross der jungen Globalisierungsgegner nicht einfach zugezählt werden. Das macht ihn älteren Lesern wert und teuer. Gegen Konzerne zum Beispiel hat er nichts - weil er in der Kooperation mit ihnen Chancen der Weltverbesserung erfahren hat. Übel aufstoßen wird manchem Bodes Plädoyer für die völlige Einstellung der Entwicklungshilfe. Schlimm ist nicht, dass sie so mickrig ausfällt, verglichen mit den Versprechungen von anno dunnemals. Bode glaubt in ihnen eine Verschwörung einheimischer und fremder Kleptokratien zu erkennen. Gescheiter wäre es, die ungeheuren Subventionen der einheimischen Landwirtschaft einzustellen und den Markt für Produkte der Dritten Welt zu öffnen.

Wirklich schade, dass Bode sein Buch so sehr aufs Predigen, viel weniger aufs Lehren und Unterrichten angelegt hat. Geschichten wie die über den Menschenrechtsprotest in Peking, die Brent-Spar-Ölinsel oder Bodes Begegnungen mit Superindustriellen in Davos oder sonstwo sind kostbar, aber selten in seinem Buch, und viel zu beiläufig abgehandelt.

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