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Hans Magnus Enzensberger im März 2017 bei einer Lesung in Münster.
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Hans Magnus Enzensberger im März 2017 bei einer Lesung in Münster.

Enzensbergers Literaturgeschichte

Tumult und Zickzack

  • Christian Thomas
    VonChristian Thomas
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Alles andere als ein Club der toten Dichter: Hans Magnus Enzensbergers Literaturgeschichte in 99 Vignetten ist eine Mentalitätsgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Einer fehlt, und das ist kein Versehen, und ein Versäumnis ist es auch nicht. Es ist Kalkül. Denn ein Selbstporträt wäre ja wohl unangemessen. 99 Kapitel hat Hans Magnus Enzensberger geschrieben, „99 literarische Vignetten aus dem 20. Jahrhundert“ unter dem Titel „Überlebenskünstler“. Ist der 88-Jährige denn keiner gewesen? Auf jeden Fall ist der Verfasser einer, der durch das eine oder andere Porträt geistert, mal spöttisch spukend, mal melancholisch wandelnd. 

Überlebenskünstlertum ist im Jahrhundert systematischer Menschenschinderei und Menschenschlächterei eine vielfach prekäre Position gewesen, vielerorts lebensgefährlich. Doch nicht nur um die Lebensgefahr abzuwenden, haben sich Schriftstellerinnen und Schriftsteller der Macht, ja verschrieben. Opportunismus war im Spiel, Überzeugung oder der schiere Machtwille, über die Willkürherrscher ihre Pranke hielten. Zwischen den beiden Buchdeckeln ist nicht nur eine tapfere Minderheit aufgenommen worden, angefangen mit Ricarda Huch, sondern auch ein Kreis Hochbegabter, die Vers oder Prosazeile in den Dienst der Propaganda stellten. Eine besonders virtuose Überlebenskünstlernatur ist für Enzensberger der DDR-Aristokrat Stephan Hermlin gewesen – als politischer Kopf hätte er es besser wissen müssen als ein Knut Hamsum, den Enzensberger nicht vom Opportunismus bezwungen, sondern mit Blindheit geschlagen sieht und nicht nur bei dessen Hitler-Nachruf. 

Gleich am Anfang, denn Enzensbergers Bekenntnis zu dem Romanautor bildet den Auftakt der nach Geburtsdaten geordneten Vignetten, also der Fall Hamsum als ein besonders schwieriger Kasus: der kompromisslose Realist als politisch kompromittierte Existenz. 

Enzensbergers eigenes Prestige beruht darauf, dass er kein Parteigänger war, aber durchaus ein Bajazzo im politischen Handgemenge, dem Zeitgeist immer um mehr als eine Nasenlänge voraus. Er war, nicht selbstverständlich für einen politischen Kopf, kein Parteilyriker, sondern ein seit Ende der 1950er tumultuarischer Wortführer unberechenbarer Ideen. weltweit gereist und weltgeist bewandert, bewundert, brillant. 

Eine tiefe Verbeugung gilt dem genialen Schalk Jaroslav Hasek, dem Autor des „Braven Soldaten Schweijk“. Tief ist die Verehrung für den Chinesen Lu Xun: „Ein politisches System, das sich mit seiner Melancholie, seiner Einsamkeit, seinem Pessimismus und seiner Selbstironie vertragen hätte, müsste noch erfunden werden.“ Vertragen ist wahrhaftig nicht nur Kinderkram. 

Flugs ließen sich Korinthen bemängeln, eine falsche Jahreszahl ankreiden, eine Verwechslung rot anstreichen, Nachlässigkeiten beanstanden – wie man das als aufmerksamer Leser gern so macht, zumal bei einem Enzensberger. Abarbeiten an einer Instanz. Rezensentennickeligkeiten. Zum Markenzeichen von HME hat immer schon eine gewisse Saloppheit gehört, also verwundert kaum, wenn er dem geheimnisvollen Fernando Pessoa bescheinigt, dass er wohl nicht „ganz dicht war“. Enzensbergers Elan hat oft locker ausgereicht, um grandiose Sottisen hinzuschlenzen: „Die Liebe zur Literatur ist in der französischen Bourgeoisie schwer von der Frömmelei zu unterscheiden.“ 

Enzensbergers Liebhaberei ist parteiisch, das Credo einer „unreinen Poesie“, die Pablo Neruda formulierte, wurde für den frühen Enzensberger in den „farblosen deutschen fünfziger Jahren“ stilbildend, nicht weniger als andere Versuchungen, in denen sich der junge zornige Lyriker wiederfand, eingeklemmt zwischen Benn und Brecht, deren ungeheure Begabung der 88jährige nicht etwa altväterlich würdigt, sondern lebhaft beglaubigt, trotz seiner Skepsis angesichts horrender moralischer Mankos der Genies im Alltag. 

Davon überhaupt ist viel die Rede in diesem Buch. Von Verfehlungen, Vertrauensbruch, sexueller Ausbeutung, der offenbar ein Elias Canetti nachging. Dass die sprachlichen Mittel des Nobelpreisträgers Canetti „arm“ waren, und der von Snobs abgöttisch verehrte Ezra Pound Probleme mit der Prosodie hatte, ja, mit einem eleganten Versmaß auf Kriegsfuß stand, gehört zu den Urteilen in einem Buch, das eingestandenermaßen von „Mängelrügen ohne Haftungsausschluß“ handelt und dabei die kurzweilige Mentalitätsgeschichte eines Nachgeborenen darstellt, dem moralische Urteile nicht zustehen, wie er sagt, um sie sich dennoch nicht vollständig zu versagen. Alles andere als ein dialektisches Spiel wäre bei Enzensberger aber auch verwunderlich. 

Wogegen er sich tatsächlich verwahrt, sind wohlfeile Urteile. Aus Anekdoten gehen Episoden hervor und irgendwann aus der Fülle der Belege, dass ein besonders dickes Kapitel der transnationalen Literaturgeschichte in einem Verrat der Intellektuellen bestand, ob nun Koketterie im Spiel war oder Parteinahme für die faschistische oder stalinistische Sache. Der von Jungmännerbeinen an bewegliche Enzensberger ist ungewöhnlich beweglichen Kollegen und Kolleginnen über den Weg gelaufen. Mit einem Wolfgang Hildesheimer ist er wohl eine längere Wegstrecke gemeinsam gegangen, angespornt durch dessen „Eleganz“, „Weltläufigkeit“ und „Sprachkenntnisse“. Eine HME-Selbstzuschreibung, ganz offensichtlich. Hildesheimers Außenseitertum hat den Mittelpunktstrategen offensichtlich mehr beeindruckt als der politisch dann und wann aggressive Alfred Andersch, dem er viel zu verdanken hat. 

Peter Weiss, den Freund, behandelt Enzensberger mit einer warmen Zuneigung und kalter Herablassung. Seitdem er ihm aus dem Drehständer eines Flughafenkiosks die marxschen Frühschriften als prickelndes Versprechen herausgefischt und überreicht habe, sei bei Weiss eine Veränderung eingetreten. „Dann gab er sich der Politik und ihren ideologischen Schemata hin, die immer versuchen, alles säuberlich in Ordnung zu bringen.“ Kein Respekt für den maßlos überschätzten Henry Miller, nackte Verachtung für einen André Breton. Der monumentale Romancier Heimito von Doderer war wohl ein dämonischer Mensch, nicht der einzige in diesem Buch, das gelegentlich eine Trophäensammlung des Zwielichtigen ist. Nicht jedem Urteil ist zu glauben, wie auch. Dass ausgerechnet der ungemein spanienaffine Enzensberger den berühmten „Bienenkorb“, einen der stilbildenden Romane der modernen spanischen Literatur, nur „durchgeblättert“ haben will wegen seiner Verachtung für den Franco-Anhänger Camillo José Cela, ist wohl ein Spiel mit Fakt und Täuschung. 

Immer wieder Camouflage, ausgeprägt der Spieltrieb des ewigen Jungspunds Enzensberger. Anstelle der Gebrüder Mann ein Hermann Broch. Nicht Franz Kafka, sondern Juan Carlos Onetti. Kein Italo Svevo, weil er kein Überlebenskünstler war wie der schillernde Alberto Moravia. Wie so viele andere sprunghafte Charaktere, Gustav Regler, Colette oder Gabriele D’Annunzio, eitel bis zum Anschlag. Das Buch bringt eine Vereinigung egozentrischer Glücksucher und tragischer Menschenglückssucher zusammen. Auch im Club Tumult-ritter, auch solche von totalitärer Gestalt. 

Das Buch versammelt Großmannsüchtige, dröhnend Erfolgreiche, nach Parvenüart Protzende und an knirschender Armut zugrunde gehende Autoren. Enzensberger weiß von Begegnungen mit geistigen Großmächten aus erster Hand zu berichten. Vieles wenig vorteilhaft, gerade für einen Sartre. Dagegen bestürzend, was er über den Auschwitzüberlebenden Imre Kertész schreibt: „Ich wundere mich darüber, daß er so lange unter uns ausgehalten hat und daß er es fertigbrachte, auch dieses Wunder noch zu überleben.“ 

Entkommene, Verlorene. Notorische Selbstverleugner oder brutal gegen sich selbst vorgehende Illusionslose. Die Suizidgefährdeten sprechen immer wieder ihr Wörtchen mit. Tief, ein Zentrum des Buches, die Verneigung vor Nelly Sachs, die sich stets der Poesie bedingungslos ausgeliefert hat. In der Galerie der Aufrechten ist sie die nobelste Erscheinung, als Nobelpreisträgerin, anders als andere fragwürdige Preisträger, unantastbar. 

Ein geheimnisvoller Satz: „1959 verbrachten wir ein gemeinsames Jahr in Rom.“ Was immer das in Anspielung auf die Bachmann heißt: „Es tut mir leid, daß ich Ingeborg mit einer bloßen Vignette nicht gerecht werden kann.“ Untröstlich mancher Verlust, oft ist es Leidenschaft, die Enzensberger zum Handeln durch die Vignette bewogen hat, jedoch nicht in jedem Fall Liebe, nur gelegentlich Gerechtigkeit, wohl aber Ehrfurcht vor den Überlebenskampfnaturen. 

Zudem, immer wieder, Ausführungen über ausgesprochene Zickzacklebensläufe, bei Ismail Kadare oder Franz Jung, auch Maxim Gorki oder Georg Glaser. Bewunderung für den poetischen Solitär und politischen Dissidenten Czeslaw Milosz, auch ein Lob für den zivilen Pragmatismus eines Arthur Miller, sphinxhaft blieb Enzensberger ein Heiner Müller. 

Wenn er über Raymond Queneau sagt, er sei gar so leicht zu fassen, dann klingt das eher beiläufig, aber worauf Enzensberger hinauswill, hat es in sich: „Er war viel zu intelligent, viel zu gelehrt und viel zu lustig für einen Schriftsteller.“ Eine Selbstzuschreibung? 

Der Lyriker Enzensberger schuldet dem ausgebufften Virtuosen auch die Idee eines Poesieautomaten - und damit nicht genug! „Mir scheint, daß er sich eine Tarnkappe nach der anderen aufgesetzt hat.“ Unbedingt gekonnt, was sich aus der Queneau-Camouflage alles herausholen lässt. 

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