Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

„Ich möchte etwas tun, das legal ist, das friedlich ist, und das verkörpert, worüber ich spreche“. Tsitsi Dangarembga in Harare im Juli 2020.
+
„Ich möchte etwas tun, das legal ist, das friedlich ist, und das verkörpert, worüber ich spreche“. Tsitsi Dangarembga in Harare im Juli 2020.

Friedenspreis des Deutschen Buchhandels

Tsitsi Dangarembga: „Wir hätten es mindestens drei Mal anders machen können, aber wir taten, was wir taten“

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
    schließen

Tsitsi Dangarembga, die im Herbst den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekommt, über die verzweifelte Situation in Simbabwe und die Gründe, trotzdem Hoffnung zu haben

Gratulation zur Auszeichnung, Frau Dangarembga. Kannten Sie den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels schon vorher?

Ich hatte davon gehört, mich aber nie näher damit beschäftigt. Mein Verleger hatte mich angeschrieben und mich gebeten, ein paar Auskünfte zu geben. Das habe ich dann halt gemacht, aber nicht mit dem Gefühl, dass ich dafür in Frage kommen würde.

Können Sie etwas über Ihre Situation in Simbabwe sagen? Ihr Gerichtstermin nach der Festnahme im vergangenen Jahr steht noch bevor, nicht wahr?

So ist es. Der Termin soll am 22. Juli sein. Ich hoffe auf einen guten Ausgang.

Sie sind in diesem Jahr bereits mehrfach ausgezeichnet worden, auch der Friedenspreis sollte Ihnen in einer solchen Situation nutzen.

Solche Dinge werden jedenfalls ungern vor einer größeren Öffentlichkeit verhandelt. Je mehr Menschen auf mich sehen, desto größer ist der Druck für die andere Seite, das Verfahren fair zu gestalten.

Fühlen Sie sich Ihrerseits unter Druck oder gar bedroht?

Ich will nicht zu sehr darüber nachdenken. Mich davon zu sehr besetzen zu lassen, ist nicht gut für meine psychische Gesundheit und auch nicht gut für meine Arbeit. Das heißt, ich werde am 22. wieder daran denken und sehen, was passiert. Aber natürlich kann ich es nicht komplett verdrängen. Und der Druck, den ich dabei selbstverständlich doch verspüre, erinnert mich daran, auf was für einem Niveau das Land angekommen ist und mit welchen Mitteln vorgegangen wird. Es ist ein sehr repressives Niveau. Demokratische Spielräume werden immer kleiner. Das macht mich traurig und lässt mich intensiv darüber nachdenken, wie man diese Spielräume wieder vergrößern könnte. Ich verspüre also auch einen zusätzlichen Druck, nämlich den Druck, mehr zu tun.

Vor Ihrer Festnahme haben Sie ein Schild gezeigt, auf dem Sie Reformen fordern. Was für Reformen sind das?

Wir brauchen Reformen in jeder Beziehung. Eine neue Verfassung von 2013 war sehr progressiv. Im Anschluss hat aber die Zanu-PF als führende Partei wenig dafür unternommen, das auch auf der Gesetzesebene einzulösen. Das ist aber zwingend notwendig. Und wir müssen die Menschen davon überzeugen, dass eine gute Verfassung und eine gute Gesetzgebung ihnen nutzen. Für Simbabwe ist das immer noch ein neues Konzept.

Inwiefern?

Vor der Unabhängigkeit 1980 dachten die Menschen hier nicht über eine Verfassung nach und wenn doch, dann war ihnen klar, dass es nicht um eine Verfassung für sie ging. Schwarze in Simbabwe waren Bürger zweiter Klasse. Und die vorherrschende Meinung war: Politik wird durch eine Person gemacht. Das beruht noch auf dem archaischen System, dass Chiefs das Sagen haben. Diese Person ist der Präsident und der Präsident gehört zur Zanu-PF. So gibt es die Vorstellung, dass das, was die Zanu-PF sagt, de facto schon legal ist.

Nicht das Gesetz zählt, sondern die Person.

Genau. Es ist ein langer Prozess zu vermitteln, dass vor dem Gesetz alle gleich sind und auch die, die an der Macht sind, sich verantworten müssen. Wenn sie gegen die Verfassung verstoßen, wenn sie der Demokratie Schaden zufügen, wenn sie korrupt sind, müssen sie zur Rechenschaft gezogen werden können. Wenn ich auf die Straße gehe, was ich im vergangenen Jahr mehrfach getan haben, dann tue ich das, weil ich nicht glaube, dass Reden und Analysieren allein etwas ändern. Es muss eine Aktion her, es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die den Mut haben, für ihre Überzeugung auch rauszugehen, ihren Körper hinzuhalten. Das ist eine Ermutigung für andere. Ich möchte etwas tun, das legal ist, das friedlich ist und das verkörpert, worüber ich spreche.

Tsitsi Dangarembga.

Kommen wir zu Tambudzai, die Heldin ihrer Romantrilogie. Steckt etwas von Ihnen und Ihrem Leben in ihr?

Ich wollte über das Land schreiben und zwar von einer Situation aus, die ich kannte. Der Grund dafür war der rapide Wandel, den ich in den sechziger, siebziger Jahren sah. Davon wollte ich etwas bewahren, festhalten. Die schwarze Bevölkerung war durch die kolonialen Siedlerregierungen lange entrechtet gewesen, es hatten sich Strukturen herausgebildet, in denen praktisch nur eine Person in der Familie erfolgreich sein konnte und im Gegenzug dann aber auch für die gesamte Familie sorgen musste. Es gibt sogar ein Wort dafür, „black tax“.

Tambudzais Bruder scheint dafür vorgesehen zu sein.

Außerdem interessierte mich der patriarchale Konservatismus, damals noch verbreiteter als heute. Und da ich wollte, dass auch andere Menschen das wiedererkennen konnte, habe ich Tambudzai vieles erleben und sehen lassen, was ich selbst erlebt und gesehen hatte.

Das Kind Tambudzai ist davon überzeugt, dass nur eine gute Schulbildung sie weiterbringen kann, dass das der einzige Ausweg ist. Das lässt einen beim Lesen nicht kalt. Hat Bildung in Simbabwe immer noch denselben Stellenwert?

Vor der Jahrtausendwende war das so. Das kommt noch aus der Kolonialzeit, als Schwarze praktisch nur eine Chance hatten: eine Ausbildung zu bekommen, mit der sie in das System der weißen Siedler hineinpassten. Man konnte zum Beispiel Büroangestellter werden, die brauchte es für die Kolonialadministration. Dann brauchte es schwarze Lehrer, um genug Nachwuchs für die Büros zu bekommen. Dann brauchte es schwarze Ärzte, damit die Leute gesund blieben und arbeiten konnten. Was sich an beruflichen Möglichkeiten für Schwarze eröffnete, war immer das, was zugleich das Kolonialsystem stützte. Aber natürlich half es auch dabei, selbst ein besseres Leben zu führen. Nach der Unabhängigkeit kamen viele zurück, die vorher ins Ausland gegangen waren, umgekehrt wurde Stellen frei, die zuvor von Weißen besetzt waren. Das blieb so, bis die Wirtschaft ins Wanken kam. Bei den Regierenden kam, glaube ich, in dieser Phase zudem der Eindruck auf: Je besser Menschen ausgebildet sind, desto mehr Fragen stellen sie.

Eine weltweit immer wieder auftretende Erkenntnis.

Und diese Mischung, die ökonomische Krise und die Ängste der Mächtigen, schob das Thema Bildung in den Hintergrund. Posten wurden eine Frage der Vetternwirtschaft. Heute gibt es hier Menschen mit Uniabschlüssen, die als Straßenverkäufer arbeiten. Und lernen, dass Bildung nichts mehr einbringt. Ich hoffe auf einen erneuten Wandel: Dass Menschen sich wieder daran erinnern, dass Bildung auch die Möglichkeit eröffnen, seinen Verstand und seinen Intellekt zu nutzen, um Probleme zu lösen.

In „Aufbrechen“, „Nervous Conditions“, zeigt sich ein großes Armutsgefälle zwischen Stadt und Land. Hat sich daran etwas geändert?

Die Kluft ist immer noch sehr groß, es gibt vor allem sehr wenig Zugang zu öffentlichen Dienstleistungen aller Art.

Zur Person

Tsitsi Dangarembga, 1959 in Mutoko im damaligen Rhodesien als Tochter eines späteren Lehrerehepaars geboren, hat in England und Deutschland gelebt und ist heute in Simbabwes Hauptstadt Harare als Schriftstellerin und Filmemacherin tätig. Sie engagiert sich gegen Politikmissbrauch und Korruption, was im vergangenen Sommer zu ihrer Festnahme führte. Sie kam auf Kaution frei, die Gerichtsverhandlung steht noch aus. Am Montag gab der Börsenverein des Deutschen Buchhandels bekannt, dass sie im Oktober in der Frankfurter Paulskirche den Friedenspreis erhält.

Als Autorin wurde sie vor allem mit der Romantrilogie über ein Kind und eine Frau namens Tambudzai bekannt, die in einem Zeitraum von dreißig Jahren entstand: Von den Bänden „Nervous Conditions“ (1988), „The Book of Not“ (2006) und „This Mournable Body“ (2018) wurden / werden bisher zwei übersetzt. Band 1 erschien zunächst unter dem Titel „Der Preis der Freiheit“ bei Rowohlt (1991), dann unter dem Titel „Aufbrechen“ bei Orlanda (2019), wobei es sich um dieselbe Übersetzung von Ilija Trojanow handelt. Orlanda kündigt für September auch Band 3 an, „Überleben“, aus dem Engl. von Anette Gruber.

Sie meinen Infrastruktur, Strom, Wasser, Transport, Gesundheitsversorgung.

Allerdings geht das alles auch in den Städten stark zurück. Das heißt, Stadt und Land nähern sich an, aber in der falschen Richtung.

Woran liegt das?

Misswirtschaft, schlechte Regierungsführung. Das Ziel der Macht ist es, sich selbst zu erhalten. Das heißt, irgendwann ist die Macht nur noch damit beschäftigt, mächtig zu sein und fernzuhalten, was dem entgegenstehen könnte.

Tambudzais Schicksal ist geprägt davon, dass sie ein Mädchen ist. Wie schätzen Sie die Situation von Frauen in Simbabwe heute ein?

Die Dinge haben sich nicht so sehr verändert, wie es mir lieb gewesen wäre. Nach der Unabhängigkeit durften Frauen wählen, waren vor dem Gesetz mündig, wir hofften, dass das weitere starke Veränderungen bringen würde. So kam es nicht, und mit dem wirtschaftlichen Niedergang wurde es erst recht wieder sehr schwierig. Wenn Ihnen das Geld ausgeht und nur noch ein Kind weiter zur Schule gehen kann, wird es in den meisten Fällen wieder der Junge, nicht das Mädchen sein.

Das ist es, was Tambudzai passiert ist.

Und es war zwischendurch deutlich besser. Heute werden übrigens bei der Kinderarbeit, etwa zum Goldwaschen, Mädchen und Jungen gleichermaßen eingesetzt. Was Mädchen wiederum stärker betrifft, ist der Bereich der Sexarbeit, der für viele der erste Schritt zu einem Einkommen ist. Das ist eine solche Gewalt gegen ein Kind, dass es nie darüber hinwegkommen wird. Dazu die Gefahr einer Schwangerschaft, einer HIV-Ansteckung.

Tambudzais Geschichte, die in „Aufbrechen“ noch so viel Grund zur Hoffnung gibt, ist die Geschichte einer Enttäuschung. Wie könnte Simbabwes Misere zu einem guten Ende kommen?

Wenn ich heute auf Simbabwe schaue, bin ich verzweifelt und entmutigt. Ich bin traurig darüber, dass wir als Nation es zugelassen haben, an einen solchen Punkt zu kommen. Und ich glaube, es ist sehr schwierig, wieder einen Weg zu finden, der aufwärts führt. Aber möglich ist es. Es gab immer wieder Schlüsselmomente in unserer kurzen Geschichte, in denen wir hätten andere Entscheidungen treffen können. 2017, als Mugabe abgesetzt wurde, 2013 als die neue Verfassung beschlossen wurde, 2008, als Mugabe bei den Wahlen von Tsvangirai geschlagen wurde, aber die Leute um Mugabe zusammenrückten und ihn dennoch an der Macht hielten. Wir hätten es mindestens drei Mal anders machen können, aber wir taten, was wir taten. Aber es werden weiter solcher Momente kommen. Die Herausforderung ist, den Mut und die Hoffnung aufrechtzuerhalten.

Für wen möchten Sie schreiben, an wen denken Sie, wenn Sie schreiben? Die Menschen in Simbabwe, in Afrika, überall in der Welt?

Ich bin mein erstes Publikum. Es muss also als erstes mir gefallen. Aber Ihre Frage wird nun natürlich sein: Für wen soll es mir denn gefallen? Und da muss ich ganz klar sagen: Ich will so schreiben, dass die Leute hier in Simbabwe sich darin erkennen. Wenn das nicht der Fall ist, erfüllt mein Schreiben nichts von dem, was Literatur tun sollte. Literatur sollte wie eine Welle sein, die langsam weiter und weiter geht. Wenn ich meine nächste Umgebung überspringen würde, hätte ich das Gefühl, etwas falsch gemacht zu haben.

Wie geht es dem simbabwischen Buchmarkt?

Er liegt ziemlich danieder. Geld wird noch mit Lehrbüchern, Selbsthilfebüchern und Ratgebern verdient.

Das klingt allerdings gar nicht so unvertraut.

Literatur dagegen wird nicht mehr viel verlegt und nicht mehr gut verkauft. Das ist sehr schade. Simbabwe war ein Land der Leser bis vor vielleicht fünfzehn Jahren.

Was bedeutet Ihnen die Sprache Shona?

Ich bin überwiegend auf eine englischsprachige Schule gegangen. Ich benutze die Sprache jedoch, nicht mit meinem Mann, der Deutscher ist, aber mit anderen. Das Wort Shona verwende ich dabei ungern, weil es eine britisch-koloniale Erfindung ist. Es passte den Engländern zu sagen: Das ist Mashonaland, lasst es uns erobern. Sie fassten damit schlicht die ganze Gegend zusammen, das Terrain eben, das sie haben wollten.

Shona ist nicht eine, sondern viele Sprachen?

Eine Gruppe von Sprachen, die aber einander ähneln. Die Sprachen, die unter dem Wort zusammengefasst werden, kommen übrigens ohne Geschlechtspronomen aus, so dass sich die ganze Gender-Problematik gar nicht stellt. Das hat für mich einen starken symbolischen Gehalt.

Sie haben lange im Ausland gelebt. Wäre das wieder eine Option für Sie?

Ja und nein. Ich würde gerne an einem Ort leben, an dem ich mich als Künstlerin und Mensch weiterentwickeln kann. Simbabwe war ein solcher Ort, ist es aber nicht mehr, seit alles zusammenzubrechen begann, inklusive der Organisation des täglichen Lebens. Wenn ich jetzt ein Angebot bekäme, woanders das zu tun, was ich tun möchte, würde ich darüber nachdenken. Ich hatte gerade eine Fellowship in Südafrika, und es war wunderbar, mit Menschen zusammen zu sein, die sich mit denselben Themen beschäftigen wie ich selbst. Andererseits geht alles, was ich tue, von Simbabwe aus und ich habe eigentlich nicht den Wunsch wegzugehen.

Sie haben drei Kinder. Was wünschen Sie ihnen für die Zukunft?

Ich wünsche ihnen, dass sie das, was sie im Leben machen wollen, möglichst früh finden. Ich habe es sehr spät gefunden. Und ich wünsche Ihnen, dass sie den Ort finden, an dem sie dem nachgehen können und zugleich ein gutes Auskommen damit finden. Ich bin generell nicht der Meinung, dass die Lasten Simbabwes von den jungen Menschen getragen werden sollten, die zum Beispiel jetzt in den Zwanzigern sind. Oft wird gesagt: Jetzt soll mal die Jugend ran, die nächste Generation. Aber es erscheint mir unverantwortlich, wenn sich die, die die jetzige Situation erlaubt, jedenfalls nicht verhindert haben, einfach zurücklehnen. Die Generationen sollten es zusammen machen, aber die älteren Generationen sollten nicht vergessen, dass sie eine Verantwortung gegenüber den jüngeren haben.

Interview: Judith von Sternburg

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare