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Kristen Roupenian 2018 bei einem Auftritt in New York.

MeToo

Tun, was man nicht will

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Kristen Roupenians „Cat Person“ war im Netz eine Sensation. Nun folgt ein Buch mit Geschichten.

Genau heute vor hundert Jahren haben Frauen in Deutschland zum ersten Mal gewählt. In der Ehe durften Frauen allerdings noch weitere 40 Jahre keine rechtsfähigen Entscheidungen treffen und zumindest im Westen wiederum erst 20 Jahre später ohne Erlaubnis des Ehemannes arbeiten. Heute leben 41,9 Millionen weibliche Menschen in Deutschland, sie stellen rund ein Drittel aller Beschäftigten, verdienen dabei im Schnitt ein Fünftel weniger – und wurden 15 Mal so häufig als Opfer sexueller Gewalt registriert – wobei nach einer EU-Studie nur 15 Prozent der Frauen in Deutschland eine Vergewaltigung anzeigen. Und legt man den Erinnerungsprozess zugrunde, der im Zuge der MeToo-Debatte begann, dürften es wiederum nur vielleicht 15 Prozent sein, die einen Übergriff in dem Moment, in dem er sich ereignet, überhaupt als solchen begreifen.

Das Niemandsland der Nicht-Anzeige und die Grauzone der Nicht-Eindeutigkeit sind es, die diskursiv jetzt am dringendsten bereist werden müssen. Denn nach der ersten Welle weiblicher Wut und öffentlicher Anklagen gegen sexuelle Übergriffe lässt das mediale Interesse nach. Und unter Männern hat sich längst eine Rhetorik der Koketterie mit möglicher Übergriffigkeit etabliert (Er: „Schönes Kleid – oder darf ich das jetzt gar nicht mehr sagen?“), die einer De-Sensibilisierung im nach wie vor praktizierten Ernstfall Vorschub leistet. Das Abstumpfungsmuster der Ironie. Zudem wissen Frauen zwar, dass es oft an Machtstrukturen liegt, dass sie sich nicht stärker und eher und überhaupt wehren. Aber es gibt auch Situationen auf Augenhöhe, denen sie sich nicht entziehen. Fragezeichen. Selbstbezichtigung. Rollback. Eigentlich schon wenige Wochen nach Enthüllung der ersten Fälle. Und dann kam „Cat Person“.

Oder natürlich: erschien. Im Magazin „The New Yorker“ Anfang Dezember 2017. Und was darauf auf Twitter folgte, schilderte die Autorin Kristen Roupenian unter der Überschrift „Wie es sich anfühlte, als ,Cat Person‘ viral wurde“ vergangene Woche an gleicher Stelle. Symptomatisch sei nur erwähnt, dass ihre Mutter sie drei Tage nach Erscheinen des Textes unter Tränen informierte, dass jemand, dem Barack Obama folge, soeben ihre, also Kristens, Geschichte retweetet hätte – die übrigens die erste professionelle literarische Veröffentlichung der 1982 geborenen und in Harvard promovierten Literaturwissenschaftlerin war.

„Cat Person“ schildert, wie sich eine 20-jährige Studentin und ein Mann Mitte dreißig kennenlernen, über SMS-Austausch näherkommen, wie sie ausgehen und schließlich, durchaus auf Betreiben der Frau, in seinem Schlafzimmer landen. Und dort wird ihr plötzlich klar, dass sie gar keinen Sex mit diesem Mann will. Aber obwohl sie durchaus glaubt, jetzt noch gehen zu können, ohne dass er ihr Gewalt antut, bleibt sie und steht die Sache lieber durch, als sich und ihm den Stimmungswandel erklären zu müssen, was sie nämlich gar nicht kann. Später bricht sie den Kontakt mit ihm ab, ekelt sich vor ihm und schämt sich. Er schreibt ihr irgendwann: „Whore“ – in der deutschen Übersetzung, die gerade erschienen ist, heißt es etwas milder: „Schlampe“.

War dieser Sex einvernehmlich? Diese Frage trieb die Netzgemeinde um, weil Roupenian die Frau deutlich als Verführerin beschreibt, die sich aber vor allem selbst in die Falle geht. „Ungewollter Sex, nicht aufgrund körperlicher Gewalt, sondern durch einen vergifteten Cocktail aus Gefühlen und kulturellen Erwartungen, Verlegenheit, Stolz, Unsicherheit und Angst“, fasst die Autorin selbst die Motivlage zusammen. Aber wie, um Gottes Willen, soll ein Mann damit umgehen? Soll er einer Frau, die ihm Avancen macht, vorsichtshalber unterstellen, dass sie das eigentlich nicht so meint? Er stünde sofort unter Paternalisierungsverdacht. Und auch ein Einvernehmlichkeitsvertrag würde nicht helfen, da zumindest die Margot aus der Erzählung einen solchen wohl aus den gleichen Gründen unterschrieben hätte, aus denen sie den Sex über sich ergehen ließ.

Die minutiöse Schilderung von Margots Gedanken macht die Qualität des sprachlich im Berichtston gehaltenen Textes aus. Das Kopfkino, in dem sie eine Zufallsbekanntschaft namens Robert zum Objekt ihrer narzisstischen Fantasien macht, ihn begehrt, weil sie sich vorstellt, wie er sie begehrt – auf der Ebene eines SMS-Kontaktes spiegeln sich die parallelen Projektionsflächen ins Unendliche. Als „Cat Person“, Katzenhalter, Katzenmensch, hatte sich Robert beschrieben, was ihr gefiel. Dabei hat er möglicherweise gar keine Katzen. Texten kann man ja alles. Und wenn jeder nur sich selbst im Blick hat, fällt einem unter Umständen erst im letzten Moment auf, dass man nichts voneinander will.

Dass der überwältigende Erfolg auf ein Buchprojekt hindrängte, war abzusehen. Jetzt liegt Roupenians erster Erzählungsband vor, im Original heißt er „You Know You Want This“, Du weißt, dass du das willst, und ist am 15. Januar erschienen, im Deutschen blieb man terminlich dicht auf den Fersen und ging mit dem berühmten Titel auf Nummer sicher. Zwölf Geschichten umfasst das Buch, „Cat Person“ ist die sechste und beginnt nicht ohne Dramatik exakt auf Seite 100. Wie Sie merken, beginne ich, mich zu winden. Jetzt müsste ein Lob der weiteren Breschen ins Dickicht des Unausgesprochenen folgen, die Beschreibung einer Poetik der radikalen Ehrlichkeit vielleicht, die die Autorin mit Blick auf den Geschlechterkonflikt entwickelt. Aber das tut sie nicht.

Roupenian will nicht endgültig zur #Metoo-Päpstin avancieren

Möglicherweise gebrannt vom Feuer, das ihr Erstling entzündete und sie zum Objekt begeisterter Zustimmung, aber auch persönlicher Angriffe machte, und sicher auch in der Absicht, nicht endgültig zur Metoo-Päpstin zu avancieren, richtete sie ihr Talent, nachvollziehbar zu machen, warum Menschen von heute tun, was sie nicht wollen oder nicht sollen, überwiegend auf sehr spezielle Situationen: Ein Paar entdeckt seinen Sadismus, ein Mädchen trifft einen verwahrlosten Mann im Park und nimmt ein Geschenk von ihm an, eine Frau träumt davon, andere Menschen zu beißen. Dazwischen Märchen wie das von der Königin, die nur ihren Spiegel liebt oder dem Mädchen, die den Mann ihrer Träume buchstäblich herbeizaubert und dann gierig ausbeutet bis aufs Blut.

Voll stilistischer Brüche, oft eher kursorisch durch das hastend, was passiert, durchaus sensationslüstern und sexuell explizit erzählt und oft pointenlos endend, erinnern die Texte in den besten Momenten an die kruderen Märchen der Gebrüder Grimm, wie das von der Blutwurst und der Leberwurst. Handelt es sich um eine neue Sachlichkeit, die die Widersprüche und den Narzissmus des Daseins mit einer grotesken Romantik zu fassen versucht? Um die bewusste Verweigerung formaler Geschlossenheit? Oder sind ihr die Geschichten letztlich doch zu schnell aus der Hand gerissen worden? In diesem Fall wäre Kristen Roupenian zweifellos die Beste, zu schildern, wie dies passieren konnte. Einstweilen aber bleibt die Inspiration zur Selbstbefragung, die „Cat Person“ als Erzählung für die derzeitige Geschlechterdebatte darstellt.

Das Buch: Kristen Roupenian, Cat Person: Storys. A. d. Engl. v. Friederike Schilbach, Nella Beljan. Blumenbar 2019. 288 S., 20 Euro. 

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